„Wie konntest du es wagen, die Karte meiner Schwester sperren zu lassen?!“ — Lukas hat fast gebrüllt vor Empörung.
Anna ist gerade über Berichte auf ihrem Tablet gesessen, als die Wohnungstür mit einem lauten Krachen gegen die Wand geschlagen ist und Lukas hereingestürmt ist. Ein einziger Blick in sein Gesicht hat genügt, und sie hat gewusst: Da stimmt etwas ganz und gar nicht. Er ist nicht einmal aus den Schuhen geschlüpft, ist an der Schwelle stehen geblieben, und seine Stimme hat die abendliche Stille wie ein Messer durchschnitten.
„Wie konntest du Maries Karte blockieren?!“ hat er wieder geschrien und dabei sein Handy in die Höhe gehalten. „Sie hat mich gerade völlig aufgelöst angerufen! Sie kann nicht einmal mehr Lebensmittel einkaufen!“
Anna hat das Tablet ruhig zur Seite gelegt und ihn angesehen. Gefasst. Fast zu gefasst für jemanden, dem gerade Herzlosigkeit vorgeworfen worden ist.
„Setz dich“, hat sie sachlich gesagt. „Wir reden in Ruhe darüber.“

„Was heißt hier ‚setz dich‘?“ Lukas ist ein paar Schritte ins Wohnzimmer gegangen, stehen geblieben ist er trotzdem. „Ist dir eigentlich klar, was du angerichtet hast? Marie steht ohne Geld da. Ohne einen einzigen Cent!“
Anna hat leicht eine Augenbraue gehoben. „Ohne einen Cent? Interessant. Warum hat dann deine Mutter gestern erwähnt, dass Marie seit drei Wochen bei ihnen wohnt und sich kein einziges Mal an den Einkäufen beteiligt hat?“
Für einen Moment ist es still geworden.
„Was hat meine Mutter damit zu tun?“ hat Lukas scharf zurückgefragt. „Wir haben doch gemeinsam beschlossen, dass wir Marie unterstützen, bis sie etwas Neues findet. Du warst einverstanden!“
Anna ist aufgestanden, zum Fenster gegangen und hat hinausgeschaut. Die Stadt ist im Zwielicht gelegen, unten sind nach und nach die Lichter angegangen. Alles hat ruhig und weit entfernt gewirkt — ganz im Gegensatz zu diesem Gespräch.
Angefangen hat alles zwei Monate zuvor. Lukas ist damals ungewöhnlich bedrückt von der Arbeit heimgekommen, hat sich in der Küche einen Tee eingeschenkt und ist lange schweigend dagessen. Anna hat gewusst, dass es nichts bringt, ihn zu drängen. Er würde schon reden, wenn er so weit ist.
„Marie haben sie gekündigt“, hat er schließlich gesagt. „Die Firma ‚optimiert‘, angeblich. Die halbe Abteilung musste gehen.“
Anna hat die Pfanne vom Herd gezogen. „Das ist bitter. Sucht sie schon etwas Neues?“
„Natürlich sucht sie. Aber du weißt ja selbst, wie schwierig es derzeit ist, eine Stelle zu finden …“ Lukas hat sich über den Nasenrücken gestrichen. „Anna, ich habe mir gedacht … vielleicht könnten wir sie ein bisserl unterstützen. Nur vorübergehend. Ein, maximal zwei Monate.“
Mitten in der Bewegung ist Anna stehen geblieben, das Messer noch in der Hand.
„Und wie stellst du dir das vor?“
„Vielleicht bei der Miete. Und bei den Lebensmitteln. Damit sie sich wenigstens um das Allernotwendigste keine Sorgen machen muss. Sie wohnt ja zur Miete, und die Fixkosten sind nicht ohne …“
Anna hat in diesem Moment schon gewusst, dass sie zustimmen würde. Nicht, weil sie schwach gewesen ist. Sondern weil Lukas sie kaum je um etwas gebeten hat — und seiner Schwester die Hilfe zu verweigern hätte sich falsch angefühlt. Familie bleibt Familie.
„Gut“, hat sie schließlich genickt. „Ich lasse eine Zusatzkarte zu meinem Konto ausstellen und lege ein monatliches Limit fest. Aber sie soll mir Bescheid geben, wenn etwas Größeres ansteht. Ich möchte keine Missverständnisse.“
Lukas ist von hinten an sie herangetreten und hat sie umarmt. „Danke. Wirklich. Marie wird das zu schätzen wissen.“
Anna hat nichts erwidert und weiter die Zwiebel geschnitten. Doch tief in ihr hat sich ein leiser Zweifel geregt, wie ein feiner Kratzer unter der Oberfläche — und sie hat beschlossen, ihn zu ignorieren.
Der erste Monat ist problemlos verlaufen. Das Limit war so bemessen, dass Marie ihre kleine Garçonnière am Stadtrand zahlen, Lebensmittel kaufen und die Öffis nutzen hat können. Kein Luxus, aber ein ordentliches Auskommen.
Ab und zu sind im Familienchat Nachrichten von ihr aufgetaucht: „Danke, ihr rettet mich“, oder „Ich weiß nicht, was ich ohne euch tun würde“. Lukas ist zufrieden gewesen, und auch Anna hat geglaubt, alles laufe wie vereinbart.
Bis zu jenem Abend im „Grand Palace“.
Anna hat sich dort mit einer Kollegin getroffen. Bei einem Glas Wein haben sie in entspannter Atmosphäre das neue Projekt besprochen.
