„Ich bin nicht der persönliche Chauffeur deiner Mutter.“ sagte sie ruhig, woraufhin Lukas zu schreien begann

Diese unverschämte Erwartung fühlte sich endlich befreiend an.
Geschichten

…nur dass diese Nähe nichts Verbindendes mehr hatte, sondern wie eine Wand wirkte.

„Meine Mutter hat gemeint, es würde genau so enden“, sagte Lukas plötzlich leise, fast beiläufig.

„Ich weiß“, erwiderte Anna.

Er drehte den Kopf und sah sie an. Nicht flüchtig, nicht mit diesem genervten Blick, der sich in den letzten Jahren eingeschlichen hatte. Sondern offen. Direkt. Zum ersten Mal seit Langem wirklich. In seinem Gesicht lag eine Müdigkeit, die sie früher vielleicht weich gemacht hätte. Jetzt bestätigte sie sie nur in dem, was sie ohnehin längst entschieden hatte.

„Es tut mir leid“, murmelte er.

„Dann geh zu ihr“, antwortete Anna ruhig. Kein Spott, kein Zorn – nur Klarheit.

Am nächsten Tag meldete sich Barbara.

Anna hob ab. Warum auch nicht.

Die Schwiegermutter begann weitschweifig. Ehe bedeute Arbeit, sagte sie. Junge Leute hätten heutzutage keine Geduld mehr. Man müsse lernen, Kompromisse einzugehen. Alles nur aus Sorge, selbstverständlich – sie wolle doch bloß das Beste. Ihre Stimme klang warm, beinahe einlullend. Diese Art zu sprechen hatte sie immer schon beherrscht, das musste Anna ihr lassen.

„Barbara“, unterbrach sie schließlich sachlich. „Wussten Sie von der Wohnung?“

Am anderen Ende entstand eine Pause.

„Der Lukas hat mich um Rat gefragt, ja. Aber ich habe doch nicht—“

„Sie haben den Kontakt zur Maklerin hergestellt.“

Stille. Eine dichte, deutliche.

„Ich wollte meinem Sohn helfen“, sagte Barbara schließlich, und dieser gekränkte Unterton war unverkennbar.

„Das verstehe ich“, entgegnete Anna. „Nur ab heute gehöre ich nicht mehr zu den Menschen, über deren Kopf hinweg Sie Entscheidungen treffen oder die Sie für Ihre Zwecke einspannen können. Alles Gute.“

Sie legte auf.

Eine Woche später zog Lukas aus. Zwei Koffer, ein unsicherer Blick, als hätte er den Weg hierher nie bewusst gewählt und stünde nun ratlos an einem Ort, den er nicht wiedererkannte. Das gemeinsame Konto lösten sie offiziell auf, beim Notar. Viel war nicht darauf. Weniger, als er offenbar erwartet hatte. Ein Teil war für die anwaltliche Beratung draufgegangen, einen anderen Betrag hatte Anna rechtzeitig – und völlig rechtens – auf ihr eigenes Konto übertragen, noch bevor der Scheidungsantrag eingereicht worden war.

Sein Einwand, das Auto sei doch ebenfalls gemeinsames Eigentum, verpuffte rasch. Anna hatte sämtliche Unterlagen sorgfältig gesammelt. Die Juristin arbeitete präzise.

Die Wohnung blieb bei Anna.

Der Wagen ebenfalls.

Lukas suchte sich schließlich eine Mietwohnung. Nicht jene, die er gemeinsam mit Barbaras Maklerin ins Auge gefasst hatte. Daraus wurde nichts. Das Ersparte reichte nicht für die erforderliche Eigenmittelquote, und ohne Annas Einkommen fiel auch die Kreditzusage der Bank deutlich bescheidener aus, als er gedacht hatte.

Offenbar hatte auch Barbara nicht mit dieser Entwicklung gerechnet. Sie war es gewohnt, Pläne zu schmieden, ohne die Folgen mitzudenken. Nun waren die Folgen greifbar: ein Sohn in einer kleinen Mietwohnung, ohne den Komfort, den strukturierten Alltag, den Anna acht Jahre lang organisiert hatte.

Termine im Amt, Arztbesuche, Formulare – all das landete wieder auf Barbaras eigenem Tisch.

Im Mai stellte Anna das Schlafzimmer um.

Sie hatte es sich oft vorgenommen. Doch immer war etwas dazwischengekommen. Zu wenig Zeit. Oder Lukas’ beiläufiges „Passt doch so“. Jetzt brauchte sie niemanden mehr zu fragen. Sie schob das Bett näher ans Fenster, stellte einen kleinen Schreibtisch an die Wand und montierte ein Regal für jene Bücher, die seit zwei Jahren in einer Kiste im Abstellraum gewartet hatten.

Danach kochte sie sich Kaffee, setzte sich ans offene Fenster und schlug eines der Bücher auf.

Unten rauschte die Stadt. Sonnenlicht fiel auf die Seiten. Irgendwo lachte jemand laut, unbeschwert, fast sommerlich.

Während sie las, bemerkte sie, dass die Stille in der Wohnung eine andere geworden war. Früher war sie gespannt gewesen – wie ein Innehalten vor dem nächsten Anspruch. Man wartete darauf, dass jemand hereinkam, etwas wollte, etwas brauchte.

Jetzt war es einfach Ruhe.

Ihre eigene.

Und das fühlte sich gut an.

Im Juni schrieb Sophie. Ohne Anlass.

„Wie geht’s dir?“

Anna lächelte, als sie die Nachricht sah, und tippte zurück: „Gut. Zum ersten Mal seit Langem wirklich gut.“

Noch in derselben Woche trafen sie einander. Nicht mehr in dem alten Lokal, sondern in einem kleinen Café näher an der Donau, mit Terrasse und Blick aufs Wasser. Sie bestellten Wein und redeten stundenlang. Nicht über Lukas, nicht über Vergangenes. Sondern über alles Mögliche – so, wie Menschen sprechen, die plötzlich merken, dass sie einander verstehen.

Beim Abschied sagte Sophie zögernd: „Ich hatte Angst, du könntest mir böse sein. Dass du es falsch auffasst.“

„Ich bin froh, dass du dich gemeldet hast“, antwortete Anna.

Und genau so meinte sie es.

Von Lukas kamen gelegentlich Nachrichten. Kurz, sachlich. Es ging um Unterlagen oder gemeinsame Bekannte. Anna reagierte ebenso nüchtern. Einmal schrieb er spätabends: „Ich habe mich geirrt.“ Nur dieser eine Satz. Sie las ihn, legte das Handy zur Seite und antwortete nicht. Nicht aus Trotz. Manche Einsichten kommen zu spät, um noch etwas zu verändern.

Barbara meldete sich nicht mehr.

Im Juli nahm Anna Urlaub. Zwei Wochen, allein. Sie kaufte sich ein Ticket ohne große Planung und fuhr in eine kleine Stadt am Meer. Enge Gassen, Salzgeruch in der Luft, morgens Kaffee in einem kleinen Häferl auf einer schattigen Terrasse. Sie spazierte viel, las, schlief so lange, wie sie wollte.

Am vierten Tag fiel ihr auf, dass sie kein einziges Mal an die Wohnung gedacht hatte.

Dieses Gefühl war neu. Leicht. Fast schwerelos. Als wäre etwas, das lange unmerklich gedrückt hatte, einfach verschwunden. Und erst im Wegfall spürte man, wie dauerhaft es gewesen war.

Im Morgengrauen fotografierte sie das Meer – rosa schimmernd, ruhig, weit. Das Bild stellte sie als Hintergrund ein.

Einfach so. Als Erinnerung.

Im Herbst schrieb sie sich für einen Kurs ein, eine Idee, die sie jahrelang vor sich hergeschoben hatte. Nach der Arbeit fuhr sie quer durch die Stadt, kam abends müde zurück – aber auf eine andere Weise als früher. Nicht ausgelaugt, sondern erfüllt.

Der Wagen stand weiterhin unten auf dem Parkplatz.

Anna setzte sich ans Steuer und fuhr los – zur Arbeit, zum Kurs, zu ihrer Mutter, einkaufen.

Dorthin, wohin sie selbst wollte.

Und genau so sollte es sein.

Hedis Stube