„Ach so, deine Mutter hat also Bluthochdruck – und ich hab wohl eine Gelddruckmaschine im Nachtkästchen?“ zog energisch den Stecker des Bügeleisens

Diese bittere Ungerechtigkeit ist erschütternd und unerträglich.
Geschichten

Anna blieb keine Antwort schuldig, sondern ging mit ruhigen Schritten an Elisabeth vorbei.

„Eine Eigentumswohnung haben Sie doch auch. Mit Kredit, wenn ich mich recht erinnere. Wie schaut’s denn mit den Raten aus?“, fügte sie beiläufig hinzu.

Mit den Rückzahlungen sah es alles andere als rosig aus. Lukas hatte nach wie vor keine fixe Anstellung gefunden. Gelegenheitsjobs, ein bisschen hier, ein bisschen dort – nichts Verlässliches. Sophie, seine Schwester, hatte jede Unterstützung abgelehnt. „Ich hab selbst Kinder zu versorgen, und außerdem ist das euer Schlamassel“, hatte sie trocken gemeint.

Die Bank zeigte längst kein Entgegenkommen mehr. Seit drei Monaten wurden Verzugszinsen verrechnet, dazu Mahnspesen. Schließlich kam die Androhung der Kreditkündigung – sollte nicht umgehend bezahlt werden, würde die Wohnung verwertet und versteigert.

Die Scheidung von Anna und Lukas war rasch erledigt. Es gab keine Kinder, keine gemeinsamen Ersparnisse, nichts aufzuteilen – außer einem Berg Schulden, die offiziell Lukas zugerechnet wurden.

Ein Jahr später schlenderte Anna durch ein Einkaufszentrum in Wien. Es war kurz vor Weihnachten, sie suchte Geschenke – und wirkte dabei wie ein völlig anderer Mensch. Neue Frisur, klare Haltung, ein ruhiger, selbstbewusster Blick. Vor einem Geschäft mit Espressomaschinen blieb sie stehen. Vielleicht, überlegte sie, sollte sie sich selbst etwas gönnen.

„Anna?“

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Lukas. Er wirkte müde, abgekämpft, älter als es die zwölf Monate rechtfertigten. Den Mantel, den er trug, kannte sie nur zu gut – schon im Vorjahr war er nicht mehr neu gewesen, jetzt war er sichtbar abgetragen.

„Grüß dich, Lukas.“

„Servus… Du schaust großartig aus.“

„Danke. Ich fühl mich auch so. Und bei dir? Wie geht’s deiner Mutter?“

Sein Gesicht verzog sich, als hätte er Zahnschmerzen.

„Die Wohnung ist weg. Die Bank hat sie versteigert. Für einen Spottpreis. Es hat gerade gereicht, um die Hauptschuld abzudecken. Die Zinsen und Strafen laufen weiter – auf ihren Namen. Die Hälfte ihrer Pension geht jetzt an die Exekution. Und den Betrag, den dir das Gericht zugesprochen hat… den zahlt sie auch. Monat für Monat.“

„Verstehe“, sagte Anna höflich, beinahe kühl.

„Jetzt wohnen wir alle in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung. Ich, sie, und Sophie mit den Kindern – sie ist inzwischen auch geschieden und zu uns gezogen. Es ist ein einziges Chaos. Dauernd Streit. Mutter nörgelt vom Morgen bis zum Abend. Und weißt du was? Sie redet ständig von dir. Sagt, wie gut alles war, als du noch da warst.“

Anna musste lachen.

„Ach wirklich? Und was ist mit dem ‚undankbaren Weib‘ und dem ‚ich verfluch dich noch‘?“

Er wich ihrem Blick aus. „Das war schnell vergessen… Anna, könnten wir vielleicht einen Kaffee trinken? Ich hab mich geändert. Ich fahr jetzt Taxi. Das Auto ist gemietet, aber ich bemühe mich. Ich hab viel nachgedacht. Du fehlst mir. Ich war ein Idiot. Vielleicht… könnten wir neu anfangen? Eine kleine Wohnung mieten, nur wir zwei. Ohne Mütter, ohne Geschwister.“

Sie sah ihn an – und spürte nichts. Kein Groll, keine Kränkung, nicht einmal Mitleid. Vor ihr stand bloß ein fremder Mann, der nach billigem Rauch und unerledigten Problemen roch.

„Nein, Lukas. Neu anfangen geht nicht. Ich bin nämlich schon am Ende angekommen. Am Ende dieser traurigen Geschichte.“

„Aber wir haben uns doch geliebt!“

„Ich habe dich geliebt. Du hattest eine bequeme Lösung für deine Schwierigkeiten. Das ist ein Unterschied. Weißt du, ich hab vor Kurzem selbst einen Kredit aufgenommen. Für meine eigene Wohnung. Auf meinen Namen. Ich renovier dort alles nach meinen Vorstellungen. Und niemand wird mir je wieder sagen, es sei nicht mein Zuhause. Niemand wird unangekündigt einziehen. Dieses Gefühl, von niemandem abhängig zu sein – das ist Freiheit.“

„Du bist hart geworden“, murmelte er.

„Nein. Ich bin erwachsen geworden. Pfiat di, Lukas. Und richte Elisabeth bitte aus: Danke. Wäre sie damals nicht so gierig gewesen, würde ich vielleicht noch immer ihren Traum finanzieren und dabei mein eigenes Leben versäumen. Sie hat mich unfreiwillig befreit.“

Anna wandte sich ab. Ihre Absätze klangen hell auf dem glänzenden Boden des Einkaufszentrums. Die Espressomaschine kaufte sie nicht. Stattdessen beschloss sie, das Geld zur Seite zu legen. Heuer wollte sie ans Meer fliegen – zum ersten Mal seit fünf Jahren. Allein. Frei. Und mit leichtem Herzen.

Lukas blieb noch lange stehen, eine zerdrückte Packung billiger Zigaretten in der Jackentasche. Zum ersten Mal wurde ihm klar, wie töricht er gemeinsam mit seiner Mutter gehandelt hatte – sie hatten die Henne geschlachtet, die ihnen goldene Eier gelegt hatte, nur um eine Suppe daraus zu kochen.

Zu Hause warteten schmutziges Geschirr, weinende Neffen und eine ständig unzufriedene Elisabeth, die abends über einem alten Foto von Anna seufzte, das sie zufällig in einem Album gefunden hatte.

Doch zurückdrehen ließ sich nichts mehr. Das Leben hatte seine Rechnung präsentiert – und diesmal musste sie vollständig beglichen werden.

Hedis Stube