— Erstens — sagte Elisabeth mit einer Ruhe, die kälter war als Eis — entlasse ich dich als alleinige Gründerin mit sofortiger Wirkung. Ohne Abfertigung. Und zwar so, dass dein Ruf und deine Kreditwürdigkeit danach ausschauen werden, als hätte jemand mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Zweitens wandert diese Mappe mit deinen kleinen „Kunststücken“ zum Finanzamt, zur Finanzpolizei und zur Polizei. Du darfst wählen. Bis morgen hast du Zeit.
Lukas sank in seinem Sessel zurück. Erst jetzt hat er begriffen, wie tief die Grube war, in die er selbst hineingestiegen war. Er hatte immer auf die Nachsicht seiner Mutter gebaut, auf ihre alte Gewohnheit, nicht offen zu widersprechen, sondern nur Andeutungen fallen zu lassen, mit leisen Bemerkungen zu warnen und am Ende doch alles zu glätten.
— Lukas… — hauchte Theresa neben ihm, kaum hörbar, die Stimme dünn vor Angst.
— Sei still — sagte er trocken und rückte von ihr ab, als wäre ihre Nähe plötzlich unangenehm geworden.
Elisabeth öffnete langsam ihre Handtasche. Ohne jede Hast zog sie eine zusammengerollte Mappe heraus, legte sie vor sich auf den Tisch und bedeckte sie mit der Hand. Ihre rot lackierten Fingernägel trommelten leise auf den Karton, jedes Klopfen sauber, gleichmäßig, unerbittlich.
— Da drinnen ist genug, damit sich die zuständigen Stellen sehr lebhaft für dich interessieren — sagte sie und hielt seinen Blick fest.
Lukas’ Augen wurden glasig. Für einen Moment schien jeder Gedanke aus seinem Gesicht gewichen zu sein. Verrat? Von der eigenen Mutter? Diese Möglichkeit hatte er in seinen Berechnungen nicht vorgesehen. Er hatte an Annas Schwäche gedacht, an seine Tochter, an Ausreden, an Zeitgewinn. Aber nicht daran, dass Elisabeth eines Tages aufstehen und ihm die Rechnung hinlegen würde.
Sie nahm die Mappe wieder an sich, steckte sie zurück in die Tasche und erhob sich.
— Danke für deinen Besuch, Lukas — sagte sie höflich, fast so, als würde sie einen geschäftlichen Termin beenden. — Und… viel Erfolg mit der Immobilie.
Dann ging sie. Ruhig. Ohne zurückzuschauen.
Ein paar Tage später stand Elisabeth wieder vor jener Tür, deren Klingelknopf ihr längst vertraut war. Sie drückte darauf, und aus der Tiefe der Wohnung kam sofort ein heller, überglücklicher Aufschrei.
— Oma!
Unwillkürlich breitete sich ein Lächeln auf Elisabeths Lippen aus.
Die Tür öffnete Anna. Sie sah erschöpft aus, unter den Augen lagen dunkle Schatten, und doch bemühte sie sich um ein Lächeln, als sie ihre Schwiegermutter hereinließ.
— Oma! Oma! Oma! — Lena, ein kleines Mädchen mit goldblondem Haar, schoss wie ein Wirbelwind aus dem Vorzimmer und sprang Elisabeth um den Hals.
— Mein Herz, mein Sonnenschein! — Elisabeth hob sie hoch, drückte sie an sich und küsste sie auf die Wangen, während sie den sauberen, süßen Duft ihrer Kinderhaare einatmete. — Na schau, wie groß du geworden bist! Eine richtige kleine starke Dame bist du schon.
— Gehen wir spazieren, Oma? — fragte Lena und zappelte bereits wieder aus der Umarmung heraus.
— Natürlich gehen wir. Genau deswegen bin ich ja da — bestätigte Elisabeth. — Aber vorher ziehst du dich ordentlich an. Dem Wetter entsprechend, bitte. Nicht so wie gestern, wo der Wind dir fast das Kleid davongeweht hätte.
— Ja! Ja! Ja! — rief Lena begeistert, rutschte auf den Boden hinunter und sauste ins Vorzimmer.
Elisabeth wandte sich Anna zu. Ihr prüfender Blick brauchte nur einen Augenblick, um die fahle Haut, die tiefen Ringe unter den Augen und die angespannte Haltung zu bemerken.
— Na, Anna? Ist die Stimmung schon wieder auf „halbwegs lebendig“, oder befinden wir uns noch immer im Modus „Montag überleben“? — fragte sie sanft, mit einem kaum merklichen, trockenen Unterton.
Anna verzog den Mund und hob hilflos die Hände.
— Katastrophal. Wenn ich ehrlich bin, eher irgendwo am Grund des Marianengrabens.
— Oha — Elisabeth zog eine Augenbraue hoch und folgte ihr ins Wohnzimmer.
Der Anblick war ernüchternd. Fast alle Kästen standen offen und leer da, entlang der Wände stapelten sich Schachteln und Taschen, auf dem Boden lagen Dinge in wirren Haufen. Durch die Spalten der Vorhänge fiel staubiges Licht herein, das die Unordnung nicht milderte, sondern sie noch deutlicher machte.
— Das nenne ich einmal ein Bild — bemerkte Elisabeth trocken. — Ich hoffe, das ist nicht die Sammlung leerer Hoffnungen aus einer glücklichen Ehe? Mit Chaos habe ich gerechnet, aber nicht gleich mit einer kleinen Naturkatastrophe.
— Ich bin selber erschrocken — seufzte Anna und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. — Als hätte ich hier nicht sieben Jahre gewohnt, sondern Ausstellungsstücke für ein Museum des Unsinns gesammelt. In jeder Ecke liegt irgendein Beweis dafür, dass jemand den Verstand verloren hat.
— Wessen Verstand meinst du da genau? — fragte Elisabeth ruhig, doch in ihrer Stimme lag eine sehr deutliche Spitze.
— Bitte zwing mich nicht, das Offensichtliche laut auszusprechen — Anna winkte müde ab. — Aber ja, gratulier mir ruhig, ich versuche Ordnung zu schaffen. Oder zumindest so zu tun. Ich fühle mich wie Sisyphos, nur dass mein Felsbrocken aus seinen alten Krawatten und meinen eigenen Illusionen besteht.
— Sisyphos hat wenigstens gewusst, warum er schiebt — sagte Elisabeth knapp. — Du machst immerhin Platz für etwas Neues. Oder wenigstens für Luft. Das ist schon ein Fortschritt.
— Ich zieh nur schnell Lena an, sonst hat sie sich inzwischen wahrscheinlich die Stiefel über die Hände gezogen — sagte Anna und wollte Richtung Vorzimmer gehen.
— Einen Moment noch, Anna — hielt Elisabeth sie zurück, leise, aber bestimmt.
Sie öffnete ihre elegante Tasche, nahm mehrere sorgfältig gefaltete Blätter heraus und reichte sie ihr.
— Nimm das. Ich glaube, es ist Zeit, dass du es siehst. Damit die letzten Illusionen endgültig verdampfen und dem gesunden Hausverstand Platz machen.
Anna nahm die Papiere automatisch entgegen. Zuerst glitt ihr Blick verständnislos über die Zeilen. Dann blieb er hängen. Sie las noch einmal. Und noch einmal. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht. Ihre Finger krallten sich so fest in das Papier, dass es knitterte. Sie versuchte, sich zusammenzureißen, doch es half nichts: Tränen liefen ihr über die Wangen.
Wortlos, wie in einem Traum, ging sie zu Elisabeth hinüber, die gerade dabei war, Lena den Mantel zuzuknöpfen. Anna schlang die Arme um sie, drückte das Gesicht an ihre Schulter und flüsterte mit brüchiger Stimme:
— Mama… Danke. Danke für alles. Ich… ich hab das nicht gewusst. Ich war blind.
Lena schaute verwundert zwischen den beiden Frauen hin und her. Ihre großen braunen Augen wurden rund.
— Mama? — fragte sie. — Oma ist Mama?
Anna lachte leise durch ihre Tränen und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht.
— Ja, mein Schatz. Eine Oma ist auch eine Mama. Und manchmal die verlässlichste von allen.
Elisabeth legte Anna eine Hand auf den Rücken und strich ihr beruhigend darüber.
— Ich lasse nicht zu, dass jemand meiner Enkelin weh tut — sagte sie leise, aber mit einer Festigkeit, die keinen Widerspruch duldete. — Und ihrer Mutter auch nicht. Niemand hat das Recht, euer Leben mit Gemeinheiten zu beschmutzen. Diese Blätter sind nur Beweise. Jetzt stehst du nicht mehr mit leeren Händen da.
Anna atmete tief ein, als müsste sie sich erst wieder daran erinnern, wie man Luft holt.
— Danke — sagte sie noch einmal. — Einfach… danke. Für alles.
Elisabeth ließ sie einen Moment festhalten, dann richtete sie sich ein wenig auf und wechselte bewusst den Ton.
— So. Ist die Befreiungstruppe einsatzbereit? — fragte sie munter. — Draußen scheint die Sonne, der Wind ist frisch, also ideale Bedingungen für einen strategischen Spaziergang und ein taktisches Eis.
Lena riss sofort beide Arme in die Höhe.
— Hurra! Eis!
Anna nickte, noch immer mit feuchten Augen, aber jetzt lächelte sie. Sie trat zu einer der Schachteln, öffnete sie und zog einen alten, etwas abgewetzten, aber sauberen Plüschbären heraus. Es war Lenas treuer Begleiter, der schon alle Stürme überstanden hatte. Anna betrachtete ihn und lächelte schief.
— Weißt du, Mama, dieser Bär ist der einzige „Mann“ in diesem Haushalt, der mich nie belogen und nie verraten hat. Ein zuverlässiger Ritter aus Plüsch.
— Ein wertvolles Exemplar — bemerkte Elisabeth mit feinem Spott. — Halt ihn gut fest. Die Erfahrung zeigt, dass plüschene Treue manchmal mehr wert ist als menschliche.
Anna stellte den Bären auf das freigeräumte Regal. Ein Streifen Sonnenlicht fiel durch den Tüll genau auf sein Gesicht, als wollte er unterstreichen: Da war sie, die Wärme, die echt war. Nicht vorgetäuscht, nicht erkauft, nicht erpresst. Einfach da.
