Kein bisschen. Als hätte ich es eh schon ewig gewusst und nur mit aller Kraft so getan, als wäre dem nicht so. Diese ganzen Sprüche von ihm: „Mama macht sich halt Sorgen“, „du reagierst über“, „warum musst du immer alles verkomplizieren“. Und am Ende steht die Mama schon da und teilt die Möbel ein.
— Weil sie getestet haben, wie weit sie bei dir gehen können, sagte Lea. — Und lange ist es ihnen aufgegangen. Du hast es geschluckt.
— Ja. Ich hab dauernd Angst gehabt, hart zu wirken. Unsympathisch. Falsch. Und heute seh ich diese Roulade in der fetten Sauce an und denk mir nur: Ihr könnt mich alle gernhaben.
— Ein großartiger Moment der Erleuchtung.
— Beinahe spirituell.
Lea wurde ernst.
— Nur eines: Mach jetzt keinen Rückzieher. Gleich kommt dann dieses „reden wir doch“, „Mama hat’s übertrieben“, „du hast das falsch verstanden“, „wir haben es ja nur gut gemeint“. Sie werden versuchen, dich weichzuklopfen.
— Tun sie schon.
— Nicht drauf einsteigen. Und das Schloss wechselst du sofort. Heute noch.
— Der Schlüsseldienst kommt in einer Stunde. Ich hab schon jemanden gefunden.
— So kenn ich meine Schule.
Nach dem Gespräch stellte Anna zuerst den Wasserkocher an, überlegte es sich dann anders und machte Kaffee. Stark, bitter, ohne Zucker. Sie setzte sich aufs Fensterbrett, nahm einen Schluck — und da läutete es wieder an der Tür.
Diesmal zuckte sie nicht einmal zusammen. Sie ging hin, blieb aber auf ihrer Seite und fragte, ohne aufzusperren:
— Wer ist da?
— Anna, ich bin’s, kam Lukas’ Stimme. — Mach auf. Reden wir vernünftig.
— Vernünftig geht auch am Telefon. Hier ist heute schon genug Unvernünftiges passiert.
— Ich bin ohne Mama da.
— Gratuliere.
— Jetzt mach keine Witze.
— Tu ich eh nicht.
— Ich brauch meine Sachen. Ich hab nicht alles mitgenommen.
— Morgen.
— Da sind meine Dokumente drinnen.
— Welche genau?
— Führerschein. Reisepass. Karte.
Anna hielt kurz inne, öffnete die kleine Kommode im Vorzimmer, nahm seine schwarze Mappe heraus und sagte:
— Gut. Geh von der Tür weg.
Sie öffnete nur einen Spalt, die Sicherheitskette blieb eingehängt, schob die Mappe hinaus und machte sofort wieder zu.
— War’s das?
— Anna, was soll das jetzt bitte?
— Ausgabestelle für vergessene Gegenstände. Geöffnet bis zweiundzwanzig Uhr null null.
— Du lässt mich ja nicht einmal mit dir reden.
— Und du hast es nicht ein einziges Mal geschafft, mich zu verteidigen. Damit sind wir quitt.
— Dich hat ja niemand angegriffen!
— Meine Wohnung ist aufgeteilt worden. Das reicht.
— Mama hat sich halt hineingesteigert.
— Deine Mama hat nicht erst gestern damit angefangen. Früher hat sie wenigstens noch die Schuhe ausgezogen.
Hinter der Tür wurde es still. Dann klang Lukas plötzlich anders, müde und wütend zugleich.
— Glaubst du wirklich, ohne mich wird’s für dich leichter?
— Ist es schon.
— Was verstehst du denn überhaupt von Familie?
— Heute hat sich herausgestellt: mehr als du.
Er schlug mit der flachen Hand gegen die Tür.
— Du bist ja komplett narrisch geworden.
— Vorsichtig, sagte Anna ruhig. — Das ist, wie du so gern betonst, nicht deines.
Er fluchte zwischen den Zähnen und ging.
Als vierzig Minuten später der Mann vom Schlüsseldienst kam, um den Zylinder zu tauschen, hielt Anna es nicht aus und erzählte ihm die halbe Geschichte. Während er arbeitete, schüttelte er nur den Kopf.
— Wissen Sie, sagte er, — Sie sind in den letzten sechs Monaten schon die sechste in der Art.
— Wie meinen Sie das?
— Genau so. Einmal bringt der Mann die Mutter mit, einmal die Frau ihren Bruder, dann beschließt wieder die ganze Verwandtschaft gemeinsam, dass eine fremde Wohnung plötzlich Familienvermögen ist. Ich überleg schon, Visitenkarten drucken zu lassen: „Schlosswechsel nach verwandtschaftlichen Offenbarungen“.
Anna lachte so unerwartet, dass ihr sogar die Tränen in die Augen stiegen.
— Entschuldigen Sie.
— Geh, wofür denn. Lachen hilft bei so was. Sonst bleibt einem eh nur das Schimpfen.
— Schimpfen hilft auch.
— Da haben Sie recht, nickte der Monteur ernst.
Als die Tür schließlich mit dem neuen Schloss ins Schloss fiel, ging Anna ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und sah sich um. Auf der Kommode stand noch der Bilderrahmen mit ihrem Hochzeitsfoto. Lukas lächelte darauf breit, selbstsicher, fast hübsch. Anna nahm den Rahmen in die Hand.
— Na schau, sagte sie laut. — Auf Fotos wirken wirklich alle so anständig.
Ihr Handy piepste. Diesmal war es eine lange Nachricht von ihrer Schwiegermutter:
„Du zerstörst eine Familie wegen deiner Gier. Lukas hat alles für dich getan, und jetzt zeigst du dein wahres Gesicht. Glaub nicht, dass die Leute die Wahrheit nicht erfahren werden.“
Anna las es, schnaubte und tippte zurück:
„Mit der Wahrheit können Sie gern bei der Roulade, bei Tante Claudia und bei dem Satz über die Schenkungsurkunde anfangen. Das ist ein sehr überzeugender Einstieg.“
Eine Sekunde später tauchten schon die Punkte auf — Barbara schrieb eine Antwort. Anna wartete gar nicht erst darauf, sondern stellte den Kontakt einfach stumm.
Dann öffnete sie den Kasten, holte eine große Schachtel heraus und begann, alles hineinzulegen, was von Lukas noch da war. Rasierer, Shorts, ein alter Pullover, Duschgel, zwei Gürtel, das Ladegerät, das er ständig gesucht hatte, Kopfhörer ohne Ohrpolster, aus irgendeinem Grund drei leere Geldbörsen und ein Bündel unverständlicher Kabel — ein kleines Museum männlichen Chaos.
— Das da, murmelte Anna, — ist natürlich unbezahlbarer Besitz. Dafür musste man selbstverständlich eine Schenkungsurkunde verlangen. Vor allem wegen dem Sackerl mit den Kabeln. Ohne Kabelsackerl ist eine Familie ja keine Familie.
Dabei merkte sie plötzlich, dass sie nicht weinte. Keine einzige Träne. Da waren nur Wut, Erleichterung und ein beinahe unanständiges Gefühl von Freiheit.
Lea schrieb wieder: „Na?“
Anna antwortete: „Schloss ist getauscht. Der jammernde Ehemann vor der Tür ist bereits Vergangenheit.“
Lea: „Bin stolz auf dich. Aber morgen wirst du nicht weich, verstanden?“
Anna schaute auf die Schachtel mit Lukas’ Sachen und schrieb langsam:
„Zu spät zum Weichwerden. Ich hab heute viel zu genau gesehen, mit wem ich gelebt hab.“
Sie stand auf, trug die Schachtel ins Vorzimmer und stellte sie neben die Tür. Danach ging sie zurück in die Küche, wischte den Tisch ab, zog die Tischdecke herunter und warf sie zur Wäsche. Dann öffnete sie das Fenster. Die Abendluft strömte in die Wohnung, und mit ihr wurde dieser klebrige Familienmief endgültig hinausgeblasen.
Auf dem Fensterbrett lag noch Lukas’ vergessener Autoschlüsselanhänger. Anna drehte ihn zwischen den Fingern, verzog den Mund zu einem Lächeln und legte ihn oben auf die Schachtel.
— Den holst du dir morgen, du Herr über Leben und Einrichtung.
Dann machte sie sich noch einen Kaffee, setzte sich ans offene Fenster und spürte zum ersten Mal seit langer Zeit, dass es daheim wirklich still war. Nicht, weil niemand da war. Sondern weil niemand mehr für sie entscheiden würde, wo sie zu wohnen hatte, wen sie zu ertragen hatte und wie viel Platz fremde Sackerl in ihrem Leben einnehmen durften.
Und dieses Gefühl war mehr wert als jede Quadratmeterzahl, jedes Gerede von Familie und jeder Mann, der viel zu lange Liebe mit Bequemlichkeit verwechselt hatte.
