Die Wohnungstür ist fast im selben Augenblick aufgegangen.
— Schön, dass du da bist — sagte Anna und bemühte sich sichtlich, ihre Unruhe hinter einem freundlichen Lächeln zu verstecken.
— Grüß dich, mein Kind — erwiderte Elisabeth zurückhaltend und strich ihrer Schwiegertochter flüchtig über die Wange. — Und wo ist unsere kleine Prinzessin?
— In ihrem Zimmer. Sie räumt gerade herum — meinte Anna leise.
— Hat sie wieder alles durcheinandergebracht? — fragte Elisabeth, während sie die Schuhe auszog und ins Wohnzimmer trat.
Doch kaum hatte sie den Raum betreten, blieb sie einen Augenblick stehen. Das gewohnte Wohnzimmer war kaum wiederzuerkennen: Überall standen halb gefüllte Kartons, dazwischen lagen Spielsachen, Kleidungsstücke und Bücher verstreut. Es wirkte nicht wie ein normales Aufräumen, sondern wie ein hastiger, schmerzhafter Abbruch eines ganzen Lebens.
— Zwei Wochen — sagte Anna tonlos. Sie nahm ein Buch aus dem Regal und legte es mechanisch in einen der Kartons, als hätte sie diese Bewegung schon hundertmal gemacht.
— Weißt du was — Elisabeth trat zu ihr, nahm ihr das Buch aus der Hand und stellte es mit einer entschlossenen Bewegung wieder zurück an seinen Platz —, wir machen jetzt einmal ein paar Tage Pause. Einverstanden? Schieb die Kartons in eine Ecke. Ich habe mit meinem Sohn noch nicht gesprochen. Seine „Geschäftsreisen“ haben ja die unangenehme Eigenschaft, immer genau so lang zu dauern, wie es ihm gerade passt.
— Hm… — murmelte Anna verlegen und sah auf das Chaos rund um sich, als wüsste sie nicht, ob sie hoffen durfte.
— Und wo ist jetzt mein kleiner Schatz? Lena! — rief Elisabeth mit wärmerer Stimme.
Aus dem Schlafzimmer kam sofort ein kleines Wesen herausgestürmt.
— Oma! — jubelte das Mädchen und warf sich ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen.
— Ach, meine Schöne! Mein süßes Kind, mein Sonnenschein, mein kleiner Goldschatz! — flüsterte Elisabeth, während sie die Enkelin fest an sich drückte.
— Oma, Oma, Oma! — brabbelte Lena glücklich und schmiegte sich an sie.
— Na, gehen wir in den Park? Wir zeigen den Blättern, was für eine großartige kleine Künstlerin du bist — schlug Elisabeth vor und hielt Lena behutsam, als wäre sie etwas Zerbrechliches und Kostbares zugleich.
— Äh… also… — Anna warf einen unsicheren Blick auf die Kartons. Ihre Augen wanderten zwischen dem Durcheinander und Elisabeth hin und her, ohne dass sie die Frage aussprechen musste.
— Bis Ende der Woche — sagte Elisabeth sanft, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. — So viel Zeit gibst du mir.
— Gut — Anna atmete spürbar auf und ging, um sich anzuziehen. In ihren Bewegungen lag immer noch Unsicherheit, doch zwischen der Erschöpfung blitzte etwas Zerbrechliches auf: Hoffnung.
Einige Tage später fiel das goldene Licht eines milden Herbstnachmittags durch die hohen Fenster eines vornehmen Restaurants, als Elisabeth den Saal betrat. Sie musste nicht lange suchen. Lukas saß an einem Tisch beim Fenster. Neben ihm hatte eine junge Frau Platz genommen.
Elisabeth ging ruhig auf sie zu, setzte sich und wandte den Blick zuerst an ihren Sohn.
— Lukas. Ich bin von einem Gespräch unter vier Augen ausgegangen — sagte sie leise. — Erklär mir bitte, warum diese Person hier sitzt.
— Mama, das ist Theresa. Meine Verlobte — antwortete Lukas und zog leicht die Stirn zusammen.
— Wie rührend. Nur war meine Einladung ausdrücklich an dich gerichtet — entgegnete Elisabeth kühl. — Nicht an eine Vorführung deiner augenblicklichen Launen.
Theresa spürte sofort die eisige Ablehnung, die ihr entgegenschlug.
— Vielleicht sollt ich lieber gehen? — fragte sie unsicher und kaum hörbar.
— Nein — schnitt Lukas ihr das Wort ab. Dann sah er seine Mutter herausfordernd an. — Vor Theresa habe ich keine Geheimnisse. Sie wird ohnehin alles erfahren.
— Verstehe. Dann darf sie bleiben. So begreifst du vielleicht noch schneller, welchen ganzen „Zauber“ deine Wahl mit sich bringt — sagte Elisabeth frostig. Ihr Blick glitt über Theresa, langsam und prüfend, als würde sie ein billiges Stück Ware begutachten.
Theresas Wimpern zitterten. Ihr Gesicht verlor Farbe.
— Also, mein Sohn — begann Elisabeth und rückte mit einer präzisen Bewegung ihre Perlenkette zurecht —, unser Thema ist die Wohnung. Genauer gesagt: dein bemerkenswert ehrgeiziger Versuch, Anna hinauszuwerfen.
— Das ist bereits entschieden — Lukas lehnte sich zurück und versuchte, gelassen zu wirken. Doch die Anspannung lag in jeder seiner Bewegungen. — Darüber gibt es nichts mehr zu reden.
— Da irrst du dich, mein Lieber — erwiderte Elisabeth ruhig. — Entschieden ist etwas erst dann, wenn alle Beteiligten einverstanden sind. Ich bin es nicht.
— Ich brauche diese Wohnung. Ich heirate Theresa, und wir werden dort wohnen — beharrte er. Seine Stimme wurde lauter.
— Nein, werdet ihr nicht. Und jetzt erkläre ich dir auch, weshalb — sagte Elisabeth und wandte sich mit einem beinahe lieblichen, aber schneidend scharfen Ton an Theresa. — Mein Kind, vielleicht wäre es besser, wenn du dir die Ohren zuhältst oder kurz nachschauen gehst, ob dein Näschen noch genug gepudert ist. Sonst hörst du womöglich etwas, das deine… naive Freude trübt.
— Du bleibst sitzen — sagte Lukas hart und legte Theresa die Hand auf die Schulter. Die Geste wirkte weniger schützend als besitzergreifend.
— Ich wollte nur Rücksicht auf die Nerven des jungen Geschöpfes nehmen — antwortete Elisabeth mit einem Hauch gespielter Verwunderung, als könne sie nicht fassen, dass ihre Fürsorge nicht geschätzt wurde.
— Anna zieht aus — sagte Lukas und atmete gereizt aus. Er versuchte, die Kontrolle über das Gespräch zurückzugewinnen. — Ich habe es ihr bereits gesagt.
— Darf ich dich daran erinnern, junger Mann — Elisabeths Stimme bekam einen stählernen Klang —, dass die Wohnung, in der Anna derzeit mit meiner Enkelin lebt, rechtlich mir gehört. Genauso wie jene, in der ich wohne.
— Mama, das ist doch nur auf dem Papier! Eine Formalität! — fuhr Lukas auf. — Ich habe sie nur auf deinen Namen schreiben lassen, weil…
— Weil du es vorgezogen hast, Steuern zu umgehen. Genau dort liegt übrigens die Wurzel all deiner gegenwärtigen „Probleme“ — unterbrach Elisabeth ihn und zeichnete mit ihren schlanken Fingern Anführungszeichen in die Luft. — Auch Annas Wohnung hast du gekauft. Du hast sie auf mich eintragen lassen und sie später, als es dir gepasst hat, wieder zurückverlangt. Nur die Steuer auf die Schenkung hast du praktischerweise vergessen. Eine sehr bequeme Form von Gedächtnisschwäche.
— Misch dich nicht in meine Finanzen ein — seine Stimme wurde scharf. — Das geht dich nichts an.
— Ich erinnere dich gern daran, mein lieber Sohn — sagte Elisabeth beinahe sanft, als würde sie ihm einen Gefallen erweisen —, dass ich die alleinige Gründerin deiner beiden Firmen bin. Auf dem Papier. Auf jenem Papier, das du so gern ignorierst, sobald es dir unbequem wird.
— Mama, was soll das jetzt? — Lukas riss die Augen auf; diesmal war seine Verwirrung echt. — Das war doch nur eine Formalität…
— Ich habe mir die Unterlagen angesehen. Sehr genau. Ich habe die offiziell angegebenen Einkünfte mit den tatsächlichen Umsätzen verglichen. Die Abweichung, Lukas — sie beugte sich leicht vor — beträgt mindestens das Zwanzigfache. Zwanzigmal so viel. Das ist kein Buchhaltungsfehler. Das ist ein System.
— Du hast das nachgerechnet? — Sein Gesicht wurde mit einem Schlag blass.
— Als Gründerin habe ich vollen Zugang zur Buchhaltung. Ich sehe, wohin das Geld fließt. Erschüttert hat mich nicht einmal die Höhe der Beträge — Elisabeth schüttelte enttäuscht den Kopf, wie eine Lehrerin, die einen besonders begabten, aber verdorbenen Schüler vor sich hat —, sondern die Frechheit, mit der du meine Unterschriften auf Zahlungsanweisungen nachmachst. Nebenbei bemerkt: ziemlich ungeschickt.
— Dass du Gründerin bist, ist doch alles nur Fik… — setzte Lukas an.
Da verlor Elisabeth zum ersten Mal die Geduld. Ihre Hand fuhr auf den Tisch hinunter, und das Porzellan klirrte leise.
— Schweig! — Ihre Stimme traf ihn wie ein Peitschenhieb. — Noch ein einziges Wort von „Fiktion“, und ich entlasse dich. Ab heute. Hast du verstanden? Das ist keine Fiktion. Das ist vollkommen real.
— Was?! — Lukas lief rot an. An seinem Hals traten die Adern hervor. Theresa zuckte zusammen und wurde noch bleicher.
— Meine Firmen ernähren dich. Ich kenne dein tatsächliches Einkommen, und ich kenne auch die armselige Summe, die du Anna für den Unterhalt meiner Enkelin überweist. Mein Vorschlag — jedes Wort sprach Elisabeth langsam, klar und scharf umrissen aus — ist ganz einfach: Du überschreibst Anna unverzüglich per Schenkungsvertrag die Wohnung. Und ab nächsten Monat vervierfachst du den Unterhalt. Einen echten Unterhalt, der zu deinen tatsächlichen Einkünften passt. Andernfalls…
— Andernfalls was? — presste Lukas zornig zwischen den Zähnen hervor.
Elisabeth sah ihn ruhig an, ohne auch nur einmal zu blinzeln, und setzte zu ihrer Antwort an.
