Am Tag, an dem mein Gehalt eingegangen ist, hat sich mein Handy mit einem schrillen, fordernden Läuten gemeldet – so einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet. Auf dem Display ist der Name meiner Schwiegermutter aufgeleuchtet: Barbara. Ich habe mir Zeit gelassen, abgehoben – und statt eines „Grüß Gott“ ist mir sofort ein schneidender Befehl entgegengeschlagen:
„Anna, schick mir augenblicklich einen Screenshot vom Konto. Ich will sehen, was dir überwiesen worden ist.“
Ich habe laut aufgelacht, direkt ins Telefon hinein. Offenbar hatte Barbara beschlossen, sich von der wohlverdienten Pensionistin zur persönlichen Finanzprüferin meiner Wenigkeit umschulen zu lassen.
„Grüß Gott, Barbara“, habe ich ruhig erwidert und mich dabei bequem im Fauteuil zurückgelehnt. „Planen Sie, mir einen Steuervorteil zu organisieren, oder machen Sie jetzt ein Inkassobüro auf?“
„Red doch keinen Unsinn!“ hat sie empört zurückgeschossen. Man hat deutlich gehört, dass sie irritiert war, weil ich nicht sofort strammgestanden bin. „Ich muss über das Familienbudget Bescheid wissen! Schick das rüber, ich rede hier nicht zum Spaß. Es geht um etwas Ernstes!“

Ich habe das Gespräch beendet, ohne weitere Höflichkeitsfloskeln. Ich bin achtunddreißig, arbeite als Augenärztin in einer großen Wiener Klinik, verdiene mein eigenes Geld und bin längst aus dem Alter draußen, in dem laute Stimmen Ehrfurcht auslösen.
Draußen hat ein Schneesturm getobt und Flocken gegen die Fensterscheiben gepeitscht. In unserer warmen Küche hat es nach frisch aufgebrühtem Thymiantee geduftet, nach Geborgenheit und Zuhause. Mein Mann Lukas ist am Tisch gesessen, vertieft in seine beruflichen Mails am Laptop. Neben ihm hat mein Onkel Sepp Platz genommen – ein imposanter Mann mit der Statur eines Alpenbären, einer Bassstimme, die Gläser zum Vibrieren bringt, und einem herrlich trockenen Humor. Er war auf der Durchreise von einem Auftrag im Norden Österreichs und sein Besuch hat stets für gute Stimmung gesorgt.
Keine vierzig Minuten später hat es im Vorzimmer energisch im Schloss geklickt. Barbara hatte die unselige Angewohnheit, mit ihrem Zweitschlüssel einfach hereinzukommen. Entschlossen ist sie in die Wohnung gestürmt, eingepackt in eine dicke Daunenjacke und umgeben von jener geschäftigen, zerstörerischen Energie, mit der Menschen gewöhnlich auftreten, wenn sie „nur helfen“ wollen. Mein beendeter Anruf dürfte sie zusätzlich angestachelt haben.
„Servus, ihr zwei!“ hat sie laut gerufen und dabei den Schnee von den Stiefeln direkt auf unseren sauberen Teppich geschüttelt. „Anna, warum legst du einfach auf? Ich habe doch klar gesagt, wir haben ein wichtiges Finanzthema!“
Ich bin gemächlich in den Vorraum gegangen, habe die Arme verschränkt und sie ruhig angesehen.
„Barbara, ich fürchte, Sie sind bei der falschen Adresse. Finanzangelegenheiten klärt man auf der Bank. Hier ist unser Zuhause. Und da klopft man normalerweise an.“
Sie hat nur gereizt mit den Schultern gezuckt, die Stiefel abgestreift und ist mit selbstverständlicher Entschlossenheit in die Küche marschiert.
„Wir sind eine Familie! Da gibt es keine Geheimnisse!“ hat sie verkündet, während sie die Mütze abgenommen und sich demonstrativ an das Kopfende des Tisches gesetzt hat. „Lukas’ Gehalt geht ohnehin komplett für euren Kredit und den Haushalt drauf, das weiß ich genau. Und dein Einkommen bildet ab sofort unsere gemeinsame Rücklage. Ich habe mir das gut überlegt: Ich übernehme die Verwaltung der Finanzen. Rein aus familiärer Fürsorge. Ihr seid noch jung, ihr gebt das Geld nur für Unsinn aus. Ich hingegen muss dringend in meine Gesundheit investieren.“
Mitten im Satz ist ihr Blick auf Onkel Sepp gefallen. Er hat sein großes Häferl leicht angehoben und sie mit funkelnden Augen gemustert.
„Grüß dich, Barbara“, hat er in seinem tiefen Bass gesagt. „Was treibt dich denn bei so einem Wetter zu uns?“ Seine Stimme war so voll, dass die Löffel in den Untertassen geklirrt haben.
„Grüß dich, Sepp“, hat sie knapp erwidert und die Lippen schmal zusammengepresst. Zusätzliche Ohren im Raum haben ihr ganz offensichtlich nicht gefallen. Doch von ihrem Vorhaben abzurücken, daran hat sie keinen Gedanken verschwendet.
Sie hat sich aufgerichtet, die Hände theatralisch gefaltet und schwer geseufzt.
„Ich komme direkt zur Sache. Ich brauche dringend Geld für eine Behandlung. Man wird ja nicht jünger, das wisst ihr selbst. Der Arzt hat gemeint, es sei eine unglaublich teure Prozedur notwendig…“
