„Nehmen Sie Ihren Mund zurück und verlassen Sie augenblicklich mein Haus!“ Anna riss die Eingangstür weit auf, sodass sie gegen die Wand schlug

Das ist ja eine unerträgliche Dreistigkeit.
Geschichten

Die Gedanken hörten nicht auf, sich in ihrem Kopf zu überschlagen.

— Er braucht also Geld für irgendetwas …

— Und die ganze Zeit hat er bei mir gewohnt, hat gejammert, er hätte keinen Cent, und in Wahrheit hat er gespart … Von meinem Geld hat er gelebt …

— Und wer ist eigentlich die wichtigste Frau in seinem Leben?

Anna spürte, wie ihr die Tränen heiß über die Wangen liefen. Ihr ganzer Körper zitterte vor Zorn und Enttäuschung. Von Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden lag sie wach, starrte ins Dunkel und malte sich die schlimmsten Szenarien aus. Erst gegen vier Uhr früh war sie erschöpft eingenickt – und als sie die Augen wieder aufschlug, war es bereits Mittag.

— Dass ich mich scheiden lasse, steht fest. Aber vorher finde ich heraus, was dieser Idiot vor mir verheimlicht. Lukas hat gesagt, morgen zahlt er das Geld ein. Also werde ich morgen herausfinden, wohin. — Mit diesem Entschluss stand sie auf und ging unter die Dusche.

Den restlichen Tag verbrachte Anna damit, die Wohnung auf Vordermann zu bringen, Wäsche zu waschen, zu kochen – all die alltäglichen Dinge, die sie sonst nebenbei erledigte. Am Abend kam Lukas von seinen Eltern zurück. Sie zwang sich zu einem ruhigen Gesichtsausdruck. Innerlich hatte sie bereits mit der Ehe abgeschlossen, doch nach außen spielte sie die ahnungslose Ehefrau.

Am Montag sagte sie sämtliche Termine ab. Kaum war Lukas in die Arbeit gefahren, machte sie sich bereit. Bereits am Vortag hatte sie einen kleinen Schlüsselanhänger mit Ortungsfunktion besorgt und unauffällig in seiner Tasche versteckt.

Sie bestellte ein Taxi und ließ sich hinter ihm herfahren. Zuerst hielt Lukas bei einer Bank, danach fuhr er weiter zu einem modernen Bürogebäude. Anna blieb im Wagen sitzen und beobachtete den Eingang. Keine fünf Minuten später erstarrte sie: Auch ihre Schwiegermutter Maria betrat das Gebäude.

— Also steckt sie mit drin. Deckt ihn. Eine richtige Teufelsfamilie … Wartet nur, das wird euch noch leidtun. Aber was treiben die dort? — Anna starrte fassungslos auf die Glasfassade.

Als Lukas und Maria wieder herauskamen und davongingen, wartete Anna noch kurz, dann stieg sie aus und betrat das Gebäude.

Im Foyer überflog sie die Firmenschilder.

— Druckerei, Tanzstudio … — murmelte sie.

— Fenstervertrieb — nein. Hochzeitsagentur — sicher nicht. Übersetzungsbüro — auch nicht … — Sie strich Möglichkeit um Möglichkeit.

— Modelagentur? Unsinn. Fotostudio? Auch kaum …

— Gnädige Frau, kann ich Ihnen helfen? — Ein Sicherheitsmann trat auf sie zu.

Anna reagierte blitzschnell. — Mein Mann war gerade mit seiner Mutter hier. Sie haben ein Dokument liegen lassen. Ich sollte es abholen.

— Sie waren bei der Bauträgerfirma, Abteilung Wohnungsverkauf. Bitte einen Ausweis, dann stelle ich Ihnen eine Besuchskarte aus. — Der Mann blieb höflich.

Da Anna denselben Nachnamen trug wie Lukas, schöpfte niemand Verdacht. Wenige Minuten später stand sie im richtigen Büro.

— Grüß Gott. Mein Mann und seine Mutter waren vorhin da. Er hat mich gebeten, eine Kopie der Unterlagen mitzunehmen. Könnten Sie das bitte ausdrucken?

— Natürlich, einen Moment. — Eine freundliche Angestellte tippte etwas in den Computer, druckte mehrere Seiten aus und legte alles ordentlich in eine Mappe.

Draußen, während sie auf das nächste Taxi wartete, blätterte Anna durch die Papiere – und ihr stockte der Atem.

— Drei-Zimmer-Wohnung in einer neuen Wohnanlage in Wien … vierundachtzig Quadratmeter … Anzahlung bereits geleistet … Fertigstellung in sechs Monaten … Eigentümerin: Maria … — Ihre Hände zitterten.

— Also dafür war das Geld. Für sie. Wenn es um Lukas geht, ist angeblich nie etwas da — aber für die Mama schon! — Wütend presste sie die Mappe an sich.

Sie ließ sich an den Stadtrand fahren, zu Tobias, dem Bruder ihres Mannes.

— Hundertprozentig gibt es dort keine Renovierung. Sie wollten nur schnell eine große Summe für die Wohnung aufbringen … — Auf der Rückbank betrachtete sie noch einmal die Hochglanzbilder der neuen Anlage.

Vier Millionen Euro Anzahlung. Und sie hatte den „armen Verwandten“ Geld zugesteckt, damit sie ihre Lebensumstände verbessern konnten.

— Unglaublich … — Mehr brachte sie nicht hervor.

Vor dem Haus klingelte sie.

— Na schau, Anna! Wie kommst denn du her? — Tobias öffnete überrascht das Tor.

— Servus. Ich bin zufällig vorbeigefahren. Mein Handy ist leer, und der Fahrer hat kein Ladekabel. Dein Haus lag am Weg — dürfte ich kurz bei dir aufladen?

— Aber sicher, komm rein.

Anna trat ein und ließ den Blick durch die frisch renovierten Räume schweifen. Neue Möbel, frische Farbe an den Wänden, alles wirkte modern und gemütlich.

— Interessant … — murmelte sie leise.

Dann wandte sie sich an ihn: — Tobias, deine Mutter hat doch von Renovierungsarbeiten gesprochen. Ich habe es so verstanden, dass hier schon alles fertiggestellt ist …

Hedis Stube