„…chen?!“ Barbaras Stimme ist abrupt abgebrochen und in ein schrilles Kreischen gekippt. „Anna! Wo ist das Essen? Ich hab dir doch eine genaue Liste gegeben!“
Lukas ist unmittelbar hinter ihr ins Wohnzimmer gekommen. Ein Blick auf den leeren Tisch – und sein Gesicht ist dunkelrot angelaufen.
„Sag einmal, hast du jetzt völlig den Respekt verloren?“ hat er durch den Raum gebrüllt. „Die Leute kommen zu unserem Hochzeitstag, und da steht nicht einmal ein Bissen da!“
Seine Stimme hat durch die ganze Wohnung gehallt. Die Gäste haben betreten auf ihre Teller gestarrt, auf ihre Handys oder aus dem Fenster – überallhin, nur nicht auf dieses Schauspiel.
„Was soll das? Bist du noch ganz bei Trost?“
Anna hat ihn ruhig angesehen, einen Moment gewartet, dann das Glas langsam auf den Tisch gestellt.
„Das ist meine Überraschung.“
Stille. Schwer wie ein Vorhang, der fällt.
„Zu unserem Jahrestag erkläre ich hiermit die Scheidung“, hat sie gesagt, ganz sachlich. Sie hat ihren Ehering vom Finger gezogen und auf die weiße Tischdecke gelegt. Das leise Klirren war deutlich zu hören. „Ich gehe. Heute. Jetzt.“
Lukas hat den Mund aufgemacht, wieder zugemacht, dann noch einmal geöffnet.
„Du… vor allen Leuten? Musst du das ausgerechnet hier abziehen?“
„Ich ziehe gar nichts ab. Ich sage nur die Wahrheit.“ Anna hat nach ihrer bereits gepackten Tasche gegriffen. „Sieben Monate lang war ich eure Haushaltshilfe. Kochen, waschen, putzen. Von fünf in der Früh bis knapp vor Mitternacht. Kein einziges Mal hast du gefragt, wie es mir geht. Kein einziges Mal hast du mit angepackt. Du hast es einfach als selbstverständlich genommen. Für euch beide war ich praktisch. Mehr nicht.“
Maria, eine der Freundinnen von Barbara, hat sich ein leises Schnauben nicht verkneifen können. Claudia hat kaum merklich genickt.
„Annerl, bitte“, hat Barbara beschwichtigend begonnen und ist einen Schritt auf sie zugegangen, die perfekt manikürten Hände ausgestreckt. „Wir reden doch darüber. Du bist einfach überarbeitet, das versteh ich ja. Wir stellen eine Hilfe ein, nicht wahr, Lukas?“
„Zu spät“, hat Anna gesagt und ist Richtung Vorraum gegangen.
Lukas ist ihr nachgeeilt und hat sie am Ellbogen gepackt. „Bleib stehen! Du kannst doch nicht einfach abhauen!“
„Doch. Kann ich.“ Sie hat sich ruhig aus seinem Griff gelöst. „Pass auf.“
Sie hat die Wohnungstür geöffnet. Hinter sich hat sie noch Lukas’ hektische Stimme gehört, schon ins Telefon bellend: „Hallo? Restaurant? Ich brauch sofort eine Lieferung für acht Personen! Ja, sofort! Der Preis ist mir egal, Hauptsache schnell!“
Anna hat die Tür geschlossen, ist ins Stiegenhaus getreten und hat tief durchgeatmet. Dann hat sie ihr Handy hervorgeholt und Julia geschrieben: „Kann ich ein paar Tage zu dir?“
Die Antwort ist praktisch im selben Moment gekommen: „Komm her, du Närrin. Wird eh höchste Zeit.“
Eine Woche lang hat Anna bei Julia gewohnt. Sie hat auf einer Klappcouch geschlafen, ist in die Arbeit gegangen, abends zurückgekommen und oft einfach nur am Fenster gesessen und hinausgeschaut. Julia hat sie nicht ausgefragt, nur ab und zu ein Häferl Tee hingestellt.
Lukas hat drei Tage lang ununterbrochen angerufen. Zuerst hat er geschrien, sie beschimpft, verlangt, sie solle sofort zurückkommen. Dann ist sein Ton weicher geworden – Bitten, Versprechen, alles werde anders. Anna hat zugehört, nichts gesagt und aufgelegt. Am vierten Tag ist eine Nachricht gekommen: „Mama liegt flach. Es geht ihr wirklich schlecht. Bist du jetzt zufrieden?“
Anna hat seine Nummer blockiert.
Dafür hat Claudia geschrieben, jene Gästin vom Abend: „Liebe Anna, entschuldigen Sie die Störung. Sie haben das Richtige getan. Ich habe dreißig Jahre mit so einer Schwiegermutter gelebt und nie den Mut gefunden zu gehen. Sie sind stärker, als Sie glauben.“
Kurz darauf hat sich auch Maria gemeldet. Und dann noch jemand. Alle hatten im Grunde dieselbe Botschaft.
