„Schon gut, Mama. Ich kümmere mich darum“, sagte Lukas, sichtlich blass und mit einem stummen Nicken

Diese bittere Bitte war zutiefst unfair und nötig.
Geschichten

Anna lag im Spitalbett, die Finger locker am Rand der Decke, und starrte reglos zur weißen Zimmerdecke hinauf. Nach jeder Chemotherapie war es dasselbe: eine bleierne Müdigkeit, eine Leere, als hätte jemand alles Lebendige aus ihr herausgezogen. Seit fünf Jahren dauerte das nun schon an. Fünf Jahre waren vergangen, seit die Diagnose Brustkrebs ihr bisheriges Dasein in zwei Teile geschnitten hatte – ein Davor und ein Danach.

Fünf Jahre.

Damals hatten die Ärzte gemeint, drei Jahre seien realistisch. Höchstens. Und doch war sie noch da. Sie kämpfte immer noch. Sie atmete, dachte, hoffte – sie lebte.

Manchmal allerdings fragte sie sich, wofür eigentlich.

Ihr jüngerer Sohn Lukas saß neben ihr auf dem unbequemen Besuchersessel, vornübergebeugt, das Handy in der Hand. Fünfunddreißig war er inzwischen, im besten Alter, geschäftlich erfolgreich. Vor drei Jahren hatte er seine eigene Firma gegründet, und inzwischen lief es mehr als gut. Neues Auto, moderne Eigentumswohnung, alles schien sich für ihn zu fügen.

Und jeden Monat überwies er Geld. Für Medikamente. Für Therapien. Für Fachärzte.

Anna hatte nie darum gebeten – zumindest nicht in den ersten drei Jahren. Doch in den vergangenen zwei blieb ihr keine andere Wahl. Ihre kleine Pension reichte hinten und vorne nicht für die kostspieligen Behandlungen. Lukas hingegen hatte einfach überwiesen. Monat für Monat, meist gleich zu Beginn. Ohne Vorwürfe. Ohne große Worte.

Heute jedoch war es anders gewesen.

Heute hatte sie ihn ausdrücklich darum gebeten.

Der behandelnde Arzt hatte von einer neuen Therapie gesprochen. Innovativ. Hoffnungsvoll. Aber ungeheuer teuer. Vielleicht, hatte er gesagt, könne sie ihr noch ein paar Jahre schenken.

Und Anna wollte diese Jahre. Mit jeder Faser.

Als Lukas allerdings die Summe gehört hatte, war er merklich blass geworden. Er hatte nicht widersprochen. Kein Nein. Nur ein knappes Nicken. „Schon gut, Mama. Ich kümmere mich darum“, hatte er gesagt.

Doch sie hatte es in seinem Gesicht gelesen. Diese Zahl war gewaltig. Vielleicht zu gewaltig.

Während sie nun dalag und Lukas schweigend auf sein Display starrte, öffnete sich die Zimmertür erneut.

Michael trat ein. Der ältere Sohn. Zweiundvierzig, verheiratet, zwei Kinder, ein sicheres Einkommen, ein Haus am Stadtrand.

Seit drei Jahren hatte Michael keinen Cent zu Annas Behandlung beigesteuert.

Sie hatte nie gefragt, weshalb. Doch sie wusste es. Seine Frau Katharina. Vor zwei Jahren hatte Anna zufällig mitangehört, wie Michael draußen am Gang telefonierte. Sie war gerade vom Waschraum zurückgekommen, als Katharinas Stimme scharf aus dem Hörer drang: „Seit fünf Jahren ist sie krank. Fünf Jahre! Wann hört das endlich auf? Wie lange sollen wir das noch mittragen?“

Diese Worte hatten sich eingebrannt.

Seither kam Michael nur noch selten. Und wenn, dann blieb es bei einem flüchtigen „Wie geht’s dir, Mama?“ und einem raschen Abschied.

Nun stand er trotzdem hier.

Lukas blickte auf.
„Servus, Michael“, sagte er leise.

Michael nickte knapp.
„Grüß dich. Wie geht’s der Mama?“

Lukas sah zu Anna hinüber. Sie zwang sich zu einem Lächeln, das sich falsch anfühlte.
„Es ist besser“, murmelte sie. Eine halbe Wahrheit, höchstens.

Michael setzte sich auf den Stuhl gegenüber vom Bett. Zwischen den Brüdern entstand eine angespannte Stille, dicht und unangenehm.

Plötzlich erhob sich Lukas.
„Ich hol mir schnell einen Kaffee aus dem Automaten“, meinte er. „Kommst mit, Michael?“

Ein weiteres Nicken. Beide standen auf.

Anna verfolgte jede ihrer Bewegungen mit den Augen. Sie wusste genau, was nun besprochen werden würde. Lukas würde die Summe nennen. Er würde erklären, wie teuer diese neue Chance war. Und Michael würde – vermutlich – wiederholen, was Katharina seit Jahren sagte.

Genug ist genug. Fünf Jahre Krankheit sind genug.

Sie konnte nichts tun. Nur daliegen und zusehen, wie ihre Söhne das Zimmer verließen.

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.

Anna blieb allein zurück.

Einen Moment lang war es still. Dann drangen gedämpfte Stimmen vom Gang herein. Michael und Lukas redeten miteinander. Kein Streit, kein lautes Wort – aber eindringlich genug.

Weil die Tür nicht ganz zu war.

Langsam drehte Anna den Kopf zur Seite. Das Türblatt stand einen Spalt offen.

Hedis Stube