Diesmal war es Adrenalin. Zorn. Und ein erster, fast schmerzhafter Hauch von Freiheit.
– Wohin willst du?! – Lukas ist endlich aufgesprungen. – Bist du jetzt völlig übergeschnappt?
Anna blieb auf der Schwelle stehen und drehte sich noch einmal um. Sie sah ihren Mann an – den Menschen, der ihr früher Blumen gebracht und ihr Gedichte vorgelesen hatte. Den Mann, der ihr versprochen hatte, sie zu beschützen und zu lieben. Und der sie zwei Wochen nach der Hochzeit zum ersten Mal „eine Hilfe“ genannt hatte, weil seine Mutter es so wollte.
– Ich bin nicht länger eure Dienerin. Und euer Geheimnis bin ich auch nicht mehr. Lebt, wie ihr wollt.
Die Tür fiel hinter ihr nicht laut ins Schloss, aber endgültig. Im Stiegenhaus mischte sich der Geruch nach Katze mit dem scharfen Dunst frischer Farbe. Anna lehnte sich gegen die Wand und schloss für einen Moment die Augen. Ihr Herz hämmerte so wild, als wollte es ihr die Brust sprengen.
Sie zog ihr Handy heraus. Dann rief sie Sophie an, die einzige Freundin, zu der der Kontakt in diesen drei Jahren nie ganz abgerissen war.
– Sophie… kann ich zu dir kommen? Nur für eine Weile… ja… ja, es ist etwas passiert…
Die U-Bahn-Station Karlsplatz war hoffnungslos überfüllt. Anna wurde von der Menge mitgeschoben, spürte fremde Schultern an ihren Armen, jemand trat ihr auf den Fuß, und in der Luft hing der Geruch nasser Mäntel, warmer Körper und billigen Automatenkaffees. Sie atmete tief ein. Es war der Geruch eines gewöhnlichen Lebens – eines Lebens, in dem die Menschen ihren eigenen Wegen nachgingen, in dem niemand sich verstecken oder so tun musste, als wäre alles in Ordnung.
Im Waggon war die Luft stickig. Anna stand bei der Tür, hielt sich an der Stange fest und betrachtete ihr Gesicht in der dunklen Scheibe. Einunddreißig Jahre alt. Das Haar zu einem Zopf gebunden, die Haut blass, unter den Augen dunkle Schatten. Wann hatte sie sich zuletzt im Spiegel angesehen, ohne dabei zu prüfen, ob sie unauffällig genug wirkte?
Das Handy vibrierte. Lukas. Fünf versäumte Anrufe. Anna musste nur kurz auf den Bildschirm schauen, dann drückte sie den Anruf weg und stellte das Gerät stumm.
Sophie wohnte in Favoriten, in einem neunstöckigen Plattenbau. Sie öffnete in einer ausgebeulten Jogginghose und einem T-Shirt mit ausgeleiertem Kragen, zog Anna sofort fest an sich und fragte kein einziges Wort.
– Tee? Oder brauchst du gleich einen Cognac?
– Tee – sagte Anna, streifte den Mantel ab und ließ sich auf das abgewetzte Sofa sinken. – Zum Betrinken bin ich noch nicht bereit.
Sophie kam mit zwei dampfenden Häferln zurück, setzte sich dicht neben sie und zog die Beine unter sich.
– Erzähl.
Und Anna begann zu reden. Nicht alles auf einmal. Zuerst nur von diesem Abend, von den Nesterows und von den Worten ihrer Schwiegermutter. Doch dann brachen die Sätze aus ihr heraus wie Wasser aus einem geborstenen Damm. Sie erzählte, dass Barbara sie vom ersten Tag an nicht gemocht hatte – „nicht unsere Kreise“, „keine Verbindungen“, „vom Land“. Sie erzählte, dass Lukas sie anfangs noch verteidigt hatte, später aber immer öfter seiner Mutter recht gab. Dass Anna nach und nach zu einer Hausangestellten geworden war: kochen, putzen, waschen – und wenn Gäste kamen, wurde sie nicht einmal an den Tisch gebeten. Einmal hatte Barbara gesagt: „Blamier uns nicht, bleib im Zimmer.“ Und Lukas hatte geschwiegen.
– Ach, Anna… – Sophie nahm ihre Hand. – Warum hast du nichts gesagt? Warum bist du damit nicht früher zu mir gekommen?
– Weil ich mich geschämt habe. – Anna nahm einen Schluck Tee und verbrannte sich die Lippen. – Alle haben immer gesagt, was für ein Glück ich habe. So ein Mann, so eine Wohnung im Zentrum, eine gebildete Schwiegermutter… Und was hätte ich sagen sollen? Dass ich dort behandelt werde wie ein Haustier? Dass mein Mann lieber seine Mutter schützt als seine eigene Frau?
Sophie sagte nichts. Sie strich nur langsam über Annas Hand. Draußen rauschte das abendliche Wien; irgendwo bellte ein Hund, Kinder schrien im Hof, unten fiel die Tür zum Stiegenhaus ins Schloss.
– Du bleibst bei mir – sagte Sophie schließlich. – So lange, wie du musst. Wir kriegen das hin.
Anna hat in dieser Nacht kein Auge zugetan. Sie lag auf dem ausgezogenen Sofa, starrte zur Decke hinauf und dachte nach. Vor drei Jahren hatte sie noch geglaubt, Liebe könne alles überwinden. Sie hatte gehofft, Lukas würde sich ändern, Barbara würde sich irgendwann an sie gewöhnen. Aber Menschen ändern sich nicht, wenn sie es gar nicht wollen. Und Lukas hatte es nicht gewollt.
Der Morgen begann mit zwanzig versäumten Anrufen ihres Mannes. Kurz darauf kam eine Nachricht von Barbara: „Hör mit dieser Hysterie auf und komm zurück. Beschäm die Familie nicht.“
Anna schaltete das Handy aus.
Um acht ging Sophie zur Arbeit. Auf dem Küchentisch ließ sie einen Schlüssel und einen Zettel zurück: „Der Kühlschrank gehört dir. Ruh dich aus.“ Anna stand auf, duschte – zum ersten Mal seit langer Zeit ohne Eile. Dann machte sie sich Kaffee und setzte sich ans Fenster. Unten im Hof führten ältere Frauen ihre Hunde aus, Mütter brachten ihre Kinder in den Kindergarten. Ein schlichtes, normales Leben war das, ohne Masken und ohne Angst.
Sie holte den Laptop hervor und öffnete ihr E-Mail-Postfach. Dort lag ihr Lebenslauf, seit drei Jahren nicht mehr aktualisiert. Barbara hatte ihr damals verboten zu arbeiten – „Wozu brauchst du eigenes Geld, wir versorgen dich.“ Nur hatte sich diese Versorgung am Ende schlimmer angefühlt als ein Gefängnis.
Bis Mittag schickte Anna ihren Lebenslauf an sechs Kliniken. Am Abend waren bereits zwei Antworten da – Einladungen zu Vorstellungsgesprächen.
Erst am nächsten Tag schaltete Anna ihr Handy wieder ein.
