um zu helfen. Sie sind nur dann „Familie“, wenn es darum geht, Quadratmeter an sich zu reißen, sich einzunisten und Ansprüche zu stellen.
— Was erlaubst du dir eigentlich für einen Ton! — Barbara ist rot angelaufen. — Ich bemühe mich doch nur um euch! Glaubst du, es macht mir Freude, meinen Sohn in einem fremden Zuhause wie einen geduldeten Gast zu sehen?
— Er ist hier kein geduldeter Gast. Er lebt hier wie ein erwachsener Mann, der seit zwei Jahren erzählt, dass er „ganz sicher bald mehr verdient“, und sich dann komischerweise trotzdem jedes Mal vor dem Gehalt Geld von seiner Frau borgt.
Lukas legte den abgenagten Knochen hart auf den Teller.
— Was soll das jetzt?
— Das soll, dass ich es satt habe, so zu tun, als wäre bei uns alles gleich verteilt. Und wenn ihr schon unbedingt eine Familienkonferenz veranstalten wollt, dann bitte ohne Bühnenbild. Wer zahlt die Wohnungskosten? Ich. Wer hat im vergangenen Herbst geholfen, den Kredit für das Wochenendhaus deiner Mutter abzudecken? Ich. Soll ich euch die Beträge aufzählen? Wessen Auto ist auf meine Kosten repariert worden, weil „die Firma mit dem Geld im Rückstand war“? Ebenfalls ich. Und jetzt wird mir hier erklärt, der arme Bub fühle sich nicht als Herr im Haus.
— Du hältst mir das vor? — Lukas sprang auf. — Dein Ernst?
— Nein. Ich benenne nur die Wirklichkeit. Das ist ein Unterschied.
Barbara schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
— Mit deinem Geld hast du ihn klein gemacht! Genau das bist du! Bei dir läuft alles über Belege und Überweisungen. Eine Frau hat ihren Mann zu achten und nicht über ihn Buch zu führen!
— Eine Frau schuldet niemandem etwas, wenn man versucht, sie in ihrer eigenen Küche als Trottel hinzustellen, — sagte Anna scharf. — Und diese Vorträge darüber, wie man „richtig“ zu leben hat, könnt ihr euch endgültig sparen. Bei euch daheim könnt ihr kommandieren. Hier nicht.
Tante Claudia zog die Mundwinkel zu einem nervösen Lächeln hoch.
— Jetzt steigert euch doch nicht gleich so hinein. Man kann ja in Ruhe reden. Man überschreibt halt einen Anteil, und die Sache ist erledigt. Dein Mann hat Sicherheit. Du hast deinen Frieden. Die Mama kann wieder ruhig schlafen. Und die Renovierung wäre gleich auch erledigt.
— Wissen Sie, — Anna lachte kurz auf, ohne jede Wärme, — gerade dieses „die Renovierung gleich auch“ rührt mich besonders. Habt ihr euch den Ablauf wenigstens ordentlich zurechtgelegt? Zuerst der Anteil, dann die Hauptwohnsitzmeldung, dann bleibt Tante Claudia „nur vorübergehend“, danach stellen wir „nur schnell einen Kasten“ hinein, anschließend verglasen wir „gemeinsam“ den Balkon, weil es ja unser aller Geld ist, und am Ende erklärt man mir, ich sei undankbar und kleinlich?
Lukas verzog das Gesicht.
— Genau deshalb kann man mit dir nicht reden. Du witterst sofort irgendeine Falle.
— Weil die Falle meistens schon am Tisch sitzt und das Hendl fertig aufisst.
Er machte einen Schritt auf sie zu.
— Jetzt übertreibst du.
— Nein, Lukas. Übertrieben ist es, wenn deine Mutter bei lebender Ehefrau deren Wohnung ausmisst und entscheidet, welche Wände rausgerissen werden. Ich nenne die Dinge im Moment nur beim Namen.
Barbara erhob sich und stemmte die Hände in die Hüften.
— Also gut. Entweder du hörst auf, hier die Gutsherrin zu spielen, oder eure Ehe wird nicht mehr lange halten.
— Ist das eine Drohung? — Anna hob eine Augenbraue.
— Eine Warnung. Kein Mann bleibt dort, wo man ihm jeden Tag unter die Nase reibt, dass ihm nichts gehört.
— Ach ja? Und ist es völlig egal, dass von ihm selbst noch kein einziger Vorschlag gekommen ist, außer den Ideen seiner Mama?
— Ich habe sehr wohl etwas vorgeschlagen! — fuhr Lukas auf. — Ich habe gesagt, dass wir normal leben sollen! Ohne dein ewiges „Das gehört mir, das war von meiner Oma, das greifst du nicht an“. Bin ich hier der Aufseher in einem Museum?
— Du bist kein Aufseher. Du bist ein Mensch, der eine Ehe mit freiem Eintritt in fremdes Eigentum verwechselt hat.
— Dann erstick doch an deiner Wohnung!
— Wunderbar. Damit ist die Frage geklärt.
Anna stellte das Sackerl auf das Fensterbrett, ging ins Vorzimmer, riss die Tür des Kastens auf und begann, Lukas’ Sachen mit erschreckender Ruhe herauszuholen. Die Jacke landete am Boden. Die Jeans gleich daneben. Die Sporttasche warf sie ihm vor die Füße. Eine Schachtel mit Kabeln, Ladegeräten und anderem Kram kam obenauf.
— Was machst du da? — Er starrte sie fassungslos an.
— Ich helfe dir, deinen inneren Frieden wiederzufinden. Wenn es dir hier so unerträglich ist, fahr dorthin, wo man dich schon an der Tür als Hausherrn empfängt. Zu deiner Mutter.
— Anna! — schrie Barbara. — Bist du noch bei Verstand?
— Vollkommen. So klar im Kopf war ich, glaube ich, seit fünf Jahren nicht mehr.
— Du wirfst deinen Mann hinaus?!
— Nein, Barbara. Ich entferne aus meiner Wohnung ein Problem, das ihr aus irgendeinem Grund Familie genannt habt.
Lukas trat zum Kasten und packte den Ärmel seiner Jacke.
— Hör auf mit diesem Theater.
— Das Theater war in dem Augenblick vorbei, als ihr beschlossen habt, meine Wohnung ohne mich aufzuteilen. Jetzt läuft nur noch die Schlussszene. Abgang der Darsteller nach links.
Tante Claudia stand als Erste auf.
— Ich glaube, ich geh lieber. Solche Aufregungen brauche ich ehrlich gesagt nicht.
— Eine sehr vernünftige Entscheidung, — nickte Anna. — Und vergessen Sie Ihre Taschen nicht. Die sind so aussagekräftig, da wird einem gleich die Stimmung schlecht.
Barbara wurde dunkelrot.
— Wie kannst du es wagen! Ich bin doppelt so alt wie du!
— Und? Erfahrung sollte Takt bringen, nicht Dreistigkeit.
— Undankbares Ding! Wir kommen mit offener Seele zu ihr!
— Mit offener Seele kommt man normalerweise mit einem Kuchen und läutet an der Tür. Nicht mit Maßband und einem Plan, wen man für einen Monat einquartiert.
Lukas versuchte, sie am Ellbogen zu nehmen.
— Komm, reden wir normal. Ohne Zirkus. Man kann alles besprechen.
Anna riss den Arm weg.
— Zu spät. Normal hätte man gestern reden können. Vorgestern. Vor einer Woche. Damals, als du sagen hättest können: „Mama, misch dich nicht ein.“ Du hast nichts gesagt. Du bist dagesessen und hast darauf gewartet, dass ich es schlucke. Tu ich aber nicht.
— Du machst ein Drama daraus.
— Und du machst dich klein. Für die Hälfte einer Wohnung hast du dich samt Hocker verkauft.
Er lachte böse auf.
— Natürlich. Ich bin also sofort käuflich. Und du bist die Heilige.
— Nein. Ich bin müde. Und stinksauer. Das ist wenigstens ehrlicher als euer Familienstück.
Barbara zischte beinahe:
— Du wirst allein bleiben. Mit so einem Charakter hält es kein Mensch aus.
— Ausgezeichnet. Dafür misst dann auch niemand meinen Vorraum für einen Kasten aus.
— Wer braucht dich denn überhaupt!
— Heute jedenfalls nicht Sie. Und das ist schon fast ein Feiertag.
Tante Claudia stand bereits im Vorzimmer und murmelte:
— Lukas, komm jetzt, was willst du noch warten.
Aber Lukas rührte sich nicht. Er sah Anna an, als würde er sie zum ersten Mal in seinem Leben wirklich sehen.
— Das heißt, das war’s? Einfach so? Wegen dieses einen Themas?
— Nein, Lukas. Nicht wegen eines Themas. Wegen dir. Weil du kein Ehemann bist, sondern ein Anhängsel deiner Mutter. Weil du auf jede ernsthafte Situation nur eine Antwort hast: „Anna, reg dich nicht auf.“ Weil es dir bequem ist, auf meine Kosten zu leben und dann auch noch beleidigt zu sein, wenn ich dir nicht sofort die Schlüssel zu allem in die Hand drücke. Und weil du sogar jetzt nicht verstehst, worin das Problem liegt.
Er packte wütend die Sporttasche.
