„Sie tanzt dir ja schon völlig auf der Nase herum!“ zischte Barbara — Anna, die mitangehört hatte, beschloss in der Früh, ihre Sachen zusammenzupacken

So eine respektlose Dreistigkeit ist zutiefst beschämend.
Geschichten

Die Ehefrau hat zufällig mitangehört, worüber ihr Mann und seine Mutter gesprochen haben – und in der Früh ist in ihr der Entschluss gereift, ihre Sachen zusammenzupacken.

Anna ist von Stimmen wach geworden, die aus der Küche herübergedrungen sind. Auf der Uhr war halb zwei. Sie blieb reglos im Bett liegen und fragte sich im ersten Moment, wer um diese Zeit noch auf sein konnte. Dann erkannte sie die Stimme ihrer Schwiegermutter.

„Lukas, wie lang soll man sich das eigentlich noch gefallen lassen?“, zischte Barbara. „Sie tanzt dir ja schon völlig auf der Nase herum!“

Anna erstarrte. Von wem redeten sie da?

„Mama, bitte leiser. Anna schläft“, antwortete ihr Mann gedämpft.

„Ist mir egal! Soll sie es ruhig hören! Vielleicht begreift sie dann endlich, was sie da aufführt!“

Annas Herz begann so heftig zu klopfen, dass es ihr vorkam, als müsste es in der ganzen Wohnung zu hören sein. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Es ging um sie.

„Gestern hab ich ihr gesagt, sie soll die Erdäpfel schälen. Und was sagt sie? Sie werde schon selber wissen, wann sie das macht! Hast du so etwas schon einmal gehört? Zu mir sagt sie das, in meinem Alter!“

„Mama, jetzt übertreib nicht gleich …“

„Verteidig sie nicht! Fünfunddreißig Jahre lang hab ich geschwiegen! Ich hab mir gedacht, irgendwann kommt sie schon zur Vernunft und versteht, wer hier das Sagen hat. Aber nein, es wird nur schlimmer!“

Anna presste die Lider zusammen. Um Himmels willen, wovon sprach diese Frau? Welche Erdäpfel? Sie hatte gestern den ganzen Tag geputzt, gekocht und Wäsche gewaschen. Und jetzt sollten ausgerechnet die Erdäpfel das Problem sein?

„Und überhaupt“, fuhr die Schwiegermutter fort, „schau sie dir doch an! Sie stolziert herum, als wäre sie eine Prinzessin! Was kann sie denn schon? Gscheit kochen kann sie nicht, den Haushalt hat sie auch nicht im Griff …“

„Mama, lass es gut sein.“

„Nein, ich lass gar nichts gut sein! Lukas, bist du ein Mann oder was? Warum lässt du dir von deiner Frau vorschreiben, was du zu tun hast?“

„Mir schreibt niemand etwas vor!“

„Aber sicher tut sie das! Ich erinnere mich noch genau: Du wolltest das Auto wechseln – sie war dagegen. Du wolltest ein Wochenendhaus kaufen – wieder war sie dagegen! Bei allem fragst du zuerst nach ihrer Meinung!“

Anna setzte sich im Bett auf und starrte mit offenem Mund in die Dunkelheit. Welches Auto? Welches Wochenendhaus? Sie hatten solche Dinge doch immer gemeinsam entschieden. Oder hatte sie sich all die Jahre etwas vorgemacht?

„Weißt du, was ich glaube?“, sagte Barbara nun leiser, und gerade dadurch klang ihre Stimme noch giftiger. „Sie schätzt dich nicht. Kein bisschen.“

„Mama …“

„Komm mir nicht mit ‚Mama‘! Ich seh doch, was los ist! Du arbeitest wie ein Zugpferd, und sie? Sie liegt auf dem Sofa und schaut fern!“

Anna schnappte nach Luft. Sie liegt auf dem Sofa? War diese Frau blind? Oder wollte sie einfach nicht sehen, dass Anna von der Früh bis zum Abend kaum eine Minute stillstand?

„Und undankbar ist sie auch noch!“, setzte ihre Schwiegermutter nach. „Was ich nicht alles für sie getan habe! Als sie krank war, hab ich sie gepflegt. Als kein Geld da war, hab ich geholfen. Und jetzt tut sie so, als hätte sie alle Rechte der Welt!“

„Niemand tut hier so, Mama.“

„Doch! Gestern hab ich sie gefragt, warum sie nicht abhebt, wenn ich anrufe. Da sagt sie: Sie war beschäftigt! Beschäftigt! Womit kann man denn bitte so beschäftigt sein?“

Anna erinnerte sich an den gestrigen Tag. Fünf versäumte Anrufe von Barbara. Ja, sie war tatsächlich nicht rangegangen – sie hatte beim Herd gestanden und für die ganze Familie das Mittagessen gekocht.

„Lukas“, sagte Barbara jetzt beinahe flüsternd, „findest du nicht, dass es Zeit wäre, etwas zu ändern?“

„Wie meinst du das?“

„Na ja … du musst einmal ernsthaft mit ihr reden. Ihr erklären, wie sie sich zu benehmen hat. Sie glaubt ja, sie kann sich alles erlauben!“

„Mama, wir sind seit fünfunddreißig Jahren zusammen …“

„Eben! Seit fünfunddreißig Jahren hältst du das aus! Und sie? Was hat sie für dich getan? Die Kinder hat sie nicht ordentlich erzogen, der Haushalt ist ein einziges Durcheinander …“

Anna ballte unter der Decke die Hände zu Fäusten. Die Kinder? Hatte etwa nicht sie sie großgezogen, fast im Alleingang? Und der Haushalt … Herrgott, was redete diese Frau da nur?

„Ich sag ja nicht, dass du sie hinauswerfen sollst“, fuhr Barbara fort. „Aber du musst sie zurechtweisen. Sie soll endlich wissen, wo ihr Platz ist.“

Danach wurde es lange still. Anna lag angespannt da und lauschte, als hinge von der nächsten Antwort ihr ganzes Leben ab.

„Schon gut, Mama. Es ist spät. Geh schlafen.“

„Denk über meine Worte nach, Lukas. Und zwar gründlich.“

Man hörte das Schlurfen von Patschen, dann fiel irgendwo eine Tür ins Schloss. Kurz darauf ging ihr Mann ins Bad, kam wieder zurück und legte sich neben sie. Wenige Minuten später atmete er ruhig und gleichmäßig.

Anna hingegen lag wach und starrte an die Decke. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

In der Früh ist Lukas aufgestanden, als wäre überhaupt nichts gewesen. Unter der Dusche hat er vergnügt vor sich hin gepfiffen, danach hat er gefrühstückt und auf seinem Handy die Nachrichten gelesen, während Anna ihn schweigend beobachtete.

Hedis Stube