– Wag es ja nicht, auch nur die Nasenspitze aus dem Zimmer zu stecken, du freches Ding! Wenn ich dein Gesicht da draußen sehe, kannst du was erleben! – zischte ihre Schwiegermutter.
– Nicht einmal daran denken! – Barbara fuhr so abrupt herum, dass ihre Strassohrringe hin und her schwangen und glitzernde Lichtpunkte über die Wand jagten. – Solange die Nesterovs da sind, will ich dich nicht zu Gesicht bekommen! Setz dich in dein Loch und gib keinen Mucks von dir!
Anna blieb neben der halb geöffneten Küchentür wie angewurzelt stehen. In den Fingern zerknüllte sie ein Geschirrtuch. Durch den schmalen Spalt sah sie, wie Barbara die Vase mit den künstlichen Rosen am Couchtisch zurechtrückte, die Servietten glattstrich und prüfte, ob die Kristallgläser auf dem Tablett auch wirklich in einer sauberen Linie standen.
– Mama, jetzt beruhig dich doch … – setzte Lukas an.
Doch Barbara schnitt ihm mit einer fahrigen Handbewegung das Wort ab, als würde sie eine lästige Fliege verscheuchen.

– Mir fehlt gerade noch, dass ich mich vor den Leuten blamiere! Die Nesterovs kommen, sehen diese … – sie stockte kurz und suchte nach einem möglichst abfälligen Wort – sehen sie, und was sollen sie dann denken? Dass mein Sohn irgendwen geheiratet hat?
Anna schloss die Tür leise. Ihre Hände bebten, doch sie zwang sich, ruhig ein- und auszuatmen. Drei Jahre. Seit drei Jahren lebte sie in dieser Wohnung mitten in Wien, und jedes Mal, wenn Besuch kam, wurde sie weggesperrt wie ein peinliches Geheimnis. Wie eine fehlerhafte Ware, die man nicht ins Schaufenster stellen wollte.
Zehn Minuten später läutete es. Anna hörte, wie ihre Schwiegermutter den Gästen mit süßlicher Stimme entgegenflötete, wie sich Stimmen mischten, wie Lukas auflachte – mit diesem besonderen, gesellschaftstauglichen Lachen, das er ihr gegenüber nie verwendete.
Sie stand am Fenster ihres Zimmers – ihres „Lochs“, wie Barbara es nannte – und blickte hinaus auf die Stadt im Abendlicht.
Die Oktoberdämmerung wurde rasch dichter. In den Fenstern der Häuser gegenüber gingen nach und nach die Lichter an, und plötzlich fragte sich Anna, wie viele Frauen wohl dort drüben hinter diesen Scheiben saßen, Frauen wie sie, die sich vor den Blicken anderer verstecken mussten. Frauen, die im eigenen Zuhause unsichtbar geworden waren.
Aufgewachsen war sie in Graz, in einer ganz gewöhnlichen Familie. Ihr Vater hatte in einer Fabrik gearbeitet, ihre Mutter in der Bibliothek. Nach der Fachschule war Anna nach Wien gezogen, hatte sich ein kleines Zimmer in einem Randbezirk genommen und in einer Zahnarztpraxis an der Rezeption gearbeitet. Dort hatte sie Lukas kennengelernt. Er war zur Behandlung gekommen, hatte gelächelt, Schmäh geführt, sie auf einen Kaffee eingeladen. Damals war er ein anderer gewesen. Oder hatte sie das bloß glauben wollen?
– Anna, bring noch Eis – rief Lukas aus dem Wohnzimmer, in genau jenem Ton, den man gegenüber Bedienungspersonal anschlägt.
Sie nahm die Eiswürfelform aus dem Tiefkühler und ging hinaus. Im Wohnzimmer hing eine Mischung aus teurem Parfum und Cognac in der Luft. Das Ehepaar Nesterov – ein älteres, elegant gekleidetes Paar – saß am Tisch, daneben strahlte Barbara wie ein Christbaum.
– Ah, da ist ja unsere kleine Hilfe – sagte die Schwiegermutter, ohne Anna auch nur richtig anzuschauen. – Stell es auf den Tisch und geh wieder.
Claudia, eine Frau um die sechzig mit kühlem, prüfendem Blick, musterte Anna von oben bis unten.
– Wer ist das? Die neue Haushaltshilfe?
Für einen Augenblick schien die Luft im Raum zu gefrieren. Anna stellte den Eisbehälter ab und hob den Blick. Lukas starrte auf sein Handy. Barbara lächelte verkrampft.
– Aber nein, Claudia! Sie ist … nun ja, eine entfernte Verwandte. Sie hilft uns manchmal ein bissl im Haushalt.
Eine Verwandte. Die Ehefrau ihres Sohnes – eine „entfernte Verwandte“.
In Anna machte es leise klick. Fast unhörbar, beinahe unscheinbar. Und doch spürte sie, wie dieses kleine Klicken durch ihren ganzen Körper lief. Langsam wischte sie sich die Hände an der Schürze ab, dann band sie sie los. Sorgfältig faltete sie den Stoff zusammen und legte ihn über die Lehne eines Sessels.
– Ich bin seine Frau – sagte sie ruhig, aber klar. – Die Frau von Lukas. Seit drei Jahren.
Barbara sprang so heftig auf, dass die Kaffeetasse umkippte und die Tischdecke tränkte.
– Du … wie kannst du es wagen?! Raus hier! Sofort raus aus dem Wohnzimmer!
– Nein. – Anna schüttelte den Kopf. – Ich gehe nicht. Ich habe genug davon, mich in meinem eigenen Zuhause verstecken zu müssen.
Endlich löste Lukas den Blick von seinem Handy. Auf seinem Gesicht lagen Verwirrung, Ärger und noch etwas anderes – Angst vor seiner Mutter.
– Anna, mach jetzt bitte keine Szene. Geh ins Zimmer, wir reden später darüber.
– Später? – Anna lachte kurz auf. – Seit drei Jahren leben wir in diesem „später“. Wenn Mama es nicht hört. Wenn keine Gäste da sind. Wenn sie eingeschlafen ist. Ich werde nicht mehr auf dieses „später“ warten.
Die Nesterovs saßen fassungslos da; offensichtlich hatten sie mit einer solchen Wendung nicht gerechnet. Barbara lief dunkelrot an.
– Du … du unverschämtes Frauenzimmer! Aus Mitleid habe ich dich in dieses Haus aufgenommen! Ich habe dich ernährt, eingekleidet, und so dankst du es mir?
– Aus Mitleid? – Annas Stimme wurde fester. – Ich bin in diese Familie gekommen, weil Ihr Sohn mich geheiratet hat. Und Sie haben vom ersten Tag an alles dafür getan, dass ich mich wie eine Dienerin fühle und nicht wie ein Teil der Familie.
Sie ging in den Vorraum, nahm ihre Tasche und griff nach ihrem Mantel. Ihre Hände zitterten wieder, doch diesmal fühlte es sich anders an.
