Direkt vor der Tür standen sie.
Michael. Und Lukas.
Anna hielt unwillkürlich die Luft an.
„Lukas“, setzte Michael leise an, „wir müssen reden.“
„Ich weiß“, kam es ebenso ruhig zurück. „Ich ahne, warum du da bist.“
Ein hörbares Ausatmen. Michael rang nach Worten.
„Der Arzt hat mit mir gesprochen. Über die Summe. Lukas, das ist… das ist doch Wahnsinn.“
Anna spürte, wie ihr Puls zu hämmern begann.
„Es ist kein Wahnsinn“, erwiderte Lukas gedämpft. „Es geht um Mamas Leben.“
Michaels Ton wurde härter. „Lukas, Mama ist seit fünf Jahren krank. Fünf Jahre. Man hat uns damals drei gegeben. Drei! Und jetzt sind es schon fünf. Und nun wieder eine neue Therapie. Wieder Kosten. Wieder Hoffnung. Aber wie lange noch?“
Keine Antwort.
Michael sprach weiter, eindringlicher: „Du bist fünfunddreißig. Du hast deine Firma, du hast Pläne, Perspektiven. Dieses Geld könntest du investieren. Etwas aufbauen. Etwas, das Zukunft schafft. Statt… statt bloß den Tod hinauszuzögern.“
Ein heißer Strom rann Anna über die Wange.
Und dann sagte Lukas etwas, das ihr den Atem abschnürte.
Worte, auf die sie fünf Jahre gewartet hatte.
Und die sie zugleich fünf Jahre lang gefürchtet hatte.
„Michael“, begann Lukas leise, seine Stimme bebte, „du redest vom Hinauszögern des Todes. Aber ich rede vom Leben. Mama lebt. Und du… du siehst das nicht.“
Stille.
Anna hörte eine Bewegung, Stoff raschelte – vermutlich war Michael einen Schritt näher getreten.
„Was heißt das, ich sehe es nicht?“, fragte er ruhig, doch unter der Oberfläche lag Ärger.
„Das heißt“, antwortete Lukas, „dass du seit drei Jahren kaum hier warst. Du weißt gar nicht, wie Mama jetzt ist. Für dich sind es Zahlen. Fünf Jahre. Drei Jahre Prognose. Rechnungen. Therapien. Aber Mama… Mama selbst nimmst du nicht wahr.“
„Lukas, belehr mich nicht…“
„Ich belehre dich nicht“, fiel Lukas ihm ins Wort, und Anna hörte deutlich, dass er mit den Tränen kämpfte. „Aber du hast keine Ahnung, wie diese fünf Jahre wirklich waren.“
Wieder wurde es still. Dann ein tiefes Einatmen.
„Michael, Mama war immer stark. Erinnerst du dich? Als Papa gestorben ist – ich war zehn, du achtzehn. Sie hat nicht gejammert. Sie hat gearbeitet. Alles organisiert. Uns durchgebracht. Nie um Hilfe gebeten. Keinen einzigen Tag.“
Michael sagte nichts.
„Aber in diesen letzten fünf Jahren“, fuhr Lukas fort, „da ist etwas passiert. Sie ist nicht schwach geworden. Nicht so. Sie ist… anders geworden. Zu jemandem, den ich früher nie gekannt habe.“
„Lukas, sie ist krank…“
„Natürlich ist sie krank!“ Lukas’ Stimme hob sich. „Aber sie lebt trotzdem. Und ich habe in diesen fünf Jahren mehr mit ihr gesprochen als in den dreißig davor. Weil sie jetzt nicht mehr diese unerschütterliche, verschlossene Frau ist, die alles in sich hineingefressen hat. Jetzt hat sie Angst. Jetzt weint sie. Sie hat mir gesagt, dass sie sich vor dem Sterben fürchtet.“
Anna presste die Lider zusammen und biss sich auf die Lippen, um kein Schluchzen hören zu lassen.
„Und ich“, sagte Lukas weiter, nun brüchig, „ich habe sie zum ersten Mal wirklich gesehen. Nicht als Maschine, die kocht, wäscht, arbeitet und alles regelt. Sondern als Mensch. Als jemanden, der Angst hat. Der liebt. Der… der mich liebt.“
Lange kam nichts.
Schließlich, leise: „Lukas, ich liebe Mama auch.“
„Warum kommst du dann nicht?“, fragte Lukas sofort. „Warum bist du so selten da?“
Ein schwerer Seufzer.
„Weil… weil Katharina…“
„Katharina!“ Bitterkeit lag in Lukas’ Stimme. „Katharina sagt, es reicht. Fünf Jahre seien genug. Es sei hinausgeworfenes Geld. Und du… du hörst auf sie.“
„Lukas, Katharina ist meine Frau…“
„Und Mama… was ist Mama für dich?“
