— Ihre Forderung ist ja wohl die Höhe der Unverschämtheit. Nehmen Sie Ihren Mund zurück und verlassen Sie augenblicklich mein Haus! — Anna riss die Eingangstür weit auf, sodass sie gegen die Wand schlug.
— Ihr Sohn sitzt mir seit einem Jahr im Nacken. Und jetzt meint er auch noch, ich soll die ganze Sippschaft auf meine ach so schmalen Schultern laden? Glauben Sie, ich brech nicht irgendwann zusammen? — Sie hielt Maria den Mantel entgegen und funkelte sie an.
— Haben Sie eigentlich noch alle Begriffe beisammen? Oder sind Sie damals, als das Gewissen verteilt worden ist, in der Schlange für Dreistigkeit gestanden? — Annas Blick war voller offener Verachtung.
— Anna, was redest denn da? — knurrte die Schwiegermutter, ohne Anstalten zu machen zu gehen.
— Ist es denn so schwer, dem Bruder Ihres Sohnes unter die Arme zu greifen? Geld haben Sie doch genug, bei Ihnen pickt’s ja förmlich an den Wänden. — Maria ließ den Blick durch das großzügige Wohnzimmer schweifen, über die modernen Möbel und die teuren Lampen.

— Ja, ich verdiene gut. Aber zu Ihrem Umgang mit Geld hab ich in etwa so viel Beziehung wie der Schnee zur Wüste. — Anna verschränkte die Arme. — Warum bitte sollte ich die Renovierung vom Bruder meines Mannes finanzieren? Ist er völlig hilflos?
— Anna, im Moment schaut’s bei ihm finanziell düster aus. Seit drei Monaten findet er keine Arbeit. Die Wohnung ist eine halbe Baustelle, und mit einem kleinen Kind wohnen sie mitten im Dreck. — Maria seufzte tief, wie sie es immer tat, wenn sie Mitleid erregen wollte.
Jedes Mal, wenn Maria um Geld gebeten hatte, war dieses theatralische Aufatmen gekommen, gefolgt von langen Klagen über das harte Leben.
Meistens hatte Anna am Ende doch nachgegeben. Sie hatte diskutiert, sich aufgeregt, gestritten — und schließlich überwiesen. Diesmal jedoch war etwas anders. Zum ersten Mal bekam die Schwiegermutter ein klares Nein zu hören.
— Es ist nicht mein Problem, dass Ihr zweiter Sohn zu bequem ist, sich etwas zu suchen. Angeblich findet er nichts … — Anna blieb unbeirrbar im Türrahmen stehen.
— Als würde mir das Geld zufliegen. — Ihre Lippen wurden schmal. — Glauben Sie, ich arbeite nicht doppelt so viel, wenn wieder jemand von euch die Hand aufhält? Haben Sie sich das jemals gefragt?
— Anna, ich hab dich doch nie um viel gebeten. Nur um Kleinigkeiten … — Maria legte ihren Mantel auf das schmale Kästchen im Vorraum, als hätte sie vor, länger zu bleiben.
— Ein einziges Mal in meinem Leben hab ich dich um etwas wirklich Wichtiges gebeten. Und was kommt zurück? Ablehnung. — Maria wollte noch weitersprechen, doch Anna fiel ihr ins Wort.
— Ein einziges Mal? — Anna riss die Augen auf. — Letzten Monat hab ich Ihnen eine neue Waschmaschine bezahlt. Vor zwei Monaten hab ich fünfzigtausend Euro zu Ihrem Urlaub dazugeschossen. Im Oktober hab ich für Ihren Mann die Winterreifen gezahlt. Ist das Ihr „ein einziges Mal“?
Maria stockte, doch Anna ließ nicht locker.
— Oder beginnt Hilfe für Sie erst dann, wenn ich mehr als eine Million Euro auf den Tisch legen soll? — Ihre Gereiztheit war nicht mehr zu überhören.
— Es reicht jetzt. Je länger Sie hier stehen, desto mehr gehen Sie mir auf die Nerven. — Mit raschen Schritten war Anna bei ihr, drückte ihr den Mantel in die Arme und bugsierte sie beinahe mit Nachdruck zur Tür hinaus.
— Das erzähl ich meinem Sohn! Wie du mit seiner Mutter umspringst! Deiner eigenen Verwandten verweigerst du das Geld! — zischte Maria noch, ehe sich die Lifttür schloss.
— Sie sind nicht meine Verwandte! — rief Anna hinterher.
— Wenn das so weitergeht, ist Ihr Sohn bald auch keiner mehr. — Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.
— Unglaublich … völlig verdrehte Vorstellungen. Ich werd doch nicht die Geldbörse für die ganze Familie spielen. Haben sich wohl gedacht, sie haben die Dumme gefunden. — Anna riss das Fenster auf, damit der schwere Duft des Parfums aus der Wohnung zog.
Sie nahm ein Buch zur Hand und begann mechanisch zu lesen. Die Zeilen verschwammen, die Zeit verging, ohne dass sie es merkte. Stunden später sollte sich zeigen, dass der eigentliche Konflikt erst begann.
Gegen acht Uhr abends kam Lukas von der Arbeit heim. Im Gegensatz zu seinem Bruder ging er zumindest einer Beschäftigung nach, auch wenn sein Gehalt kaum für Lebensmittel reichte. Dafür griff er ohne Zögern auf Annas Einkommen zurück — ganz selbstverständlich, fast schon gewohnheitsmäßig.
Die Neigung, auf Kosten anderer zu leben, war ihm offenbar in die Wiege gelegt worden.
— Anna, warum hast du meiner Mutter nicht geholfen? — Kaum hatte er die Wohnung betreten, ging er sie an.
— Wobei genau? — Sie hob den Blick vom Buch und sah ihn kühl an.
— Na ja … Mama hat dich doch um Geld für meinen Bruder gebeten …
