„Ach so, deine Mutter hat also Bluthochdruck – und ich hab wohl eine Gelddruckmaschine im Nachtkästchen?“ zog energisch den Stecker des Bügeleisens

Diese bittere Ungerechtigkeit ist erschütternd und unerträglich.
Geschichten

„Keinen Cent wirst du von mir sehen!“

„Einen Cent habe ich ohnehin nie von Ihnen bekommen“, entgegnete Anna mit einem schmalen, bitteren Lächeln. „Alles ist in Ihren Beton geflossen. Pfiat Gott.“

Sie blockierte die Nummer.

Die darauffolgenden vierzehn Tage fühlten sich an wie ein schiefer Traum. Lukas rief von ständig wechselnden Nummern an, lauerte ihr vor dem Büro auf, als wäre er ein verzweifelter Statist in einem schlechten Film. Einmal drohte er mit einer Klage – wofür eigentlich? –, ein anderes Mal stand er mit einem Strauß Rosen da und sank beinahe vor ihr auf die Knie.

„Anna, bitte, verzeih mir! Mama hat überreagiert! Ich rede mit ihr, sie überschreibt mir ihren Anteil!“, jammerte er und packte sie am Ärmel, direkt beim Tor zum Firmengebäude.

„Dir überschreiben?“ Anna musterte ihn mitleidig. „Und was ändert das? Heute läuft es auf deinen Namen, morgen schenkst du es Sophie. Oder wieder deiner Mutter. Du bist und bleibst Mamas braver Bub, Lukas. Ohne ihr Nicken traust du dich ja nicht einmal zu niesen. Wusstest du von Sophies Plan?“

Er wich ihrem Blick aus. Das genügte.

„Also doch“, sagte sie ruhig. „Während ich zwei Jobs gemacht habe, Überstunden ohne Ende, mir jeden Wunsch verkniffen habe, wusstest du genau, dass man mich ausnimmt.“

„Aber Sophie ist allein… sie hat’s schwer… Wir sind doch stark, wir hätten uns später sowieso was Eigenes gekauft…“

„Dann macht das. Ihr seid ja so stark.“

Anna nahm sich ein kleines Garçonnière in der Nähe der Donau. Zu ihrer eigenen Überraschung reichte ihr Einkommen mehr als aus – alleine zu leben war beinahe dreimal günstiger als mit einem „arbeitssuchenden“ Ehemann und einer Hypothek im Nacken. Sie ließ sich endlich die teure Metallkeramikkrone einsetzen, die sie seit Monaten hinausgeschoben hatte, kaufte sich einen ordentlichen Mantel und meldete sich zu einem Englischkurs an. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich ihr Leben nicht wie eine Dauerbaustelle an.

Doch die Geschichte mit der Wohnung war damit nicht beendet.

Ein Monat verging, dann flatterte eine gerichtliche Ladung ins Haus. Elisabeth setzte offenbar alles auf eine Karte und klagte wegen „ungerechtfertigter Bereicherung“. Sie verlangte Ersatz für vier Jahre Wohnen – angeblich habe es nie einen Mietvertrag gegeben, die Schwiegertochter habe gratis gewohnt und sämtliche Vorteile genossen.

Anna suchte einen Anwalt auf, einen älteren Herrn mit verschmitztem Blick. Während er die Klageschrift las, begann er leise zu kichern, dann lachte er offen.

„Schauen wir uns das an“, meinte er und putzte gemächlich seine Brille. „Haben Sie Zahlungsnachweise?“

„Selbstverständlich. Lückenlos. Ich bin Buchhalterin – ich hebe alles auf. Überweisungen an Lukas mit dem Vermerk ‚Hypothek‘, direkte Zahlungen an Elisabeth, wenn er wieder einmal nicht zahlen konnte. Rechnungen für Baumaterial, der Vertrag mit der Sanierungsfirma läuft auf meinen Namen.“

„Ausgezeichnet. Wir bringen eine Gegenklage ein. Wir beantragen die Feststellung, dass Sie faktisch die Kreditraten getragen haben, und fordern die Anerkennung eines Miteigentumsanteils. Die Chancen sind gering, weil die Wohnung offiziell der Mutter gehört – Eigentum ist Eigentum. Aber wir werden sie ordentlich ins Schwitzen bringen. Und ihre Forderung? Wir weisen nach, dass ein familiäres Verhältnis bestand und die Wohnnutzung auf einer mündlichen Vereinbarung beruhte. Außerdem übersteigen Ihre Investitionen in Renovierung und Rückzahlungen jede marktübliche Miete um ein Vielfaches.“

Das Verfahren zog sich über ein halbes Jahr. Eine schmutzige, zermürbende Zeit. Elisabeth spielte im Verhandlungssaal beinahe einen Herzinfarkt, musste angeblich ins Spital gebracht werden. Lukas saß mit gesenktem Kopf daneben und murmelte unverständliche Sätze, wenn der Richter ihn etwas fragte.

Es kamen Dinge ans Licht, die selbst Anna überraschten. Lukas hatte nicht nur keinen fixen Job – er hatte heimlich Kleinkredite aufgenommen, für seine „persönlichen Bedürfnisse“. Plötzlich meldeten sich Inkassobüros nicht nur bei Elisabeth, sondern auch bei Anna, obwohl die Scheidung bereits lief.

Schließlich fiel das Urteil. Elisabeths Klage wurde abgewiesen. Annas Antrag auf Anerkennung eines Eigentumsanteils ebenfalls – genau wie der Anwalt es vorausgesagt hatte. Doch der Richter verpflichtete Elisabeth, die Kosten für die Renovierung zu ersetzen, ebenfalls unter dem Titel der ungerechtfertigten Bereicherung. Die Summe war beachtlich – umgerechnet fast anderthalb Millionen Rubel –, denn Anna hatte jede Rechnung für die maßgefertigte Küche, die Sanitäranlagen und die Möbel aufgehoben, die man ihr nicht einmal herausgeben wollte.

„So viel Geld habe ich nicht!“, schrie Elisabeth nach der Urteilsverkündung. „Ich bin Pensionistin!“

„Und der Pelzmantel?“ fragte Anna mit unschuldiger Miene.

Hedis Stube