— Wirklich rücksichtsvoll von dir, zuerst deinen eigenen Wachhund vorzuschicken, statt dich selber zu melden. Sehr feinfühlig, muss man schon sagen.
— Du hast gewusst, dass die Wohnung nicht dir gehört — sagte Lukas weiter, als hätte er ihren Spott gar nicht gehört. — Meine Mutter hat sie mir noch vor unserer Hochzeit überschrieben. Daran erinnerst du dich doch?
— Und wie ich mich erinnere — gab Anna scharf zurück. — Deine Mutter hat sie uns zur Hochzeit überlassen. Aber du bist abgehauen und hast mich mit unserer Tochter sitzen lassen. Und wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, hast du versprochen, uns in Ruhe zu lassen, bis Lena mit der Schule fertig ist. Oder haben deine Versprechen inzwischen auch ein Ablaufdatum?
— Komm mir nicht mit solchen altmodischen Schwüren. Die Zeiten ändern sich — wich Lukas aus.
— Dreh dich nicht heraus. Du hast es zugesagt — beharrte Anna.
— Ja, habe ich. Aber jetzt brauche ich die Wohnung — kam seine Antwort völlig tonlos.
— Du bist wirklich ein gewissenloser Schuft! — platzte es aus Anna heraus, ehe sie sich wieder fing. — Das ist einfach widerlich.
— Wollen wir jetzt streiten, oder reden wir zur Sache? — fragte Lukas beinahe gelassen.
— Sag Theresa, sie soll nicht… — setzte Anna an, doch er schnitt ihr das Wort ab.
— Nein — sagte er hart. — Ich brauche die Wohnung. Es war ein Fehler, dass sie zuerst zu dir gegangen ist.
— Aha. Also hast du dich nicht getraut und deine Hofdame vorgeschickt? — schleuderte Anna ihm entgegen.
— Schluss mit dem Gerede. Ich möchte, dass du binnen zwei Wochen ausziehst — erklärte Lukas nüchtern.
— Und wohin? — fuhr Anna auf. — Du weißt ganz genau, dass ich keine andere Bleibe habe!
— Dann mietest du etwas. Ich überweise Unterhalt, und zwar nicht wenig. Für eine Miete reicht es — sagte er bestimmt.
— So macht man das nicht, Lukas. Du hast es mir versprochen — in Annas Stimme lag plötzlich ein flehender Klang, den sie im selben Augenblick an sich selbst verabscheute.
— Hör auf damit. Ich habe keine zweite Wohnung, schon gar keine solche. Zwei Wochen sind mehr als genug, um etwas zu finden. Hast du das verstanden?
— Nein, du verstehst hier etwas nicht. In dieser Wohnung lebt deine Tochter. Ich wiederhole es: deine Tochter. Das Kind, das du nicht besuchst. Dem du nicht einmal zum Geburtstag gratuliert hast. Weißt du überhaupt noch, wann der ist?
Am anderen Ende der Leitung wurde es schwer und still. Dann war ein Seufzen zu hören. Lukas schwieg noch ein paar Sekunden, bevor er kalt sagte:
— Zwei Wochen.
Danach legte er auf.
Anna ließ sich kraftlos auf einen Sessel sinken. Draußen begann es zu dämmern, und in ihr breitete sich eine Dunkelheit aus, die noch dichter war als der Abend vor dem Fenster.
Die Nacht zog sich endlos dahin. Anna bekam kaum ein Auge zu; ihre Gedanken jagten einander, bohrten und stachen. Die Wohnung gehörte tatsächlich nicht ihr. Rechtlich konnte Lukas sie hinauswerfen. Unterhalt zahlte er zwar, doch eine Miete hätte beinahe alles verschlungen. Ein Ausweg war nirgends zu erkennen.
Durch die nicht ganz zugezogenen Vorhänge kroch am Morgen ein fahles Licht herein und füllte das Zimmer mit grauen Schatten. Anna bewegte sich wie ferngesteuert durch die Küche und richtete das Frühstück für ihre Tochter her. Ihr Gesicht war blass, unter den Augen lagen dunkle Ringe, die deutlicher von der schlaflosen Nacht erzählten als jedes Wort.
Nachdem Lena gegessen hatte und sie sich für den Spaziergang fertig gemacht hatten, läutete es an der Tür. Draußen stand Elisabeth, Lukas’ Mutter. Obwohl ihr Sohn längst von Anna getrennt war, kam die Großmutter beinahe täglich vorbei. Sie liebte es, sich um ihre Enkelin zu kümmern: früher mit ihr spazieren zu gehen, sie zu baden und ihr die ersten Schritte beizubringen, inzwischen mit ihr zu zeichnen, zu lesen und kleine Aufgaben zu üben.
Elisabeth musterte ihre Schwiegertochter aufmerksam.
— Was ist mit dir los? — fragte sie und sah unverwandt auf die Schatten unter Annas Augen.
Anna holte tief Luft, sammelte sich und antwortete leise:
— Lukas wirft mich aus der Wohnung.
— Na, dann erzähl einmal ordentlich — sagte Elisabeth, hob Lena hoch, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und ging mit ihr ins Wohnzimmer. Dort ließ sie sich bequem in den Fauteuil sinken. — Ich möchte die Fakten hören.
Anna berichtete alles: Theresas Auftauchen, deren Forderung wegen der Wohnung, den Anruf ihres Ex-Mannes und seine kalte Bestätigung, dass es tatsächlich ernst gemeint war.
— Zwei Wochen, Elisabeth. Nur zwei Wochen! Wo soll ich denn hin? — Anna breitete verzweifelt die Hände aus und ließ den Blick über die Möbel gleiten. — Und was mache ich mit all dem hier? Soll ich es auf den Mist hauen?
Elisabeth senkte den Kopf. Eine Weile sagte sie nichts. Dann stand sie auf, trat zum Fenster und schaute hinaus auf die Kinder, die unten im Park spielten. Erst als sie zurückkam, sprach sie wieder, gedämpft und langsam:
— Es ist das Recht meines Sohnes. Die Wohnung gehört ihm. Er kann darüber verfügen, wie er will.
— Und Lena? — erinnerte Anna sie.
— Ich weiß es nicht — antwortete Elisabeth angespannt. — Ich weiß es wirklich nicht. — Sie ging zu ihrer Enkelin und strich ihr zärtlich über den Kopf.
— Er hat es aber versprochen — sagte Anna hartnäckig, als klammere sie sich an dieses eine Wort.
— Liebes, seine Versprechen sind ungefähr so verlässlich wie seine Steuererklärungen — meinte Elisabeth trocken. Sie setzte sich wieder zu Lena, betrachtete die Kinderzeichnung, nahm einen Bleistift und besserte behutsam eine Linie aus. — Also gut. Du machst dich jetzt nicht völlig fertig. Was Lukas im Detail vorhat, weiß ich nicht. Er weiht mich schon lange nicht mehr in seine „genialen“ Finanzpläne und privaten Manöver ein. Aber eines sage ich dir: Ich werde mit ihm reden.
— Danke — flüsterte Anna, und in ihrer Stimme schimmerte vorsichtige Hoffnung auf.
— Ich rede mit ihm — wiederholte Elisabeth entschieden und ging zur Tür.
— Du gehst schon? — fragte Anna enttäuscht und sah ihr nach.
— Ja. Ich muss meine Argumente für das Gespräch mit unserem Finanzgenie vorbereiten — erwiderte die Großmutter, während sie in ihre Schuhe schlüpfte. Als sie die Tür öffnete, fügte sie noch hinzu: — Ohne gründliche Vorbereitung gewinnt man gegen ihn keinen Schritt.
Sie trat hinaus ins Stiegenhaus. Anna blieb zurück, gefangen zwischen Hoffnung und Angst. Die schwere Tür fiel ins Schloss, und sie stand allein in der Wohnung, die vielleicht bald nicht mehr ihr Zuhause sein würde.
Elisabeth trat auf die Straße. Der herbstliche Wind fuhr ihr sofort durchs Haar und ließ sie frösteln. Für einen Moment blieb sie stehen und sah zu, wie die gefallenen Blätter in der kalten Luft herumwirbelten. Dieses Bild rief ihr jenen Tag ins Gedächtnis, an dem ihr Mann Michael gestorben war.
Die Einzelheiten waren in ihrer Erinnerung längst verschwommen; Lukas war damals erst zwei Jahre alt gewesen. Doch dieses Gefühl von Ratlosigkeit und Ohnmacht spürte sie wieder ganz deutlich, als wäre es nie vergangen — dieselbe Verzweiflung, die jetzt Anna quälte. Langsam ging sie zu ihrem Auto, setzte sich hinters Steuer. Im Wagen hing ein feiner Lavendelduft, der Duft ihres Lieblingsparfums.
Als sie auf die fast leere Straße hinaussah, fiel ihr ein, wie ihre eigene Mutter sich in jener schweren Zeit von ihr abgewandt hatte. Die Einzige, die ihr damals die Hand gereicht hatte, war Maria gewesen, die Schwiegermutter ihres verstorbenen Mannes. Sie hatte der jungen Witwe mit dem kleinen Kind erlaubt, in ihrer großen Wohnung zu wohnen. Nach Marias Tod war diese Wohnung schließlich an Elisabeth übergegangen.
Sie legte den Sicherheitsgurt an, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und startete den Motor.
— Das ist nicht richtig, mein Sohn. Ganz und gar nicht richtig — sagte sie in den leeren Innenraum, als säße Lukas neben ihr. Ihre Stimme klang eisig vor Vorwurf. — Sich hinter einer Theresa zu verstecken, ist nicht anständig. Das ist feig, Lukas. Sehr feig.
Behutsam fuhr sie los. Die Straßen waren beinahe leer. Elisabeth lenkte langsam, versunken in Gedanken und Erinnerungen, und spielte im Kopf immer wieder durch, wie sie das bevorstehende Gespräch führen könnte.
Ein paar Tage vergingen. Dann beschloss Elisabeth, ihre Enkelin Lena zu besuchen.
