„Verstehe ich das richtig: Bei mir daheim findet wieder einmal eine Sitzung statt, nur ohne mich?“ fragte Anna fassungslos, als sie ihre Wohnung voller Fremder vorfand

Diese Einladung ins Chaos war beschämend und unerträglich.
Geschichten

— Sag einmal, Anna, bist du jetzt völlig unverschämt geworden oder tust du nur so? — Barbaras Stimme dröhnte aus der Küche, als befände man sich nicht in einer Zweizimmerwohnung in einem ganz normalen Plattenbau am Stadtrand von Wien, sondern in einem Gemeindesaal bei einer hitzigen Versammlung.

Anna hatte nicht einmal noch den Schlüssel aus dem Schloss gezogen. Sie blieb im Vorraum stehen, in der einen Hand ein Einkaufssackerl aus dem Supermarkt, in der anderen den Laptop. Aus der Wohnung schlug ihr ein fremder, klebriger Lärm entgegen: Gelächter, Gabeln, die gegen Teller klirrten, das Scharren von Hockern, ein Männerhusten, das Rascheln von Sackerln. Und dazu dieser Geruch — genau jener, bei dem ihr Augenlid zu zucken begann: billiges Männerparfum, Zigarettenrauch und gebratenes Hendl.

Auf dem Fußabstreifer lagen riesige fremde Stiefel, die ihre ordentlich abgestellten Schuhe zur Seite gedrängt hatten. Daneben standen karierte Reisetaschen, bis oben hin vollgestopft, als wäre niemand auf Besuch gekommen, sondern hätte beschlossen, sich gleich dauerhaft einzunisten.

Anna zog langsam die Tür hinter sich zu, ließ den Riemen der Tasche von der Schulter gleiten und fragte laut:

— Verstehe ich das richtig: Bei mir daheim findet wieder einmal eine Sitzung statt, nur ohne mich?

Aus der Küche kam sofort eine muntere Antwort:

— Ah, da ist sie ja! Lukas, sag deiner Frau, sie soll nicht im Durchgang stehen bleiben, es zieht!

Anna ging in die Küche, ohne auch nur die Jacke auszuziehen. Was sie dort sah, machte ihren Kopf auf einmal unangenehm klar.

Am Tisch, über den ihre helle Tischdecke gebreitet war, saß Barbara wie eine Vorsitzende des Ausschusses für fremde Lebensführung. Neben ihr hockte eine füllige Frau um die fünfundfünfzig in einem himbeerfarbenen Pullover, mit grell lackierten Nägeln und einem Blick, der sich an allem festkrallte. Auf dem Hocker beim Fenster saß Lukas, ihr Mann, und nagte mit wichtiger Miene an einem Hendlhaxerl. Mitten auf dem Tisch lagen ein Maßband, ein Bleistift, ein Notizblock und ein aufgeschlagener Möbelkatalog. Ihre Vase mit den trockenen Zweigen war zur Abwasch hinübergeschoben worden, direkt neben eine Schüssel, in der jemand einen fettigen Löffel liegen gelassen hatte.

— Aha, die Hausherrin ist eingetroffen, — sagte Barbara lebhaft, ohne aufzustehen. — Wir haben hier übrigens gerade Wichtiges zu besprechen.

— Das sehe ich, — erwiderte Anna. — Maßband und Hendl sprechen wirklich für höchste Geschäftigkeit. Jetzt erklären Sie mir nur noch, welche Angelegenheit Sie genau in meiner Wohnung erledigen.

Die Frau im himbeerfarbenen Pullover lächelte sofort, als wären sie seit Jahren eng befreundet.

— Ich bin Claudia, Lukas’ Tante. Wir sind ja praktisch unter uns. Keine Fremden.

— Wunderbar, — Anna nickte. — Dann erklären Sie mir doch bitte auch ganz familiär, warum bei mir daheim eine Person sitzt, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sehe.

Barbara machte eine wegwerfende Handbewegung.

— Jetzt fang doch nicht schon an der Türschwelle damit an. Ich hab immer gesagt, dein Wesen ist wie Schleifpapier. Man könnte sich hinsetzen und in Ruhe reden. Wir besprechen hier ganz normale Dinge. Alltägliche Sachen.

— Dann reden wir eben ruhig. Worum geht’s?

Lukas murmelte, ohne den Blick zu heben:

— Anna, fahr nicht gleich hoch.

— Ich bin noch gar nicht hochgefahren, — sagte sie. — Das ist erst der Leerlauf. Das Hauptprogramm kommt noch.

Barbara zog den Notizblock näher zu sich heran und tippte mit dem Finger darauf.

— Ich sag es jetzt geradeheraus, ohne diese Büroverdrehungen von dir. Ihr lebt hier völlig planlos. Die Wohnung ist unpraktisch. Der Gang ist lang und bringt nichts. Die Küche ist zugestellt. Für Sachen gibt es kaum Platz. Lukas wohnt hier immerhin auch und soll sich als Hausherr fühlen dürfen, nicht wie irgendein Untermieter, der nur geduldet wird.

— Hat er dir das so gesagt? — Anna sah ihren Mann an.

Lukas zuckte mit den Schultern.

— Na ja, ist es leicht nicht so?

— Das heißt, du sitzt in der Wohnung, die ich schon vor der Hochzeit gehabt habe, isst mein Hendl und vermisst dabei das Gefühl, Eigentümer zu sein?

— Fang nicht an, — verzog er das Gesicht. — Du machst aus allem gleich einen Streit.

— In was soll ich es denn sonst verwandeln? In einen Innenarchitekturwettbewerb? Auf meinem Tisch liegt ein Maßband. In meiner Abwasch liegt ein fremder Löffel. Auf meinem Fußabstreifer stehen Stiefel in Größe fünfundvierzig. Entweder ist das ein Streit oder eine Fernsehserie.

Tante Claudia schnaubte leise, während sie sich aus Annas Krug Kompott einschenkte.

— Schmäh hat das Mädel, das muss man ihr lassen. Aber Familie ist kein Kabarett.

— Und der Versuch, mit Reisetaschen einzuziehen, ist dann vermutlich eine Tournee? — schnitt Anna ihr das Wort ab.

Barbara beugte sich nach vorn.

— Jetzt reicht’s mit deinen Giftigkeiten. Hör mir zu. Wir haben uns beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass man die Wohnung vernünftig regeln muss.

— Und wie schaut diese Vernunft aus?

— Ganz einfach. Die Hälfte wird auf Lukas überschrieben. Oder du machst gleich eine Schenkung auf ihn. Ihr seid schließlich Mann und Frau. Normale Leute machen das so, wenn sie vorhaben, lange zusammenzuleben, und nicht dieses kindische „meins, nicht angreifen“ spielen.

Für einen Augenblick wurde es in der Küche so still, dass man im Bad den Wasserhahn tropfen hörte.

Anna sah erst Barbara an, dann Lukas, dann Tante Claudia und schließlich wieder Lukas.

— Einen Moment. Ich möchte diesen Irrsinn richtig verstanden haben. Sie kommen in meine Wohnung, breiten hier Werkzeuge auf meinem Tisch aus, bringen Publikum mit und beschließen, ich soll die Wohnung, die mir schon vor der Ehe gehört hat, auf meinen Mann überschreiben?

— Warum „kommen“? — empörte sich Barbara sofort. — Mein Sohn hat einen Schlüssel.

— Nicht mehr lang, — sagte Anna ruhig.

Lukas hob endlich den Blick.

— Was schaust du denn so? Das ist ein normales Gespräch. Wir sind Familie. Mama hat recht: Wie lange soll ich hier noch leben, als wäre ich niemand?

— Und wer bist du hier, Lukas?

— Dein Mann.

— Ehemann ist kein Ehrentitel, den man auf einem Hocker absitzt. Das zeigt sich im Verhalten. In Verantwortung. Wenigstens darin, der eigenen Mutter sagen zu können: „Mama, stopp, das ist nicht deine Wohnung.“ Aber du sitzt da und kaust weiter, während hier besprochen wird, wie man mich möglichst elegant ausnimmt.

— Niemand nimmt dich aus, — brummte er. — Mach nicht gleich ein Drama daraus.

— Ach so, natürlich. Drei Menschen mit Reisetaschen und einem Möbelkatalog sind nur aus reiner Liebe zur Raumplanung bei mir eingefallen.

Tante Claudia stellte ihr Häferl auf den Tisch.

— Ich bin übrigens nicht zum Spaß da. Ich muss irgendwo ungefähr einen Monat wohnen. Ich suche Arbeit. Und bei euch ist Platz. Außerdem würde ich helfen: mit Handwerkern, mit dem Putzen, mit dem Kochen. Nicht alles ist gratis.

Anna wandte sich langsam zu ihr.

— Entschuldigen Sie, aber wer hat Sie eingeladen?

— Na wer schon? Familie eben.

— Wessen Familie?

Tante Claudia öffnete den Mund, doch Barbara kam ihr zuvor:

— Lukas’ Familie. Und du bist jetzt seine Frau. Also auch deine.

— Nein, Barbara, — Annas Stimme wurde vollkommen eben. — Sparen Sie sich jetzt dieses Theater von verwandten Seelen. Sie sind nicht meine Familie, nur weil Sie hier bei mir aufkreuzen.

Hedis Stube