— Aha. Jetzt redest du also schon mit ihren Worten. Sehr hübsch.
— Ich rede mit meinen eigenen Worten, — sagte Lukas plötzlich so hart, dass selbst Anna kurz zu ihm hinüberschaute. — Gib die Schlüssel her.
Maria erstarrte.
— Was hast du da gerade gesagt?
— Die Schlüssel. Bitte gib sie mir.
— Nein, sag es ruhig lauter. Damit ich auch ja genau mitbekomme, wie mich mein eigener Sohn vor die Tür setzt.
— Ich setze dich nicht vor die Tür. Ich bitte dich nur, nicht mehr hereinzukommen, wenn wir nicht da sind, und nichts mitzunehmen, ohne vorher zu fragen.
— Fragen? Etwa sie? Soll ich mir vielleicht gleich einen Terminplan schreiben? Dienstag darf ich Salz holen, Donnerstag darf ich meinen Sohn vermissen?
— Mama, hör auf mit dem Spott.
— Ach, tut’s weh? Glaubst du, für mich ist das lustig? Ich komme zu euch wie zu meiner eigenen Familie, und ihr behandelt mich wie irgendeine Fremde! Dann erstickt doch an eurem Geld!
— Um das Geld allein geht es nicht, — sagte Lukas.
— Natürlich nicht. Es geht darum, wer hier das Sagen hat. Und deine Frau bemüht sich ja sehr, das allen zu zeigen.
— Nein, — sagte Anna, und zum ersten Mal an diesem Abend wurde ihre Stimme lauter. — Es geht darum, dass Sie beschlossen haben, über Dinge zu verfügen, die Ihnen nicht gehören. Und danach haben Sie auch noch so getan, als müsste ich den Mund halten, damit Ihre Stimmung nicht leidet. Muss ich aber nicht.
Maria kniff die Augen zusammen. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme leiser, aber schärfer als zuvor.
— Weißt du, Anna, du glaubst jetzt wahrscheinlich, du hast gewonnen. Hast du aber nicht. Du hast nur gezeigt, was du wirklich bist. Kalt. Berechnend. Bösartig. Eine normale Frau hält so keine Familie zusammen.
— Eine normale Frau wühlt auch nicht in fremden Laden herum, — antwortete Anna ebenso leise. — Und sie macht aus ihrem Sohn keinen Bankomaten mit Gesicht.
Lukas schloss für einen Moment die Augen.
— Mama. Die Schlüssel.
Noch ein paar Sekunden lang sah Maria ihn an. Dann griff sie mit einer Miene, als würde hier gerade ein historisches Unrecht begangen, in die Tasche ihres Mantels. Sie zog den Schlüsselbund heraus, hielt ihn hoch und ließ ihn in der Luft klirren.
— Da. Nimm. Zufrieden? — Mit einem metallischen Scheppern warf sie die Schlüssel auf den Tisch. — Dann lebt halt hier nach euren Regeln. Mit Rechner, Kuverts und eurer großartigen Liebe.
Anna nahm den Bund schweigend an sich. Der schwere Anhänger lag kalt in ihrer Handfläche.
— Danke.
— Dir habe ich gar nichts zu sagen, — schnaubte Maria. — Für dich mache ich das sicher nicht.
— Ja, das ist mir aufgefallen. Sie machen überhaupt vieles nicht für andere, sondern für die Wirkung.
— Ach, halt doch endlich den Mund.
— Mama! — fuhr Lukas sie scharf an.
Danach hing Stille im Raum. Eine dichte, peinliche Stille, in der der Geruch nach feuchtem Mantel, nach Hendl im Sackerl und nach unausgesprochenen Kränkungen der letzten zehn Jahre lag.
Maria rückte ihren Kragen zurecht.
— Gut. Das war’s. Ich setze keinen Fuß mehr in diese Wohnung.
— Versprechen Sie lieber nichts, was Sie später bereuen, — sagte Anna. — Beim nächsten Mal jedenfalls nur nach einem Anruf.
— Es gibt kein nächstes Mal, hab ich gesagt! Ihr werdet schon noch angelaufen kommen.
— Wir gehen normalerweise mit den Füßen, — erwiderte Anna trocken. — Und ja, ohne Schlüssel.
Maria warf ihr einen Blick zu, der vermutlich gereicht hätte, um das halbe Stiegenhaus mit Strom zu versorgen, und ging zur Tür. Schon im Vorzimmer drehte sie sich noch einmal zu ihrem Sohn um.
— Na dann. Gratuliere. Bist erwachsen geworden. Die eigene Mutter hinausgeworfen. Ein richtiger Mann.
— Mama, bitte nicht …
— Zu spät. Leb, wie du willst.
Die Tür schlug so heftig zu, dass der Schirm vom Haken rutschte und dumpf auf den Boden fiel.
Für einige Sekunden bewegte sich niemand.
Dann ließ Lukas sich auf das Sofa sinken und starrte auf den Teppich, als müsste dort gleich die Antwort auftauchen, wie er überhaupt zwischen diese zwei Fronten geraten war und warum vierzig Quadratmeter plötzlich so eng sein konnten.
Anna hob den Schirm auf, hängte ihn zurück an den Haken, steckte die Schlüssel in die Tasche ihrer Jeans und wandte sich erst dann ihrem Mann zu.
— Also? — fragte sie.
— Was heißt „also“?
— War das jetzt alles von dir? Oder kommt noch die zweite Folge darüber, dass ich übertrieben habe und mehr Verständnis hätte zeigen müssen?
Er atmete laut aus.
— Nein. Kommt nicht. Du hast recht.
— Sehr überzeugend. Klingt fast wie bei einer Einvernahme ohne Anwalt.
— Anna, bitte. Mach mich jetzt nicht völlig fertig.
— Ich mache dich nicht fertig. Ich überprüfe nur, ob wir noch in derselben Wirklichkeit stehen. Ich will wissen, ob du es wirklich begriffen hast oder ob du nur wartest, bis das Gewitter vorbei ist.
Lukas rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht.
— Ich hab’s verstanden. Wirklich. Ich … ich hab einfach nicht glauben wollen, dass sie tatsächlich etwas nimmt. Also, doch, irgendwie hab ich es geahnt. Aber ich wollte es nicht wahrhaben.
— Weil es bequemer war, es nicht wahrhaben zu wollen, — sagte Anna und setzte sich ihm gegenüber. — Solange ich schweige, bist du der gute Sohn, der gute Ehemann und überhaupt ein Mensch ohne Konflikte. Herrlich. Nur das Geld verschwindet komischerweise bei mir.
— Ich weiß.
— Nein, du weißt es nicht. Du weißt nicht, wie sich das anfühlt. Wenn du deine eigene Lade aufmachst und da ist nichts mehr. Und sofort kommt dieses widerliche Gefühl: Man hat dich nicht nur bestohlen, man hält dich auch noch für deppert. Und das in deiner eigenen Wohnung.
— Es tut mir leid.
— „Es tut mir leid“ ist schon einmal nicht schlecht. Aber jetzt bitte weiter mit Worten, durch den Mund, und wenn möglich zur Sache.
Er nickte.
— Gut. Ich fahre morgen selbst zu ihr. Ich sage ihr, dass es so nicht mehr geht. Wenn sie Hilfe braucht, soll sie mit mir reden und nicht hier auftauchen wie … — Er stockte.
— Wie eine Prüferin mit Eigeninteresse, — half Anna nach.
— Ja. Genau so. Und das Geld … ich gebe es zurück.
— Aus welchen geheimnisvollen Reserven bitte? Aus denen, die du sonst „bis zum Monatsende irgendwie durchkommen“ nennst?
— Ich nehme am Wochenende einen Nebenjob an. Der Sergej braucht schon länger jemanden auf der Baustelle.
Anna sah ihn genauer an. In seiner Stimme lag endlich nicht mehr diese gewohnte, schwammige Schuldigkeit, sondern etwas, das beinahe nach Entschluss klang. Noch schwach, noch wackelig, aber immerhin nicht mehr nichts.
— In Ordnung, — sagte sie. — Aber es gibt Regeln.
— Welche?
— Erstens: Kein Bargeld mehr irgendwo in der Wohnung. Alles bleibt auf der Karte.
— Einverstanden.
— Zweitens: Keine Schlüssel bei Leuten, die hier nicht wohnen. Gar keine. Nicht bei deiner Mutter, nicht bei Freunden, nicht bei deinem Cousin, der einmal „nur kurz die Bohrmaschine vorbeibringen“ wollte.
— Einverstanden.
— Drittens: Wenn deine Mutter etwas braucht, bekommt sie kein Geld bar in die Hand. Wir kaufen es selbst. Rechnungen werden über die App bezahlt. Wenn im Haushalt etwas zu machen ist, fahren wir hin und erledigen es. Aber kein „ich geb’s euch später zurück“ mehr.
— Einverstanden.
— Viertens: Du hörst auf, so zu tun, als würden Probleme verschwinden, nur weil man nicht darüber redet. Wir sind nicht mehr in der Pubertät, Lukas. Wir sind eine Familie und kein Verein schweigender Leidender.
Da entkam ihm sogar ein kurzes Schnauben, fast ein Lächeln.
— Hart formuliert.
— Dafür verständlich.
— Angenommen.
Anna stand auf, nahm das unglückselige Kuvert vom Tisch, zerknüllte es und warf es in den Mistkübel.
— Gut. Das Zeitalter der Papierverstecke ist hiermit beendet. Einundzwanzigstes Jahrhundert, immerhin.
— Das Hendl hat sie aber trotzdem mitgebracht, — sagte Lukas plötzlich und sah zum Sackerl hinüber.
Anna blickte zur Kommode und prustete leise.
— Natürlich. Man kann zwar fünfzehntausend Euro aus einer Wohnung hinaustragen, aber ohne Sackerl auftauchen, das wäre dann doch unanständig.
Unerwartet begann er zu lachen. Kurz, nervös, aber echt. Anna hielt ebenfalls nicht ganz an sich.
— Na gut, — sagte sie. — Wenn die Schlacht schon geschlagen ist, dann essen wir wenigstens nicht nur Emotionen, sondern etwas Richtiges. Aber eines merk dir: Fang jetzt bloß nicht mit irgendeiner beschwichtigenden Familienphrase an.
