„Jetzt kannst du zeigen, was in dir steckt“ — Barbara fordernd, während Anna die Blätter zu einem winzigen Quadrat faltete

Diese gemeine Ungerechtigkeit bricht mein Herz.
Geschichten

Für diesen Gutschein hatte sie ihr gesamtes Erspartes hergegeben – jenes Geld, das eigentlich für einen neuen Mantel gedacht gewesen war.

Barbara ist im seidigen Morgenmantel zum Frühstück erschienen. Als sie Anna geschniegelt und geschniegelt vor sich stehen gesehen hat, hat sie die Lippen spitz zusammengezogen.

„Was hast denn du vor?“, hat sie kühl gefragt. „Du wirst heute den ganzen Tag beim Herd stehen. Zieh dich um.“

„Ich habe etwas zu erledigen“, hat Anna ruhig erwidert und ihr den Umschlag gereicht. „Für Sie. Zum Jubiläum.“

Barbara hat das Kuvert geöffnet. Mit einem Mal sind ihre Augen größer geworden.

„Ein Spa-Tag? Anna, wie aufmerksam! Aber ausgerechnet heute? Ich muss doch alles im Blick behalten, die Gäste kommen…“

Anna hat sich ihr gegenüber an den Tisch gesetzt und ihr direkt in die Augen geschaut. „Sie wollen doch, dass Maria Sie heute strahlend erlebt, oder? Stellen Sie sich vor, wie sie schauen wird. Und wie neidisch sie sein wird. Alle werden wissen wollen, woher dieser Glanz kommt. Um den Tisch kümmere ich mich, versprochen.“

Einen Moment lang war es still. Barbara hat nachdenklich mit den Fingern über das Papier gestrichen. Schließlich hat die Eitelkeit gesiegt.

„Na gut… Die Maria prahlt ohnehin ständig mit ihrer Kosmetikerin. Lukas kann mich ja hinbringen?“

„Natürlich“, hat Anna gesagt und ihren Mann gerufen.

Lukas ist verschlafen aus dem Schlafzimmer getreten, sichtlich ungehalten. Nach einer knappen Erklärung hat er nur gemurmelt und zugestimmt. Eine halbe Stunde später waren sie weg. Die Wohnung war plötzlich still.

Anna ist ins Schlafzimmer gegangen, hat aus dem Kasten ein schwarzes Kleid geholt – am Vortag in einem Secondhandladen entdeckt – dazu hohe Schuhe. Sie hat eine Bekannte von Julia angerufen, die nebenbei als Visagistin arbeitet. Punkt fünf Uhr war alles fertig: Frisur, Make-up, das Kleid. Als Anna in den Spiegel geschaut hat, hat sie sich kaum wiedererkannt. Da war wieder Leben in ihrem Blick.

In die Küche ist sie kein einziges Mal gegangen.

Um halb sieben hat es geläutet. Claudia, eine kräftige Frau mit durchdringender Stimme, ist als Erste ins Wohnzimmer gestürmt – und abrupt stehen geblieben.

Der Tisch war makellos gedeckt. Schneeweiße Tischdecke, glatt wie gebügelt. Kerzen. Kristallgläser. Besteck für acht Personen, exakt ausgerichtet.

Doch es stand kein einziges Gericht darauf.

„Annerl… und wo sind die Vorspeisen?“, hat Claudia irritiert gefragt und sich umgedreht.

„Geduld“, hat Anna mit einem Lächeln gesagt. „Wir warten noch auf die Ehrengäste.“

Nach und nach sind die anderen eingetroffen: Barbaras Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen von Lukas. Mit Blumen, Geschenken, geschniegelt und geschniegelt. Sie haben Platz genommen, sich verstohlene Blicke zugeworfen und immer wieder auf den leeren Tisch gestarrt. Jemand hat einen Scherz über eine neue Diät gemacht. Vereinzeltes, unsicheres Lachen.

Anna ist ruhig geblieben. Sie hat Mineralwasser in die Gläser eingeschenkt, freundlich genickt, gewartet.

Punkt sieben sind Lukas und Barbara zurückgekommen. Barbara ist förmlich in den Vorraum geschwebt – die Haut rosig vom Peeling, das Haar in weichen Wellen gelegt, die Nägel perfekt manikürt. Sie hat den Mantel abgelegt und ist mit erhobenem Kopf ins Wohnzimmer gegangen.

Dann ist sie stehen geblieben.

Ein leerer Tisch. Acht Gäste mit ratlosen Gesichtern. Und Anna im schwarzen Kleid, ein Glas Wasser in der Hand.

„Was… was soll das?!“ Barbaras Stimme ist abrupt abgebro…

Hedis Stube