„Ich werde deinen Ex-Mann heiraten. Also, meine Kleine, es wird Zeit, dass du die Wohnung räumst“ spottete die Geliebte an der Tür vor einer fassungslosen Anna

Diese aufdringliche Selbstsicherheit ist widerlich und schmerzhaft.
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— Ich werde deinen Ex-Mann heiraten. Also, meine Kleine, es wird Zeit, dass du die Wohnung räumst — erklärte die Geliebte.

Anna hatte ihre Tochter Lena erst vor ein paar Minuten zum Einschlafen gebracht. Eigentlich wollte sie sich selbst schon hinlegen und die seltene Stille in der gemütlichen Wohnung geniessen.

Doch genau in diesem Moment läutete es an der Tür. Die melodische Klingel kündigte Besuch an.

— Na großartig, das war’s dann wohl mit der Ruhe — murmelte Anna spöttisch und ging zur Tür.

Davor stand eine kleine Frau mit kurz geschnittenem blondem Haar und großen braunen Augen. Sie musterte die Wohnungsinhaberin aufmerksam, fast so, als würde sie etwas abwägen.

— Ja bitte? — fragte Anna und zog leicht die Augenbrauen zusammen.

— Oh, entschuldigen Sie — fuhr die Besucherin aus ihren Gedanken hoch. — Ich heiße Theresa.

— Freut mich — erwiderte Anna trocken und verschränkte die Arme vor der Brust. — Und was führt Sie zu mir?

— Ja, ja, natürlich — sagte die Fremde hastig, als müsste sie sich selbst daran erinnern. — Theresa. Mein Name ist Theresa.

— Das habe ich zur Kenntnis genommen — meinte Anna kühl; in ihrer Stimme schwang bereits gereizte Ungeduld mit. — Und jetzt bitte zum Wesentlichen.

— Sind Sie Anna? — fragte die junge Frau unsicher.

— Genau. Was möchten Sie?

— Also, verstehen Sie bitte — begann Theresa auf einmal heiter –, ich bin Lukas’ Verlobte!

Anna hob überrascht die Brauen, ihre Augen weiteten sich unwillkürlich.

„Na selbstverständlich. Mein ehemaliger Herzensbrecher hat sich also schon ein neues Exemplar zugelegt“, schoss es ihr durch den Kopf, während sie Theresa mit einem prüfenden Blick von oben bis unten musterte. „Obwohl… was geht mich seine Sammlung eigentlich noch an?“

— Ich wollte mit Ihnen über meinen Mann sprechen… ach nein, über meinen Bräutigam natürlich — fuhr Theresa fort und lächelte nervös.

— Ich bezweifle, dass meine Erinnerungen Ihnen besonders nützlich sein werden. Wir sind getrennt — gab Anna knapp zurück.

— Das weiß ich. Lukas hat es mir erzählt. Ich bin nicht gekommen, um Streit anzufangen!

Anna lachte innerlich bitter auf. „Und warum sollte ich streiten? Ich bin nicht mehr seine Frau, und du… du bist mir im Grunde vollkommen egal.“

— Ich möchte von Ihnen hören, wie mein Lukas so ist — sagte Theresa und hielt dabei fast den Atem an.

„Mein?“ Der Gedanke stach Anna unangenehm. „Einmal war er meiner…“

— Gut. Kommen Sie herein — seufzte Anna schließlich.

Sie ließ den unerwarteten Gast in den Vorraum. Ein Teil von ihr war durchaus neugierig, wie ihr Ex-Mann inzwischen lebte. In letzter Zeit hatte er überhaupt nicht mehr angerufen; nur den Unterhalt überwies er regelmäßig.

Anna stellte den Wasserkocher an, bereitete in der durchsichtigen Teekanne einen Tee mit Rosenblättern zu, stellte zwei Tassen auf ein Tablett, legte ein paar Kekse dazu und trug alles ins Wohnzimmer.

Theresa schlich inzwischen eifrig an den Wänden entlang, betrachtete die Bilder, die Bücherregale, strich mit den Fingerspitzen über die Buchrücken. Alles nahm sie neugierig in Augenschein.

— Wunderschön ist es hier! So viel Platz, diese Deckenhöhe… Und diese riesigen Fenster, dazu der Park! Von so einer Wohnung träume ich schon lange — seufzte sie begeistert.

— Also, was genau wollen Sie hören? — fragte Anna, während sie das Tablett auf den Tisch stellte.

— Ja, eigentlich alles — antwortete Theresa geistesabwesend und trat auf eine der Türen zu. — Und was ist dort drinnen?

— Nicht aufmachen! — warnte Anna scharf. — Dort schläft meine Tochter.

— Ach ja, Lukas hat erwähnt, dass Sie ein Kind haben. Wie heißt sie noch einmal?

— Lena — sagte Anna kurz.

— Genau, Lena! — Theresa drehte sich um und ging bereits zur nächsten Tür. Ohne um Erlaubnis zu bitten, drückte sie die Klinke hinunter und trat ein.

— He, wohin gehen Sie?! — empörte sich Anna und eilte ihr nach.

— Ich will mir alle Zimmer anschauen — warf Theresa unbekümmert über die Schulter.

— Hören Sie, machen Sie die Tür zu und kommen Sie da bitte sofort heraus!

— Warum denn? — Theresa klang ehrlich entrüstet. — Das ist doch mein Zuhause!

— Was?! — Anna glaubte, sich verhört zu haben.

— Ja, mein Zuhause. Ich heirate Lukas, und er schenkt es mir. Also… — Theresa wandte sich um und musterte Anna mit einem plötzlich scharfen Blick. — Also, meine Kleine, es wird Zeit, dass du den Platz freimachst.

— Hörst du eigentlich, was du da redest? — presste Anna zwischen den Zähnen hervor und bemühte sich, nicht die Beherrschung zu verlieren.

— Wen interessiert, was du davon hältst! Ich bin gekommen, um mir das Geschenk meines Bräutigams anzusehen. Ich habe keine Lust, später in irgendeinem Loch zu landen. Hier ist es ganz passend… — begann Theresa.

— Schluss jetzt! Deine Vorstellung ist beendet. Verlass meine Wohnung. Sofort! — sagte Anna mit heller, fester Stimme.

— Und du hast mir gar nichts zu sagen! — fauchte Theresa zurück und griff schon nach der Klinke der nächsten Tür.

Anna sprang vor, packte die Hand der Frau und riss sie abrupt von der Tür weg. Theresa kam ins Taumeln, konnte gerade noch das Gleichgewicht halten und stolperte zur Seite. Anna schloss die Tür vorsichtig, beinahe demonstrativ.

— Raus — zischte sie, während sie spürte, wie die Wut heiß in ihr hochkochte.

— Oho, was für eine Härte! Dann hör gut zu, meine Kleine: Ich gebe dir zwei Wochen. Danach wohne ich hier. Verstanden?

Vor so viel Dreistigkeit verschlug es Anna für einen Augenblick die Sprache. Solchen Gestalten war sie schon lange nicht mehr begegnet.

— Verschwinde — sagte sie leise, aber mit eiskalter Entschlossenheit.

— Ich gehe ja schon. Mit den Bildern bin ich zwar nicht fertig geworden, aber gut. Die Adresse habe ich ja. Servus!

Theresa hastete zu ihren Schuhen, schlüpfte schnell hinein und rannte hinaus ins Stiegenhaus, ohne abzuwarten, ob Anna sie womöglich eigenhändig hinausbefördern würde.

— Zwei Wochen! — rief sie noch einmal und eilte dann die Stiege hinunter.

Anna schlug die Tür zu, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und merkte, wie ihre Knie verräterisch zitterten.

„Was war das jetzt bitte?“ quälte sie sich innerlich. „Lukas kann so etwas nicht machen, er hat es doch versprochen… Oder ist das bloß irgendeine idiotische Laune einer seiner Verehrerinnen?“

Sie sah auf die Uhr. Es war bereits spät, doch an Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie musste Lukas anrufen. Zuerst aber schaute sie noch kurz zu Lena hinein. Die Kleine schlief friedlich, den Plüschbären fest an sich gedrückt. Anna hätte niemandem erlaubt, ihre Ruhe zu zerstören — schon gar nicht so einer eingebildeten Person, die sich einbildete, die Herrin dieser Wohnung zu sein.

In den Fenstern der Wohnblocks draußen brannten gelbe Lichter, die Straßenlaternen waren angegangen und warfen lange Schatten auf den Asphalt.

Anna lief unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Mit ihren schmalen Fingern strich sie sich immer wieder nervös lose Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihre Gedanken verhedderten sich, ihr Herz schlug wild. Theresas Worte — die Worte der neuen Liebe ihres Ex-Mannes — hallten in ihrem Kopf nach.

Die Wohnung, in der Anna und Lena lebten, war ihr sicherer Hafen. Das weiche Sofa mit den gemusterten Polstern, die Regale voller Lieblingsbücher, die Fotos an den Wänden — all das hatte immer das Gefühl eines geschützten Zuhauses vermittelt. Jetzt aber wirkte diese Idylle plötzlich zerbrechlich, beinahe trügerisch.

Sie erinnerte sich genau an die Abmachung mit Lukas: Bis Lena die Schule abgeschlossen hatte, durften sie hier bleiben. Die Erklärung seiner „Verlobten“ traf sie wie ein Schlag ins Gesicht.

Schließlich hielt Anna es nicht länger aus. Sie griff nach dem Telefon, wählte die Nummer ihres Ex-Mannes und presste den Hörer ans Ohr. Nach dem Klingeln erklang seine vertraute Stimme.

— Was? — brummte Lukas, ohne Begrüßung.

— Was soll das heißen? — platzte Anna heraus, wobei sie sich zwang, leise zu sprechen, um Lena nicht aufzuwecken. — Zu mir ist gerade irgendeine deiner neuen Furien gekommen und hat mir befohlen, die Wohnung zu räumen. Ist das dein billiger Scherz, oder hast du bei der Niedertracht ein neues Niveau erreicht?

— Gut, ich verstehe — sagte Lukas. — Das Wichtigste ist, dass du dich nicht aufregst.

Anna ging in die Küche. Der kleine Raum mit den alten, aber sorgfältig gepflegten Möbeln war für sie immer eine Zuflucht gewesen. Jetzt jedoch lag etwas Beklemmendes darin.

— Ich soll mich nicht aufregen? — wiederholte sie und beherrschte sich nur mit Mühe.

Hedis Stube