„Verstehe ich das richtig: Bei mir daheim findet wieder einmal eine Sitzung statt, nur ohne mich?“ fragte Anna fassungslos, als sie ihre Wohnung voller Fremder vorfand

Diese Einladung ins Chaos war beschämend und unerträglich.
Geschichten

und begann, seine Sachen hineinzustopfen.

— Ach, mir reicht’s. Bleib halt allein in deiner Festung.

Anna verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

— Such dir lieber ein anderes Wort aus. Sonst klingt es ja fast so, als hätte ich hier eine Belagerung aushalten müssen. Wobei … ganz falsch ist es nicht.

Barbara ging bereits zur Tür, drehte sich auf der Schwelle aber noch einmal um.

— Wir werden ja sehen, wie du dann singst, wenn du ohne Mann dastehst.

— Ich singe innerlich schon fast, — erwiderte Anna ruhig. — Und wissen Sie was? Erstaunlicherweise klingt es gar nicht schief.

— Du Miststück!

— Dafür sind meine Unterlagen sauber.

Lukas riss die Tür auf, trat ins Stiegenhaus hinaus und warf ihr über die Schulter zu:

— Den Schlüssel gebe ich dir später zurück.

— Spar dir die Mühe. Das Schloss lasse ich heute noch tauschen.

— Du bist ja nicht normal.

— Und du bist plötzlich erstaunt, dass Handlungen Folgen haben.

Die Tür fiel hinter ihnen so heftig ins Schloss, dass der Spiegel im Vorzimmer zitterte. Anna blieb noch ein paar Sekunden reglos stehen. Von der Stiege herauf waren noch Barbaras empörte Ausrufe zu hören und Lukas’ genervtes: „Mama, jetzt reicht’s aber.“

Dann schob sie langsam den inneren Riegel vor, legte die Kette ein und erst danach erlaubte sie sich, tief auszuatmen.

Die Stille in der Wohnung fühlte sich zuerst fremd an. Dann gut.

Sie ging in die Küche, betrachtete den Tisch und schnaubte leise.

— Na eh. Familienrat. Ein halbes Hendl verdrückt, das Kompott ausgetrunken, und schuld bin natürlich ich.

In ihrer Tasche vibrierte sofort das Handy. „LUKAS“.

Anna sah auf das Display und hob ab.

— Ja.

— Begreifst du eigentlich, was du da gerade angerichtet hast?

— Sicher. Ich habe drei überflüssige Personen aus meiner Wohnung befördert.

— Ich meine das ernst!

— Ich auch.

— Du hättest das wenigstens nicht vor meiner Mutter machen können!

— Und ihr hättet wenigstens nicht vor Tante Claudia meine Wohnung aufteilen können. Siehst du, für uns alle ist der Tag blöd gelaufen.

— Du hast mich gedemütigt.

— Nein, Lukas. Das hast du ganz allein geschafft. Ich habe nur aufgehört, ein Tischtuch drüberzulegen.

— Immer diese Sprüche von dir.

— Und du wieder ganz ohne eigene.

Am anderen Ende wurde es still.

— Pass auf, du beruhigst dich jetzt, und morgen reden wir.

— Nein.

— Was heißt nein?

— Morgen reden wir nicht. Morgen holst du den Rest deiner Sachen. Die Uhrzeit schreibe ich dir. Komm von mir aus nicht allein, komm mit Blasmusik, wenn du willst, aber ohne eigene Regie.

— Du wirfst mich wirklich raus?

— Das habe ich schon getan. Du bist nur noch nicht so weit, es zu akzeptieren.

— Anna, wir sind verheiratet, falls du das vergessen hast.

— Eine Ehe ist es, wenn zwei zusammenhalten. Wenn eine schleppt, einer herumdruckst und eine dritte kommandiert, dann ist das keine Ehe. Das ist ein Wohnbetrug mit familiärem Erpressungsprogramm.

Aus dem Hörer kam ein kurzes, böses Lachen.

— Du warst immer schon hart.

— Nein. Ich war lange bequem. Jetzt ist die Frist abgelaufen.

Sie beendete das Gespräch und stellte das Handy lautlos.

Eine Minute später summte es schon wieder. Diesmal rief Barbara an. Anna blickte auf den Namen, seufzte und nahm trotzdem ab.

— Ich höre.

— Du kannst das alles noch in Ordnung bringen, — sagte ihre Schwiegermutter mit eisiger Stimme. — Du entschuldigst dich bei deinem Mann. Bei mir auch. Und dann setzen wir uns vernünftig zusammen.

— Wozu? Damit ich Ihnen stilvoll und ohne Skandal Quadratmeter schenke?

— Um die Familie geht es.

— Wir haben offenbar unterschiedliche Vorstellungen von diesem Wort.

— Natürlich. Für dich ist Familie nur so lange Familie, wie es dir passt.

— Nein. Für mich ist Familie dort, wo niemand mit fremden Fingern in meinen Dokumenten herumwühlt.

— Du hältst ja alles für deins!

— Weil es meines ist. Stellen Sie sich vor, wie unangenehm.

— Wir wollen deine Wohnung doch gar nicht ganz! Hör auf, dir etwas einzubilden! Wir wollten nur, dass Lukas abgesichert ist.

— Vor wem? Vor mir? Vor der Frau, die ihn zwei Jahre lang mitversorgt, gedeckt, angehört und bis zu seinem Gehalt durchgetragen hat?

— Wage es nicht, so über meinen Sohn zu reden!

— Und Sie wagen es nicht, in meiner Wohnung Hausherrin zu spielen.

— Er ist ein Mann!

— Am Papier vielleicht. Im Alltag hat er mich noch nicht überzeugt.

Barbara schnappte hörbar nach Luft.

— Das wirst du bereuen! Du wirst noch selber zu ihm angekrochen kommen!

— Eher nicht. Ich krieche höchstens unter die Badewanne, wenn der Ball von der Katze darunter rollt. Und selbst das mache ich ungern.

— Was bist du nur für eine …

— Einen schönen Abend noch, Barbara.

Anna legte auf, drehte das Handy mit dem Display nach unten und begann schweigend, den Tisch abzuräumen. Die Teller kamen ins Abwaschbecken. Der Katalog wanderte in ein Sackerl fürs Altpapier. Der Notizblock mit Zahlen und Vermerken wie „Kasten hierher“ und „für Claudia Klappbett“ landete gleich dazu.

Sie schlug noch einmal eine Seite auf und las zwei weitere Notizen. „Lukas redet später sanft mit ihr.“ „Wenn sie sich querstellt — über die Familie Druck machen.“ Anna prustete trocken.

— Sanft. Ja freilich. Ich bin ganz gerührt.

Das Handy piepste wieder. Eine Nachricht von Lukas: „Du hast übertrieben. Mama weint.“

Anna tippte rasch zurück: „Dann soll sie nicht weinen. Sie soll für Tante Claudia eine Wohnung suchen und ein neues Maßband.“

Die Antwort kam fast sofort: „Machst du dich lustig?“

Sie schrieb: „Nein. Ich rede nur zum ersten Mal seit Langem klar.“

Dann öffnete sie den Chat mit ihrer Freundin Lea und schickte: „Wenn ich heute niemanden mit Worten erschlagen habe, ist das schon persönliches Wachstum.“

Lea antwortete nach einer halben Minute: „Ich hab Dienst bis neun. Aber ich will jetzt schon Details. Wen hast du rausgeschmissen?“

Anna fotografierte den leeren Tisch, die karierte Reisetasche bei der Tür und schrieb: „Mann, Schwiegermutter und Tante Invasion. Sie sind gekommen, um meine Wohnung aufzuteilen.“

Lea rief sofort per Video an.

— So, — sagte sie statt einer Begrüßung. — Dreh die Kamera. Ich will den Tatort sehen.

Anna schwenkte das Handy durch die Küche.

— Hier war das Hauptquartier. Da ist das Hendl gegessen worden. Dort haben sie eingezeichnet, wo man mich am besten zusammenstaucht. Und hier wurde offenbar die Landung der Verwandtschaft geplant.

Lea pfiff leise durch die Zähne.

— Hör zu, das ist nicht mehr Frechheit. Das ist schon so eine Art häusliches Rollenspiel zur feindlichen Übernahme.

— Genau mein Gedanke.

— Und Lukas?

— Ist dagesessen und hat genickt. Schlaff, aber überzeugt. Wie eine Zimmerpflanze, die plötzlich beschlossen hat, Notar zu werden.

Lea lachte laut auf.

— Also bitte, du kannst es schon. Und jetzt?

— Jetzt lasse ich das Schloss tauschen. Dann packe ich seinen restlichen Krempel zusammen. Danach kontrolliere ich, ob er keine Unterlagen mitgenommen hat. Und anschließend werde ich vermutlich dasitzen und begreifen, dass ich offiziell die schlimmste Schwiegertochter des Jahres bin.

— Dafür hast du in der Kategorie „sich nicht ausnehmen lassen“ Gold gewonnen.

Anna lächelte zum ersten Mal an diesem Abend wirklich.

— Weißt du, was das Widerlichste daran ist?

— Was?

— Ich bin nämlich überhaupt nicht überrascht.

Hedis Stube