„Jetzt kannst du zeigen, was in dir steckt“ — Barbara fordernd, während Anna die Blätter zu einem winzigen Quadrat faltete

Diese gemeine Ungerechtigkeit bricht mein Herz.
Geschichten

In all den Nachrichten stand im Grunde immer dasselbe: Du hast richtig gehandelt.

Eine Woche später ist Julia vom Einkaufen heimgekommen und hat Anna erzählt, dass sie Lukas zufällig beim Supermarkt gesehen hat. Er ist bei den Tiefkühltruhen gestanden, der Einkaufswagen randvoll mit Fertiggerichten, gefrorenen Knödeln und eingeschweißten Packungen. Er hat müde ausgeschaut, zerknittert, mit geröteten Augen, als hätte er seit Tagen nicht ordentlich geschlafen.

„Ich hab ihn gefragt, wie’s ihm geht“, hat Julia berichtet. „Er hat nur gemurmelt, dass seine Mutter jetzt tatsächlich ernsthaft krank ist, kaum mehr aufkommt. Er muss kochen, putzen, arbeiten – alles gleichzeitig. Für ein paar Stunden haben’s wen organisiert, aber das geht ins Geld. Das Auto hat er schon verkauft. Angeln geht er auch nimmer. Er sagt, er hat für gar nichts mehr Zeit.“

Anna hat ruhig zugehört. In ihr hat sich nichts geregt. Kein Triumph, kein Mitleid. Nur eine stille, tiefe Erleichterung.

„Er wollte wissen, wo du bist“, hat Julia noch ergänzt. „Ich soll dir ausrichten, wenn du zurückkommst, wird alles anders.“

Anna hat langsam den Kopf geschüttelt. „Es wird nicht anders“, hat sie leise gesagt. „Er versteht jetzt nur, was das alles gekostet hat. Mehr nicht.“

Wieder eine Woche später hat sie ein kleines Zimmer in einer Wohngemeinschaft nahe der Schule gemietet. Zehn Quadratmeter, Gemeinschaftsküche, ein Fenster in den Innenhof, wo die Tauben gurren. Nichts Besonderes. Aber es war ihr eigener Raum.

Sie ist auf dem schmalen Bett gesessen und hat die kahlen Wände betrachtet. Am Boden stand ihr Koffer – mehr hatte sie nicht mitgenommen. Ein paar Kleidungsstücke, Unterlagen, ein Fotoalbum.

Das Handy hat vibriert. Unbekannte Nummer.
„Anna, hier ist Barbara. Es tut mir leid. Ich habe nicht begriffen, was ich angerichtet habe. Komm zurück. Ich werde mich ändern.“

Anna hat die Nachricht gelesen, ohne dass ihr Puls schneller geworden ist. Dann hat sie sie gelöscht und das Telefon auf das Fensterbrett gelegt.

Draußen hat eine alte Frau Brotbrösel ausgestreut. Die Tauben sind herbeigeflattert, haben sich gedrängt und laut geschnattert. Es hat nach feuchtem Asphalt gerochen, nach Herbst und nach fremden Mittagessen aus der Gemeinschaftsküche. Kein schweres Parfum mehr in der Luft. Keine Migräne-Klagen. Kein Lukas, der nie gelernt hat hinzuschauen.

Anna hat das Fenster weiter aufgestoßen. Kühle Luft ist hereingeströmt und hat ihr Gesicht berührt. Sie hat tief eingeatmet, bis in die letzten Winkel ihrer Lungen.

Zum ersten Mal seit sieben Monaten ist sie um acht Uhr abends ins Bett gegangen, einfach weil ihr danach war. Nicht vor Erschöpfung zusammengebrochen, sondern aus freiem Entschluss. Niemand würde sie wecken, um Hemden zu bügeln. Niemand würde ihr sagen, sie bemühe sich zu wenig. Niemand würde ihre Gutmütigkeit gegen sie verwenden.

Am Morgen ist sie vom Sonnenlicht geweckt worden. Samstag. Kein Wecker, keine Pflicht. Sie konnte liegen bleiben, noch einmal einschlafen oder aufstehen und spazieren gehen. Jede Möglichkeit gehörte ihr.

In der Küche hat ihre Mitbewohnerin Theresa, eine Frau um die fünfzig, gerade Wasser für den Tee aufgekocht.

„Magst auch einen?“

„Gern, danke.“

Sie sind schweigend am Tisch gesessen. Draußen das übliche Geräusch von Autos, Tauben, jemand hat im Hof geschimpft. Ein ganz normaler Morgen. Nicht vertraut – aber ihrer.

Anna hat die Tasse ausgespült und im Fenster ihr Spiegelbild betrachtet. Blass, ungeschminkt, die Haare zerzaust. Gewöhnlich. Frei. Lebendig.

Sie hat gelächelt.

Hedis Stube