…für die Renovierung seiner Wohnung gebraucht, und du hast sie einfach abblitzen lassen. Und noch dazu hast du unverschämte Sachen gesagt. — Lukas warf Anna einen vorwurfsvollen Blick zu, ging an ihr vorbei ins Wohnzimmer und blieb dort stehen. — Geht’s dir eigentlich noch gut?
Sie legte das Buch langsam zur Seite und sah ihn scharf an.
— Sag einmal, kapier ich da was nicht? Du stellst dich ernsthaft auf ihre Seite? Erwartest du wirklich von mir, dass ich die Sanierung von Tobias’ Wohnung bezahle?
— Wir tragen doch alle unseren Teil bei. So funktioniert Familie. Meine Eltern haben etwas gegeben, ihre Schwiegereltern ebenfalls, ich hab auch beigesteuert … — Er ließ sich auf das Sofa fallen und verschränkte die Finger ineinander. — Jetzt wärst du halt dran.
Anna schnaubte leise.
— Aha, interessant. Für eine neue Waschmaschine, Winterreifen oder irgendeinen gemeinsamen Urlaub ist bei deinen Eltern angeblich nie Geld da. Aber sobald dein Bruder seine vier Wände aufhübschen will, tauchen plötzlich Reserven auf?
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu, ihre Stimme nun kühler:
— Und noch spannender ist, woher du dein Geld nimmst. Immer wenn ich dich bitte, dich an irgendetwas zu beteiligen, heißt es, du bist knapp bei Kassa. Abgesehen von ein paar Einkäufen stehst du ständig auf und überlässt mir die Rechnung.
Lukas fuhr sich durchs Haar.
— Du weißt doch, ich arbeite als Immobilienmakler. Mal läuft’s, mal eben nicht. Gestern hab ich eine Wohnung vermittelt, und das Erste, was ich gemacht hab, war, Mama Geld zu überweisen. — Er legte seine Armbanduhr auf den Tisch, als müsste er damit seine Worte unterstreichen.
— Lukas, bei dir ist dauernd Ebbe. Seit einem Jahr kann ich mich nicht erinnern, dass mehr als vierzigtausend Euro im Monat reingekommen wären. Ich hingegen verdiene regelmäßig rund eine halbe Million. — Anna schlug die Beine übereinander und lehnte sich im Fauteuil zurück. — Zwischen uns klafft finanziell ein Abgrund, so groß wie ganz Wien.
Ihre Stimme wurde schärfer.
— Seit einem Jahr komme faktisch ich für uns beide auf. Deine Kleidung hab ich bezahlt, deinen alten Kredit aus der Zeit vor unserer Ehe hab ich getilgt, und sogar der Urlaub am Meer ging auf meine Kosten. Also sag mir: Wer ist hier eigentlich der Mann im Haus? Spielst du den großen Alphatypen?
Er verzog das Gesicht.
— Ich tu doch nicht auf Alphamännchen. Im Moment läuft’s eben nicht. Aber das ändert sich. Mein Projekt wird durchstarten, dann reden wir weiter. Und dass du jetzt nicht geholfen hast … das merk ich mir. Wenn ich erst Millionen mache, wirst du schon sehen. — Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand im Schlafzimmer.
Argumente hatte er keine mehr, also ließ er sie mit seinem trotzigen „letzten Wort“ zurück.
— Finde erst einmal heraus, wie dein großartiges Projekt überhaupt starten soll … — rief Anna ihm nach. — Nicht einmal ein Kind kannst du mir schenken!
Der Satz kam schärfer heraus, als sie geplant hatte. Mit fünfunddreißig wünschte sie sich nichts sehnlicher als ein Baby. Lukas war fünf Jahre jünger, und seit über einem Jahr versuchten sie es vergeblich.
Noch am selben Abend fasste Anna einen Entschluss: Schluss damit, dass seine Familie sich an ihrem Einkommen bediente. Sie holte aus dem Kasten frische Bettwäsche, zog die Schlafcouch im Wohnzimmer aus und beschloss, zeitig schlafen zu gehen. Abstand würde ihr guttun.
Kurz nach Mitternacht wurde sie wach und ging Richtung Bad. Dabei fiel ihr auf, dass in der Küche Licht brannte. Aus dem Augenwinkel sah sie Lukas am Tisch sitzen, das Handy am Ohr, die Stimme gedämpft.
— Nein, sie ahnt nichts. Wir sind fast am Ziel. Übermorgen kann ich das Geld einzahlen. Die Summe hab ich beinahe zusammen.
Anna blieb wie angewurzelt stehen. Kein Laut kam über ihre Lippen, während sie jedes Wort in sich aufsog. Mit jeder weiteren Silbe weiteten sich ihre Augen.
— Mach dir keine Sorgen. Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich hab doch gesagt, ich regel das. Alles wird gut. — Er sprach so leise, dass es beinahe ein Flüstern war.
Ihr stockte der Atem.
Der wichtigste Mensch? War sie das nicht? Gab es etwa noch jemanden?
Sie hielt sich die Hand vor den Mund, während er weiterredete.
— Ja, heuer hab ich ordentlich gespart. Du hattest recht … In Annas Wohnung zu ziehen, damit ich mehr zurücklegen kann — das war genial. Danke dir noch einmal für den Tipp. — Er stand auf, nahm eine Flasche Wein und schenkte sich ein Glas ein.
In diesem Moment begriff sie: Er hatte sich mit jemandem verbündet.
Mit jemandem, der ihn beraten hatte.
Und sie selbst war Teil eines Plans gewesen.
Schnell schlich sie zurück ins Wohnzimmer und legte sich hin, als wäre nichts geschehen.
— Er hat sich verschworen … — flüsterte sie in die Dunkelheit.
— Und mich vor der Hochzeit schon belogen …
— Und mich ausgenutzt …
Im Bett liegend spürte sie, wie ihr Herz gegen die Rippen hämmerte, schwer und unruhig wie die Räder einer Lokomotive auf Schienen. In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken im Kreis, schneller und schneller, bis sie kaum noch unterscheiden konnte, was Angst war und was blanke Wut.
