„Na geh, Annalein, für dich ist hier heute kein Platz“ sagte Barbara Petrovna laut im Festsaal und ließ Anna vor allen stehen

Erbärmliche, feige und verachtenswerte Gleichgültigkeit.
Geschichten

„Habt ihr seine Frau verständigt?“, fragte die Empfangsdame mit kaum verhohlener Neugier.

Lukas brachte kein Wort heraus. Barbara sog scharf die Luft ein, rote Flecken krochen ihr über den Hals.

„Dieses Landei … Wie kann sie es wagen! Ich werd ihr schon—“

„Mama, jetzt reicht’s“, unterbrach er sie leise, aber mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

In diesem Moment begriff er es mit brutaler Klarheit: Ohne Anna war er nichts. Keine Firma, keine Konten, keine Geräte. Alles lief über ihren Namen. Er selbst war nur das Aushängeschild gewesen, befestigt an einem Fundament, das ihm nie gehört hatte.

Anna saß derweil auf der Bank bei der Bushaltestelle. Ihr Handy vibrierte ununterbrochen – erst Lukas, dann Barbara, dann wieder Lukas. Eine Nachricht nach der anderen ploppte auf: „Was soll das?“, „Hör auf mit dem Unsinn und gib sofort alles frei“, „Wir reden daheim in Ruhe, mach keine Szene.“

Sie beobachtete, wie die Zeilen erschienen – erst fordernd, dann wütend, schließlich beinahe verzweifelt. Ohne zu antworten, schaltete sie das Telefon aus. Das Display wurde schwarz. Mit einem Schlag war Stille.

Ihr fiel ein, wie Lukas ganz am Anfang gesagt hatte: „Ohne dich hätt ich das nie geschafft, Anna.“ Damals hatte sie diese Worte für Dankbarkeit gehalten. Vielleicht sogar für Liebe. Heute wusste sie: Es war Bequemlichkeit gewesen. Solange sie funktionierte, durfte sie bleiben. Als es jedoch darum ging, sie vor Gästen als Ehefrau zu präsentieren, ihr einen Platz am Tisch einzuräumen, wurde sie hinauskomplimentiert wie eine Fremde.

Der Bus rollte heran. Anna stand auf, stieg ein und setzte sich ans Fenster. Draußen glitt die dunkle Stadt vorbei, gleichgültig, anonym. Und doch hatte sie zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, frei durchatmen zu können.

Wenn man für sie keinen Platz am Tisch vorgesehen hatte, dann würde sie in ihrem Leben auch keinen mehr für diese Menschen freihalten.

Drei Tage später stand Lukas vor ihrer Wohnungstür. Zerknittert sah er aus, mit tiefen Schatten unter den Augen. Er schwieg eine Weile, als wüsste er selbst nicht, womit er beginnen sollte.

„Anna, komm schon. Machen wir kein Drama. Wir sind doch eine Familie.“

Sie öffnete die Tür nur einen Spalt breit und blieb ruhig im Türrahmen stehen.

„Familie? So nennt man das, wenn man vor allen hinausgeworfen wird? Wenn deine Mutter einen für unwürdig hält?“

„Meine Mutter war im Unrecht, das weiß ich. Aber wegen eines einzigen Abends wirst du doch nicht alles zerstören.“

„Ich habe gar nichts zerstört“, erwiderte sie sachlich. „Ich habe nur an mich genommen, was mir gehört. Die Firma läuft auf meinen Namen. Die Konten ebenso. Du hast es genutzt, solange ich geschwiegen habe.“

Lukas presste die Lippen zusammen. Seine Fassade begann zu bröckeln.

„Das ist Rache“, brachte er hervor. „Mehr nicht.“

Anna schüttelte langsam den Kopf.

„Rache bedeutet, jemandem wehtun zu wollen. Mir ist es einfach egal geworden.“

Dann schloss sie die Tür. Er blieb noch einen Moment stehen, schließlich hörte sie seine Schritte im Stiegenhaus verhallen. Danach tauchte er nicht mehr auf.

Barbara hingegen schrieb ihr noch wochenlang – seitenlange Nachrichten voller Vorwürfe und versteckter Drohungen.

Hedis Stube