„Es fehlen wieder fünftausend Euro“ — Anna schleuderte einen Umschlag auf den Tisch

Dieses ständige Verschwinden ist empörend und verletzend.
Geschichten

— Wenn du noch einmal für deine Mutter an mein Geld gehst, ziehst du mit einem Rucksack zu ihr, verstanden? Und vergiss deine Patschen nicht, du Held der familiären Aufopferung.

Lukas hat nicht einmal sofort das Handy sinken lassen. Er ist auf dem Sofa gesessen, den Blick ins Display gebohrt, wie ein Teenager, den man im völlig falschen Augenblick auf der falschen Seite erwischt hat. Erst nach ein paar Sekunden hat er langsam aufgeschaut.

— Anna, musst du gleich von der Tür weg loslegen? Was ist denn jetzt schon wieder passiert?

— „Schon wieder“, sagt er, — Anna schleuderte einen festen Umschlag auf den Tisch. — Genau das ist passiert. Ich habe gerade zum dritten Mal nachgezählt. Es fehlen wieder fünftausend Euro. Wieder, Lukas. Nicht zweihundert für Milch, nicht tausend fürs Taxi, sondern fünftausend. Und das ist inzwischen kein Versehen mehr, sondern eine Familienattraktion mit dem Titel: „Rate, wer in dieser Wohnung wirklich das Sagen hat.“

— Und was hab ich damit zu tun? — Er spannte sich sofort an, obwohl sein Gesichtsausdruck verriet, dass er innerlich längst ein Geständnis formulierte. — Ich war’s nicht.

— Natürlich nicht. Du bist ja ein Heiliger. Das Geld hat einfach von selbst eine strahlende Zukunft gesehen und ist losmarschiert.

— Anna, jetzt reicht’s aber.

— Nein, es reicht eben nicht. Einen Monat lang habe ich geschwiegen. Beim ersten Mal habe ich gedacht, ich hätte mich verzählt. Beim zweiten Mal: vielleicht haben wir es ausgegeben und nicht gemerkt. Beim dritten Mal: vielleicht hast du es genommen und vergessen, es zu sagen. Aber wenn das innerhalb eines Monats zum vierten Mal passiert, dann ist das keine Vergesslichkeit mehr, sondern einfache Mathematik.

Lukas stand auf, steckte das Handy in die Tasche seiner Jogginghose und rieb sich mit der Hand übers Gesicht.

— Ich hab nichts genommen. Ehrlich. Ich schwör’s dir.

— Wer dann? Der Kater? Frech genug wäre er ja, aber Bargeld hat er bisher noch nicht beherrscht.

— Fang jetzt nicht mit meiner Mutter an, ja? — Lukas zuckte sofort zusammen. — Sie war nur da, um die Blumen zu gießen.

— Ach so. Die Blumen. Und nebenbei hat sie den Umschlag ausgelüftet?

— Was redest du da bitte?

— Ich rede nicht, ich zähle eins und eins zusammen. Schlüssel haben wir. Und Maria. Ich nehme nichts, du nimmst angeblich nichts. Wer bleibt dann noch übrig? Der Briefträger?

Lukas verzog das Gesicht.

— Du drehst es absichtlich so hin, dass es auf sie zeigt.

— Und du drehst es absichtlich immer von ihr weg. Darin bist du begabt. Damit könntest du im Zirkus auftreten.

Er ging im Zimmer auf und ab und tat so, als wäre es plötzlich lebenswichtig, dass die Decke ordentlich über der Armlehne lag. Anna zuckte bei dieser Bewegung die Wange. Sie kannte dieses Ritual viel zu gut: Wenn er nichts Sachliches sagen konnte, spielte er geschäftige Haushaltsaktivität.

— Ich will jetzt keinen Streit, — brachte er hervor.

— Glaubst du, ich will einen? Meinst du, das ist mein Hobby, nach der Arbeit am Abend vor der Kommode zu stehen und mich wie eine Trottelin zu fühlen? Ich habe dieses Geld fürs Auto zurückgelegt. Für die Reparatur, Lukas. Nicht für einen Pelzmantel, nicht für Nägel, nicht für irgendein „ich will ein schönes Leben“. Unsere Aufhängung klopft so, als hätte sich im Kofferraum ein grantiger Mechaniker einquartiert.

— Ich verstehe das alles.

— Nein, du verstehst gar nichts. Sonst hättest du schon längst selbst mit deiner Mutter geredet.

— Weil es nichts zu bereden gibt! — fuhr er auf. — Du hast sie doch von Anfang an schon hingestellt als…

In diesem Moment drehte sich der Schlüssel im Schloss.

Anna zuckte nicht einmal zusammen. Sie lächelte nur kurz, hart und ohne jede Freude.

— Ah. Der Hauptdarsteller tritt auf. Dann reden wir eben gleich. In voller Besetzung.

Die Tür ging auf, und Maria kam in den Vorraum — in einem Mantel in der Farbe müder Flieder, mit einem Sackerl aus dem Supermarkt und dem Gesicht einer Frau, die nicht zu Besuch gekommen ist, sondern zur Kontrolle.

— Was schreit ihr denn hier durchs ganze Stiegenhaus? — sagte sie laut, kaum dass sie über die Schwelle war. — Ich hab euch schon auf der Stiege gehört. Normale Leute essen nach der Arbeit zu Abend, und ihr veranstaltet Theater. Lukas, bist du wieder hungrig? Ich hab euch ein Hendl gekauft. Bei euch ist ja im Kühlschrank immer nur Traurigkeit, Joghurt und drei Eier.

Anna drehte sich langsam zu ihr um.

— Sie kommen genau richtig. Wir sprechen gerade über verschwundenes Geld.

Maria stellte das Sackerl auf den Boden und kniff die Augen zusammen.

— Was für ein Geld denn bitte?

— Meines. Aus dem Umschlag. Aus der Kommode. Fünftausend Euro. Heute. Und davor schon einmal. Und noch einmal. Und noch einmal.

Die Schwiegermutter richtete sich auf.

— Worauf willst du hinaus?

— Ich will auf gar nichts hinaus. Ich frage Sie direkt: Haben Sie es genommen?

— Bist du jetzt völlig übergeschnappt? — Marias Stimme schnellte sofort zwei Oktaven höher. — Ich komme zu meinem Sohn, bringe Lebensmittel mit, und hier werde ich verhört wie auf einem Markt wegen einer Geldbörse?

— Nicht wegen einer Geldbörse, sondern wegen regelmäßig verschwindenden Geldes, — sagte Anna ruhig. — Das ist ein Unterschied.

— Wie höflich du bist, während du unverschämt wirst, bemerkenswert, — schnaubte Maria. — Lukas, hörst du, wie sie mit mir redet?

Lukas stand zwischen Küche und Wohnzimmer, als müsste er entscheiden, wo es weniger gefährlich wäre. Nur gab es keinen sicheren Platz.

— Mama, bitte, bleiben wir ruhig…

— Ruhig? — Maria warf die Hände in die Luft. — Natürlich, ruhig. Deine Frau beschuldigt mich des Diebstahls, und ich soll still lächeln? Soll ich mich vielleicht auch noch bedanken? Anna, hast du da nicht irgendetwas verwechselt? Ich bin übrigens nicht mit leeren Händen gekommen.

— Dafür sind Sie offenbar auch nicht mit leeren Händen gegangen, — schnitt Anna ihr das Wort ab.

— Also du…

— Mama, — mischte Lukas sich ein, — warte kurz…

— Nein, du wartest jetzt! — Maria fuhr zu ihm herum. — Zuerst höre ich mir an, wie weit deine Angetraute noch geht. Na los, Anna, sag es. Schau mir in die Augen. Du glaubst also, ich habe euer Geld genommen?

Anna verschränkte die Arme vor der Brust.

— Ich glaube, dass Geld immer genau an den Tagen verschwindet, an denen Sie hier waren, während wir nicht daheim waren. Und ich glaube außerdem, dass es reicht, so zu tun, als wären das Nebel, Zauberei und böse Geister eines Plattenbaus.

— Na bitte, schauts euch die an. Witze macht sie auch noch. Humor hat die junge Frau. Aber wegen jedem Cent würde sie sich aufhängen.

— Wegen jedem Cent nicht. Um mein eigenes Geld werde ich kämpfen.

— Dein eigenes? — Die Schwiegermutter lachte spöttisch. — In eurer Familie wird jetzt also alles in deins und seins aufgeteilt? Sehr interessant. Und als ihr ans Meer gefahren seid, wessen Geld war das? Und wer hat euch beim Kauf vom Kühlschrank geholfen? Und als ihr erst in diese Wohnung gezogen seid, wer hat euch die Hälfte der Töpfe gegeben, soll ich dich daran erinnern?

— Erwähnen Sie ruhig auch noch die drei Handtücher und die kleine Vase. Vielleicht gehe ich dann gleich ins Museum der Dankbarkeit.

— Machst du dich über mich lustig?

— Nein. Ich bin nur müde. Müde davon, dass Sie hier ein und aus gehen, als wäre es Ihre eigene Wohnung. Müde von Ihren Sackerln mit „ich hab euch was gebracht“, nach denen bei uns einmal das Hendl, einmal der Käse und dann wieder Geld verschwindet. Müde von Ihren Schlüsseln. Müde davon, dass mein Mann beim Wort „Mama“ zu einem Möbelstück wird.

Lukas zuckte zusammen.

— Anna!

— Was heißt hier „Anna“? Passt dir die Formulierung nicht? Dann such dir eine andere aus. Aber bitte eine ehrliche.

Maria sog hörbar Luft ein.

— Aha, darum geht es also. Meine Schlüssel stören dich. Nicht das Geld, nicht meine Hilfe, sondern dass ich zu meinem Sohn hineinkommen kann. Dann sag es doch gleich.

— Gut. Dann sage ich es. Es macht mich wütend, dass Sie ohne Vorwarnung hereinkommen. Es macht mich wütend, dass Sie unsere Kästen aufmachen. Und es macht mich rasend, dass Sie für alles immer eine einzige Rechtfertigung parat haben.

Hedis Stube