„Jetzt kannst du zeigen, was in dir steckt“ — Barbara fordernd, während Anna die Blätter zu einem winzigen Quadrat faltete

Diese gemeine Ungerechtigkeit bricht mein Herz.
Geschichten

— Anna, ich stell das Menü zusammen, und du kochst dann alles, ja? — Barbara hat ihr drei eng beschriebene Zettel hingehalten. — Ich würd’s eh selber machen, aber meine Hände spielen nimmer mit. Der Arthrose wegen, du weißt schon.

Anna hat die Blätter entgegengenommen und überflogen. Kalte Vorspeisen, ein warmes Hauptgericht, mehrere Salate und gleich drei verschiedene Nachspeisen. Zur Hochzeitsjubiläumsfeier von ihr und Lukas hatte Barbara acht Gäste eingeladen. Ohne auch nur ein Wort mit Anna darüber zu reden.

— Barbara, wär’s nicht einfacher, wir bestellen etwas? — hat Anna vorsichtig gemeint und aufgeschaut.

— Bestellen? — Barbara hat empört die Arme in die Höhe geworfen; von schmerzenden Gelenken keine Spur. — Was sollen denn meine Freundinnen denken? Dass wir nicht ordentlich bewirten können? Nein, nein. Jetzt kannst du zeigen, was in dir steckt.

Anna hat die Liste einmal gefaltet. Dann noch einmal. Und noch einmal. Am Ende lag nur noch ein kleines Papierquadrat auf dem Tisch.

— Gut. Ich werd’s zeigen.

Vor sieben Monaten, gleich nach dem Standesamt, hatte Lukas gemeint, sie würden „vorübergehend“ bei seiner Mutter einziehen. Dieses Vorübergehend hat sich rasch wie eine Endstation angefühlt. Barbara, deren Mann vor sieben Jahren verstorben war, bewohnte allein eine großzügige Dreizimmerwohnung und litt furchtbar — allerdings nicht an Einsamkeit, sondern daran, kochen und putzen zu müssen.

Schon am zweiten Tag nach der Hochzeit hat sie eine Migräne bekommen.

— Annalein, mein Kopf zerspringt, ich kann nicht einmal aufstehen. Wärst du so lieb und machst uns was zu essen?

Anna hat gekocht. Danach die Küche aufgeräumt. Wäsche gewaschen. Am Abend war Barbara plötzlich genesen und zum Friseur gefahren, um sich die Haare legen zu lassen. Sie ist geschniegelt zurückgekommen, mit glänzender Frisur und dem Duft von teurem Shampoo.

Die Migräne tauchte verlässlich immer dann auf, wenn es ans Kochen ging. Schwindel kam vor dem Putzen. Die „Arthrose“ meldete sich, sobald Geschirr zu spülen war, und verschwand augenblicklich, wenn Barbara in Illustrierten blätterte oder durch Geschäfte bummelte.

Lukas hat entweder nichts bemerkt — oder nichts bemerken wollen.

— Mama kann halt nicht, ihre Gesundheit. Du bist jung, du schaffst das schon.

Und Anna hat es geschafft. Jeden Tag um fünf Uhr aufgestanden, Frühstück für drei Personen gemacht, in die Schule zu ihren Erstklässlern gefahren, um sechs heimgekommen und bis spätabends gewaschen, gebügelt, vorbereitet. Lukas ist heimgekommen, hat gegessen und sich vor den Fernseher gesetzt. Manchmal hat er gefragt, warum sie „immer so schlecht drauf“ sei.

Anna ist immer dünner geworden. Dunkle Schatten unter den Augen, spröde Hände, brüchige Nägel. Wenn sie in den Spiegel geschaut hat, hat sie eine fremde Frau gesehen — müde, ausgelaugt, innerlich leer.

Vor drei Wochen hat Barbara dann feierlich das Jubiläum angekündigt.

Am Morgen des Festtages ist Anna um fünf wach geworden — aber sie ist nicht in die Küche gegangen. Stattdessen hat sie Jeans und eine helle Bluse angezogen, sich dezent geschminkt und aus dem Kasten eine kleine Schachtel geholt. Darin lag ein Gutschein für einen ganzen Tag im Spa. Dafür hatte sie ihre letzten Ersparnisse ausgegeben.

Hedis Stube