„Wie konntest du es wagen, die Karte meiner Schwester sperren zu lassen?!“ — Lukas stürmte herein und brüllte vor Empörung

Diese rücksichtslose Gemeinheit bricht einem das Herz.
Geschichten

Das Lokal zählte ganz sicher nicht zu den günstigen Adressen der Stadt – unter dreißig Euro pro Person kam man dort kaum davon. Ein Ort für Jubiläen, Geschäftsessen oder andere besondere Anlässe.

Gerade als Anna auf dem Weg zur Garderobe an einem Tisch nahe der großen Fensterfront vorbeiging, hörte sie ein vertrautes Lachen. Es war hell, unbeschwert – und unverkennbar. Wie automatisch drehte sie den Kopf.

Dort saß Marie.

Vor ihr standen Teller mit Pasta und Meeresfrüchten, daneben eine bereits geöffnete Flasche Weißwein. Sie trug ein neues Kleid, das ihr ausgesprochen gut stand. Drei junge Frauen begleiteten sie, sie plauderten angeregt, stießen an, lachten – keine Spur von Sorgen, kein Anzeichen von Geldknappheit.

Anna blieb wie angewurzelt stehen. Für einen Moment rang sie mit sich. Sollte sie hingehen? Grüßen? Nachfragen? Schließlich entschied sie sich dagegen. Ohne sich bemerkbar zu machen, wandte sie sich ab und kehrte zu ihrem eigenen Tisch zurück.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich ihre Kollegin.

„Ja, passt schon“, antwortete Anna und nickte knapp.

Doch nichts passte.

Am Abend verlor sie kein Wort darüber. Vielleicht hatten die Freundinnen eingeladen. Vielleicht gab es etwas zu feiern – einen Geburtstag, einen neuen Job in Aussicht. Man sollte nicht vorschnell urteilen, redete sie sich ein.

Trotzdem blieb ein ungutes Gefühl.

Ein paar Tage später begegnete sie Marie erneut. Samstagmittag, ein Einkaufszentrum am Stadtrand. Anna war gerade dabei, neue Bettwäsche auszusuchen, als sie die vertraute Gestalt beim Ausgang eines Modegeschäfts entdeckte. Marie stand dort mit zwei prall gefüllten Einkaufssackerln, das Handy am Ohr, und wirkte ausgesprochen zufrieden.

Diesmal ging Anna direkt auf sie zu.

„Marie?“

Die junge Frau zuckte sichtbar zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte etwas wie Erschrecken über ihr Gesicht, doch rasch setzte sie ein Lächeln auf.

„Anna! Servus! So ein Zufall!“

„Ja, wirklich.“ Annas Blick glitt zu den Sackerln. „Warst du shoppen?“

„Äh … ja, also …“ Marie geriet ins Stocken. „Totaler Abverkauf. Da hab ich einfach zugreifen müssen. T-Shirts fast geschenkt, die Jeans auch stark reduziert.“

„Aha.“ Anna zwang sich zu einem freundlichen Ton. „Sehr praktisch. Und wie schaut’s aus mit der Arbeitssuche?“

Marie senkte den Blick. „Noch nichts Fixes. Aber ich bemühe mich wirklich. Ich war schon bei mehreren Gesprächen.“

„Das freut mich. Ich drück dir die Daumen.“

Sie verabschiedeten sich. Anna ging weiter, doch in ihrer Brust zog sich etwas schmerzhaft zusammen. Abverkauf – natürlich. In diesem Geschäft gab es tatsächlich regelmäßig Aktionen. Aber die Taschen waren schwer, und Marie sah nicht aus wie jemand, der jeden Euro zweimal umdrehen musste.

Am Abend saß Lukas vor dem Fernseher und schaute Fußball. Anna setzte sich neben ihn.

„Lukas, wir müssen reden.“

„Jetzt gerade?“ Er ließ den Blick nicht vom Bildschirm.

„Ja. Es geht um Marie.“

Er seufzte, nahm schließlich die Fernbedienung und stellte leiser. „Was ist denn?“

„Ich habe sie gesehen. Zweimal. Einmal im Grand Palace mit ihren Freundinnen – mit Wein und allem Drum und Dran. Und heute im Einkaufszentrum. Mit vollen Einkaufstaschen.“

Lukas zog die Stirn kraus. „Und weiter?“

„Wie ‚und weiter‘?“ Anna spürte, wie sie sich beherrschen musste. „Wir unterstützen sie finanziell, damit sie über die Runden kommt. Und sie sitzt in einem Restaurant, wo man locker dreißig Euro pro Person zahlt, und kauft Markenklamotten.“

„Anna“, sagte Lukas in diesem belehrenden Ton, der sie augenblicklich verletzte, „du weißt doch gar nicht, wer bezahlt hat. Vielleicht haben die Freundinnen sie eingeladen. Und wenn gerade Abverkauf war – soll sie deiner Meinung nach in alten Fetzen herumlaufen?“

„Ich will nur, dass sie ehrlich ist.“

„Sie ist ehrlich!“ Seine Stimme wurde lauter. „Du interpretierst da viel zu viel hinein.“

„Ich?“ Anna spürte, wie innerlich etwas riss. „Ich habe zugestimmt, dass wir sie unterstützen. Und jetzt bin ich diejenige, die übertreibt?“

„Du gehst sofort vom Schlimmsten aus! Statt einfach mit ihr zu reden, machst du ihr Vorwürfe.“

Anna stand abrupt auf.

„Weißt du was, Lukas? Wenn du das so siehst – bitte. Dann ist es eben so.“

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ging sie ins Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und setzte sich schwer auf die Bettkante.

Hedis Stube