Sie hob fragend die Augenbrauen und sah Tobias direkt an.
— Also ist alles schon erledigt?
— Ja, seit dem Vorjahr eigentlich. Nur im dritten Stock gäbe es noch Kleinigkeiten, aber das hat keine Eile. Ich rufe bei Gelegenheit einen Freund an, dann machen wir das rasch fertig. — Tobias strahlte zufrieden. — Schau dir das Wohnzimmer an, ist doch richtig schön geworden, oder?
Anna nickte mechanisch, doch in ihr begann es zu brodeln.
— Weißt du was, Lukas … für dich ist das hier endgültig vorbei. — Ihre Stimme war kalt wie Eis. — Ein ganzes Jahr lang hast du mich ausgenutzt. Das verzeihe ich dir niemals.
Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Haus und fuhr zurück in die Stadt. In der Wohnung angekommen, riss sie den Kasten auf und stopfte Lukas’ Sachen wahllos in zwei große Koffer. Hemden, Schuhe, Unterlagen – alles landete durcheinander darin. Danach öffnete sie eine App auf ihrem Handy und ortete seinen Standort. Auf der Karte leuchtete ein bekanntes Lokal in Wien auf.
Sie bestellte ein Taxi, lud die Koffer ein und ließ sich dorthin bringen. Schon durch die Fensterscheibe erkannte sie die beiden: Lukas und seine Mutter Maria saßen einander gegenüber, prosteten sich zu und lachten ausgelassen. Offenbar feierten sie den gelungenen Kauf.
Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Mit fest zusammengebissenen Zähnen schob sie die beiden Koffer durch den Eingang. Die Kellner riefen ihr irritiert etwas nach, doch sie ignorierte es. Mit einem Ruck stellte sie das Gepäck direkt neben dem Tisch der beiden ab.
— Anna? Was machst du denn hier? — Lukas starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen.
Ohne zu antworten, zog sie Kopien der Kaufverträge aus ihrer Tasche und warf sie auf den Tisch. Die Blätter landeten mitten im Teller mit Meeresfrüchtesuppe. Brühe schwappte über den Rand, spritzte auf Marias weiße Bluse, und eine Garnele rutschte direkt auf Lukas’ Hose.
— Seid ihr eigentlich komplett wahnsinnig geworden? — Ihre Stimme bebte, doch sie wurde immer lauter. — Ein Jahr lang habe ich alles bezahlt! Du hast gejammert, du kommst beruflich nicht zurecht, und währenddessen kaufst du deiner Mutter eine Wohnung!
Die Gäste an den Nebentischen verstummten. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
— Und Sie! — Anna funkelte Maria an. — Eine richtige Blutsaugerin! Ich habe mein Erspartes hergegeben, obwohl man auch einen Kredit hätte aufnehmen können. Glauben Sie im Ernst, Ihr Sohn hätte in zwölf Monaten mehrere Hunderttausend Euro verdient?
Sie wandte sich halb an die umstehenden Leute.
— Ich habe die Waschmaschine finanziert, die Winterreifen für sein Auto, den Urlaub. Handy, Laptop, Kleidung – alles von meinem Geld! Und die ganze Zeit hat er so getan, als wäre er knapp bei Kassa.
— Das ist nicht so, ich kann das erklären … — begann Lukas.
— Still! — schnitt Anna ihm das Wort ab. — Ich bin noch nicht fertig.
Sie atmete schwer.
— Wir lassen uns scheiden. Ich nehme mir den besten Anwalt in Wien, und ich hole mir jeden Cent zurück, den du mir herausgelockt hast. Deine Sachen sind in diesen zwei Koffern. — Mit dem Fuß stieß sie einen davon an.
— Wenn du es wagst, mich anzurufen oder mir auch nur einen Meter zu nahe zu kommen, wirst du es bereuen. Glaub ja nicht, nur weil du ein Mann bist, kannst du so mit mir umgehen. Mit keiner Frau dieser Welt — und schon gar nicht mit mir!
Dann griff sie entschlossen nach dem Suppenteller und kippte den restlichen Inhalt über sein Hemd.
— Das war’s mit eurem Festessen.
Mit erhobenem Kopf verließ sie das Lokal. Hinter ihr blieb eine bedrückende Stille zurück.
Die Scheidung folgte rasch. Annas Rechtsanwalt arbeitete gründlich und unerbittlich. Am Ende musste sogar Lukas’ Vater sein Auto verkaufen, um die geforderten Zahlungen zu leisten.
Lukas zog wieder zu seinen Eltern. Seither ist er auf der Suche nach einer neuen, möglichst wohlhabenden Partnerin, die ihn unterstützt und vielleicht auch seine Familie mitträgt. Die Rückzahlung des Kredits zieht sich, und bisher hat sich niemand gefunden, der diese Rolle übernehmen möchte.
Anna hingegen lernte ein halbes Jahr später einen erfolgreichen, unabhängigen Mann kennen. Er behandelte sie mit Respekt und Fürsorge, wie sie es zuvor nie erlebt hatte. Bald darauf bekam sie eine Tochter. Man sagt, sie führe heute eine glückliche Ehe.
Als eine Freundin sie kürzlich auf Lukas ansprach, lächelte Anna nur ruhig.
— Niemand tritt zufällig in unser Leben. Manche Menschen bringen uns Freude, andere lehren uns, stärker zu werden.
Nach einem kurzen Innehalten fügte sie hinzu:
— Geduld ist wichtig, keine Frage. Aber das Leben ist zu kurz, um dauerhaft etwas zu ertragen, das einem nicht guttut.
