„…eine unfassbar kostspielige Angelegenheit“, hat sie weitergetan und dann ohne zu blinzeln ergänzt: „Anna, überweis mir noch heute dein Gehalt. Ich hab mich erkundigt – das müsste sich genau ausgehen.“
Ich habe ihr gegenüber Platz genommen und dabei gespürt, wie in mir dieser kühle, sachliche Instinkt angesprungen ist, den ich aus dem Berufsalltag kenne. Laut werden bringt nichts, Streit um des Streits willen schon gar nicht. Mir sind überprüfbare Tatsachen lieber als dramatische Auftritte.
„Von welchem Eingriff reden wir konkret?“, habe ich ruhig gefragt und ihr direkt in die unruhig flackernden Augen geschaut. „Welche Diagnose wurde gestellt? Du weißt, dass ich Ärztin bin. Gib mir bitte den Befund, die Krankengeschichte, sämtliche Verordnungen – ich sehe mir das selbst an. Wenn es tatsächlich dringend ist, organisiere ich dir über meine Kontakte einen Termin bei den besten Fachärzten in der Stadt. Und das ohne einen Cent Kosten für dich.“
Barbara Konstantinovna – sie hat sich sofort ertappt gefühlt – hat den Blick über die Küchenkästen wandern lassen, als würde dort irgendwo eine rettende Antwort stehen. Mit so viel Nüchternheit hat sie offenbar nicht gerechnet.
„Ach, was verstehst denn du mit deinen Spitälern!“, ist sie aufgebracht gefahren. „Diese Gratis-Kontingente! Dort ruinieren sie dich und wissen am Ende nicht einmal deinen Namen! Und ich brauch das sofort, morgen schon! Es geht um… na ja… um ein energetisches Ungleichgewicht im Körper. Ein Spezialist hat mir erklärt, dass ich zur Stärkung vom Immunsystem und zur Regulierung vom Blutdruck dringend die richtigen Edelmetalle und seltene Steine auf Kopfhöhe tragen muss. Das ist uraltes Heilwissen, wissenschaftlich bestätigt von Professoren!“
Lukas, der bisher still zugehört hat, hat langsam den Laptop zugeklappt. Sein Blick ist hart geworden, beinahe schneidend.
Ich habe mir ein Grinsen nicht verkneifen können. Dieses Schauspiel hatte etwas unfreiwillig Komisches, wie ein Laienspiel in einem Provinztheater.
„Edelsteine auf Kopfhöhe?“, habe ich trocken erwidert. „Barbara Konstantinovna, ich sag dir das als Medizinerin: In Ohrläppchen befinden sich weder geheime Langlebigkeitszentren noch mystische Druckpunkte. Dort gibt’s Fettgewebe, ein bisserl Knorpel und feine Kapillaren. Der einzige Druck, den Diamanten erzeugen, ist höchstens der Blutdruck neidischer Nachbarinnen. Hast du das in irgendeinem Gratisblättchen am Postamt gelesen, oder hat dir deine beste Freundin Claudia ihre neuesten Errungenschaften unter die Nase gerieben?“
Meine Schwiegermutter ist rot angelaufen wie trockenes Stroh, das eine Funken erwischt. Ihr ausgeklügelter Plan, wahrscheinlich über schlaflose Nächte hinweg ausgebrütet, bekam sichtbare Risse.
Man musste wissen: Claudia war im ganzen Grätzel berüchtigt. Eine Frau mit dem Talent, aus heißer Luft Intrigen zu spinnen und dabei andere für sich zahlen zu lassen. Erst vor wenigen Tagen hatte sie Barbara mit stolzgeschwellter Brust funkelnde Ohrringe präsentiert und ganz offen damit geprahlt, sie ihrer Schwiegertochter mittels raffinierter Manipulationen „entlockt“ zu haben.
„Was hat denn das mit Claudia zu tun?!“, ist Barbara schrill geworden – und hat sich damit selbst verraten. „Ja, Claudia hat halt fürsorgliche Kinder, die haben ihr traumhafte Diamantstecker gekauft! Und seither sind ihre ganzen Beschwerden wie weggeblasen! Aber mein eigener Sohn zahlt nur für Betonwände und vergisst dabei seine Mutter! Ich hab euch großgezogen, Nächte durchwacht, alles gegeben – und ihr knausert bei ein paar Euro herum!“
Als sie gemerkt hat, dass Mitleid bei mir nicht zieht, hat sie schlagartig umgeschaltet. Die Wut ist einer süßlichen Sanftheit gewichen, so klebrig, dass es einem die Zähne zusammenzieht.
„Annal, mein Herz“, hat sie in einem honigsüßen Ton gesäuselt. „Ich frag ja nicht aus Eigennutz. Ich war gestern beim Notar. Ich hab beschlossen, unser Familienhaus in Hallstatt vollständig auf dich überschreiben zu lassen. Der Lukas ist ein Bub, der braucht keine Beete und keine Glashäuser. Aber du bist tüchtig, du kannst wirtschaften. Überweis mir heute dein Gehalt für die Behandlung, und nächste Woche fahren wir gemeinsam hin und machen die Papiere fix. Dann gehört dir das Anwesen ganz offiziell.“
Fast hätte ich laut losgelacht. Also das war es. Der klassische Köder – vermutlich eine Idee von Claudia. Erst goldene Versprechungen, dann soll das Opfer zahlen, und später findet sich schon eine Ausrede: Unterlagen „verlegt“, plötzlicher Blutdruck, ein dringender Termin – irgendetwas kommt immer dazwischen.
Onkel Sepp hat vernehmlich geschnaubt, genüsslich einen Schluck von seinem starken Tee genommen und in die Dunkelheit vor dem Fenster hinausgeschaut.
„Weißt, Barbara…“
