Nein, dürfen Sie nicht.
— Nicht dürfen? — Maria hat beinahe aufgelacht. — Ausgerechnet du willst mir erklären, was ich darf und was nicht? Ich hab ihn allein großgezogen. Ich hab zwei Jobs geschupft. Ich hab ihm alles…
— Und darum ist es jetzt in Ordnung, Bargeld aus der Kommode zu nehmen? — fiel Anna ihr ins Wort. — Eine interessante Art von Dankbarkeits-Buchhaltung haben Sie da.
— Ich muss mich vor dir überhaupt nicht rechtfertigen! — fuhr Maria sie an. — Er ist mein Sohn! Wenn ich etwas brauche, hilft er mir!
— Helfen heißt, man fragt vorher und einigt sich. Nicht: hereinkommen, herausnehmen, einstecken und dann so tun, als wüsste man von nichts.
Lukas schaute gehetzt von seiner Frau zu seiner Mutter und wieder zurück.
— Mama… hast du das Geld genommen? — fragte er leise.
Maria fuhr zu ihm herum.
— Du jetzt auch noch? Wirklich? So weit sind wir schon? Der eigene Sohn stellt seiner Mutter solche Fragen? Na bravo.
— Antworte einfach.
— Was soll ich denn antworten? Dass die Betriebskosten gestiegen sind? Dass ich der Nachbarin fürs Wasser im Garten noch etwas geben musste? Dass ich dich eh fragen wollte, aber bei dir kommt immer nur: „Mama, später“, „Mama, jetzt passt es grad nicht“, „Mama, reden wir nach dem Gehalt darüber“? Hätte ich mit ausgestreckter Hand dastehen sollen, während deine Frau mich anschaut, als hätte ich ihr in die Suppe gespuckt?
— Also haben Sie es genommen, — sagte Anna sehr ruhig.
— Ich hab nicht gestohlen! — schrie Maria beinahe. — Ich hab es von meinem Sohn genommen! Nur vorübergehend! Ich hätte es ja zurückgegeben!
— Wann? Nach dem Jüngsten Gericht? — Anna machte einen Schritt auf sie zu. — Dieses „vorübergehend“ geht jetzt seit einem Monat so.
— Übertreib nicht so.
— Ich? Ich bin nicht diejenige, die in fremden Laden herumkramt.
— Fremd? Beim eigenen Sohn ist etwas fremd? Hörst du das, Lukas? Sie nennt mich eine Fremde!
— Mama, darum geht es nicht, — murmelte er.
— Genau darum geht es! — Maria zeigte mit dem Finger auf Anna. — Sie konnte mich von Anfang an nicht ausstehen. Das hab ich schon bei der Hochzeit gemerkt. Steht da, lächelt, und in den Augen rechnet sie alles durch. Bei ihr muss alles in Reih und Glied sein, alles nach Liste. Lukasi, setz dich nicht dorthin, Lukasi, iss das nicht, Lukasi, gib deiner Mama nichts. Sehr bequem hat sie es sich gemacht.
— Erstens heißt er nicht „Lukasi“, er ist zweiunddreißig. Zweitens: Wenn ich nicht alles halbwegs beisammenhalten würde, würden wir uns längst von Luft und Versprechungen ernähren. Weil jemand in diesem Haushalt zwar ein Gehalt heimbringt, aber dann nur sagt: „Wird schon irgendwie gehen.“
— Fangst du schon wieder damit an, — sagte Lukas matt.
— Ja. Schon wieder. Weil das mein Leben ist und keine Serie, bei der man die fadesten Folgen einfach überspringen kann.
Anna drehte sich abrupt um, ging zur Kommode, zog aus der obersten Lade ein Notizbuch und einen Kugelschreiber heraus.
— Gut. Wenn hier alle so gern über Hilfe reden, dann rechnen wir die Hilfe jetzt einmal durch.
— Bist du jetzt völlig narrisch geworden? — Maria kniff die Augen zusammen.
— Nein. In unserer Familie gibt es ab heute nur endlich etwas Schriftliches. Also, schauen Sie her. Am Fünften: minus dreitausend. Am Neunten: minus zweitausend. Am Vierzehnten: noch einmal fünftausend. Heute: wieder fünftausend. Macht zusammen fünfzehntausend. Dazu kommen Lebensmittel, die sich nach Ihren „Ich schau nur kurz vorbei“-Besuchen in Luft auflösen. Räucherfisch, Kaffee, Käse — guter übrigens, nicht der aus der Aktion, der schmeckt wie Karton. Und Putzmittel. Oder vermehrt sich Ihr Waschpulver daheim von selbst?
— Du bist kleinlich.
— Nein. Ich bin müde. Das ist etwas anderes.
— Und was willst du damit beweisen?
— Dass ich nicht mehr so tue, als wäre nichts.
Lukas räusperte sich.
— Anna, vielleicht muss das jetzt nicht so…
— Wie denn sonst? Sanft? Mit Hintergrundmusik? Mit einer Präsentation? „Liebe Maria, uns ist aufgefallen, dass bei uns auf unerklärliche Weise Geld verschwindet. Wären Sie bitte so freundlich, künftig ein bisserl leiser zu stehlen?“
Sogar Lukas entfuhr unwillkürlich ein kurzes Schnauben. Anna hörte es sofort und warf ihm einen scharfen Blick zu.
— Lach nicht. Du bist in dieser Geschichte kein Zuschauer. Du bist Mittäter, und zwar unter dem Paragrafen „bequeme Feigheit“.
— Danke, liebe Ehefrau, — brummte er.
— Bitte. Jederzeit wieder.
Maria hob stolz das Kinn.
— Na, schau es dir an, Lukas. So redet man in deinem eigenen Zuhause mit deiner Mutter.
— In unserem Zuhause, — korrigierte Anna sie.
— Mir doch wurscht! Es ändert nichts am Sinn! Du lässt zu, dass sie mich erniedrigt.
— Mama, — Lukas sah sie endlich direkt an, — du hättest wirklich nichts nehmen dürfen, ohne zu fragen.
Stille legte sich über den Raum. Sogar der Kühlschrank schien leiser zu brummen, als wollte er nicht stören.
— Was? — fragte Maria sehr langsam.
— Du hättest es nicht nehmen dürfen, — wiederholte Lukas, diesmal fester. — Das war nicht in Ordnung.
— Nicht in Ordnung? — Maria verzog den Mund, als wäre ihrem Sohn soeben ein zweiter Kopf gewachsen. — Aber in Ordnung ist es, unter ihrem Pantoffel zu sitzen und ihre Sätze nachzubeten?
— Das sind nicht ihre Sätze. Das ist eine Tatsache.
— Ach, eine Tatsache. Hört euch den an. Jetzt redet er. Und als dein Studium bezahlt werden musste, wer hat sich da um Tatsachen gekümmert? Als du im Winter ohne ordentliche Jacke herumgelaufen bist, wer hat dir eine gekauft? Als du dich mit diesem Kredit für dein blödes Motorrad hineingeritten hast, wer hat dich da herausgeholt?
— Mama, es reicht.
— Nein, es reicht nicht! Du willst mir jetzt etwas über richtig und falsch erzählen? In deinem Alter hab ich…
— Eben, — schnitt Anna ihr das Wort ab. — In seinem Alter hatten Sie sich offenbar schon daran gewöhnt, dass alle anderen Ihnen etwas schuldig sind. Einschließlich Ihres Sohnes.
— Wie wagst du es?
— Ganz einfach. Ich hatte einen schweren Tag, ein leeres Kuvert und meine Geduld ist aufgebraucht.
Maria riss das Sackerl vom Boden hoch und stellte es mit einem lauten Knall auf das Kästchen.
— Dann braucht ihr meine Lebensmittel eben nicht. Und meine Besuche auch nicht. Wunderbar. Aber kommt mir später nicht angelaufen, wenn euch das Leben einmal ordentlich eine überzieht.
— Keine Sorge, — sagte Anna. — Wir kommen zurecht. Aber zuerst geben Sie die Schlüssel zurück.
— Was? — Maria verstand im ersten Moment nicht.
— Die Wohnungsschlüssel. Der Bund mit dem großen Anhänger. Legen Sie ihn auf den Tisch.
— Bist du wahnsinnig? — Maria schnappte nach Luft. — Du willst mich von meinem Sohn abschneiden?
— Nein. Ich will die Wohnung zusperren können.
— Lukas! Hörst du das? Sie verlangt meine Schlüssel!
Lukas schwieg. Anna sah, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten. Er hasste solche Augenblicke — nicht, weil sie weh taten, sondern weil man sich entscheiden musste. Und Entscheidungen mochte er nicht. Am liebsten war es ihm, wenn sich alles irgendwie von selbst erledigte, nach Möglichkeit ohne sein Zutun.
— Lukas, — sagte Anna mit eisiger Stimme, — entweder legt deine Mutter die Schlüssel jetzt auf den Tisch, oder ich lasse morgen die Schlösser tauschen. Und nebenbei ändere ich dann auch gleich das Modell unseres Familienlebens. Da wirst du sehr viel freie Zeit haben, um deiner Sohnespflicht nachzukommen.
Maria sah ihren Sohn beinahe herausfordernd an.
— Na? Sag schon etwas. Oder hast du endgültig beschlossen, nur noch ein Anhängsel ihrer Bankomatkarte zu sein?
Um Lukas’ Mundwinkel zuckte es.
— Mama, fang nicht damit an.
— Ich soll nicht anfangen? Sie veranstaltet hier doch diesen Zirkus!
— Das ist kein Zirkus. Das ist ein Gespräch, das längst überfällig war.
