„Na geh, Annalein, für dich ist hier heute kein Platz“ sagte Barbara Petrovna laut im Festsaal und ließ Anna vor allen stehen

Erbärmliche, feige und verachtenswerte Gleichgültigkeit.
Geschichten

Anna hat ihre Schwiegermutter früher bemerkt, als diese sie. Barbara Petrovna stand beim Eingang zum Festsaal, zupfte an der schweren Goldkette an ihrem Hals und ließ den Blick über die Anwesenden gleiten, als würde sie im Stillen den Wert ihrer Anzüge zusammenrechnen. Anna ist an der Tür einen Moment stehen geblieben. Diesen Blick kannte sie – kühl, prüfend, beinahe wie bei einer Pfandleiherin. Sie trug ein dunkelblaues Kleid, schlicht, ohne Glitzer. Genau jenes, das sie in den letzten drei Jahren zu jedem Anlass angehabt hatte.

Erst als Anna direkt vor ihr stand, hat Barbara sie wahrgenommen. Ein kaum merkliches Zucken ging über ihr Gesicht.

„Na geh, Annalein, für dich ist hier heute kein Platz“, hat sie laut gesagt, so dass es im ganzen Saal zu hören war, mit gespieltem Erstaunen. „Kind, du hast dich wohl in der Tür geirrt, stimmt’s? Das hier ist ein Empfang für seriöse Leute, ein Geschäftsessen. Dein Niveau ist eher die Bahnhofskantine. Geh lieber dorthin. Blamier meinen Sohn nicht vor seinen Vorgesetzten, sei vernünftig.“

Anna schwieg. Dutzende Blicke haben sich auf sie gerichtet. Jemand hat leise geschnauft, jemand anders betreten weggeschaut. Am langen Tisch, vollgestellt mit Gläsern und Tellern mit Aufschnitt, saß Lukas. Er hat die teure Uhr an seinem Handgelenk zurechtgerückt und seine Frau angesehen, als wäre sie eine Fremde, die versehentlich hereingeschneit ist.

„Anna, meine Mutter hat recht. Du passt hier nicht dazu, verstehst du? Fahr heim, ich komme später nach.“

Er ist nicht einmal aufgestanden. Kein Schritt in ihre Richtung. Nur eine abwehrende Handbewegung, als wollte er Abstand schaffen, dann hat er sich wieder seinen Gästen zugewandt. Ein Mann im grauen Anzug hat sich zu seinem Nachbarn gebeugt und ihm etwas ins Ohr gemurmelt. Beide haben spöttisch gelächelt.

Anna hat sich umgedreht und ist gegangen. Keine Tränen, keine Szene. Die Tür ist hinter ihr leise ins Schloss gefallen.

Draußen hat der Wind geblasen. Sie hat ihr Handy hervorgeholt und die Banking-App geöffnet. Sämtliche Firmenkarten liefen über ihr Konto – darauf hatte sie vor fünf Jahren bestanden, als sie Lukas’ Schulden beglichen und ihn nach seinem Absturz wieder aufgerichtet hatte. Damals haben Inkassobüros nachts angerufen, er ist bleich in der Küche gesessen und hat immer wieder gesagt: „Ich hab’s vermasselt, ich hab alles verloren.“ Anna hat das Elternhaus am Land verkauft und das Geld ohne Zögern hineingesteckt. Nachts hat sie die Buchhaltung gemacht, mit Lieferanten verhandelt, während er angeblich „seinen Ruf wiederhergestellt“ hat. Lukas hat mit den Karten bezahlt und geglaubt, es sei sein Verdienst.

Eine einzige Bewegung – und die Firmenkarte war gesperrt. Anna hat einen Moment auf das Display geschaut, dann das Handy langsam in ihre Handtasche zurückgleiten lassen.

Hedis Stube