„Es fehlen wieder fünftausend Euro“ — Anna schleuderte einen Umschlag auf den Tisch

Dieses ständige Verschwinden ist empörend und verletzend.
Geschichten

Wenn du jetzt den Satz bringst: „Mama hat es ja nur gut gemeint“, dann decke ich dich mit diesem Hendl zu.

— Bring ich nicht, — sagte er rasch. — So lebensmüde bin ich nicht.

— Sehr brav. Das nenne ich Entwicklung.

Während sie das Sackerl ausräumte, blieb Lukas stumm neben ihr stehen und sah zu, wie Anna die Einkäufe auf den Tisch legte. Es war tatsächlich ein Hendl dabei, dazu eine Packung Kekse, zwei Dosen Erbsen und ein billiger Tee, den bei ihnen daheim niemand angerührt hätte.

— Sehr symbolträchtig, — meinte Anna. — Sie ist gekommen wie zu Friedensverhandlungen, und am Ende war’s wieder wie immer.

— Anna.

— Was?

— Danke, dass du nicht geschwiegen hast.

Sie drehte sich zu ihm um.

— Keine Ursache. Ich mag einfach ein ruhiges Leben viel zu gern. Und wie sich herausgestellt hat, fängt Ruhe offenbar damit an, dass man Schlüssel einsammelt.

Er trat näher zu ihr.

— Du hasst mich jetzt wahrscheinlich.

— Nein. Aber ich bin wütend. Und enttäuscht. Das ist nicht dasselbe.

— Ich bring das in Ordnung.

— Bemüh dich. Eine zweite Staffel von dieser Serie bestelle ich nämlich sicher nicht.

Am nächsten Tag hat Maria nicht angerufen. Am übernächsten auch nicht. Dafür meldete sich Tante Johanna aus Graz, die sich sonst nur an hohen Feiertagen an sie erinnerte — oder dann, wenn frischer Familienklatsch zu holen war.

— Annalein, servus, — säuselte sie ins Telefon. — Also wirklich, was habt ihr denn da mit deiner Schwiegermutter aufgeführt? Sie hat mich gestern angerufen, ganz fertig war sie. Sie sagt, ihr hättet sie praktisch aus der Wohnung geworfen.

Anna stand in der Küche, ein Häferl Kaffee in der Hand, und verdrehte die Augen so ausgiebig, dass sie dafür bei einer Meisterschaft sicher eine Wertung bekommen hätte.

— Grüß Gott, Tante Johanna. Wir haben niemanden hinausgeworfen. Wir haben nur die Schlüssel zu unserer eigenen Wohnung zurückgenommen. Das ist, wirst du zugeben, noch kein Staatsstreich.

— Na ja, sie meint, ihr hättet ihr da Sachen unterstellt …

— Hat sie auch erzählt, dass sie Geld genommen hat?

Am anderen Ende entstand eine kurze, aber überaus beredte Pause.

— Also … sie hat gesagt, die Umstände seien schwierig gewesen …

— Wunderbar. Dann ist der Sachverhalt ja schon bestätigt. Worüber reden wir also noch?

— Anna, hätte man das nicht familiärer lösen können? Ein bisserl sanfter?

— Hätte man. Einen Monat lang haben wir es sanft versucht. Ergebnis: minus fünfzehntausend Euro. Offenbar ist Sanftheit nicht unser Format.

Tante Johanna seufzte noch eine Weile über Respekt vor den Älteren, aber Anna hatte längst begriffen, was da lief: die klassische Vorstellung „Verwandtschaft auf Seiten der Gekränkten“ hatte begonnen. Nichts Neues. In jeder Familie gibt es diesen Chor der Mitfühlenden, der ausschließlich nach einem Krach auftaucht — und ausschließlich demjenigen Ratschläge gibt, der ohnehin schon die Scherben zusammenkehrt.

Am Abend kam Lukas heim. Müde, gereizt und zugleich seltsam gefasst.

— Ich war bei Mama, — sagte er und zog die Jacke aus.

— Und?

— Zuerst gab es Konzert. Dann Drama. Dann einen Monolog über Undankbarkeit. Danach war alles deine Schuld. Danach meine. Und am Schluss war die Zeit schuld, in der wir leben.

— Praktisch. Passt immer.

— Ich hab ihr gesagt, dass ich helfe. Aber ordentlich. Menschlich. Ohne Überraschungen. Und ohne Schlüssel.

— Und wie hat sie reagiert?

— Sie hat gesagt, sie braucht gar nichts von uns. Und dann gefragt, ob ich am Samstag vorbeikommen kann, weil die Armatur in der Küche spinnt.

Anna schnaubte.

— Na bitte. Das Leben ordnet sich. Sie hat die Sprache echter Bitten wiedergefunden.

— Du lachst, aber ich bin dort fast grau geworden.

— Übertreib nicht. Für graue Haare fehlt dir noch die finanzielle Grundlage.

Er trat hinter sie und legte die Arme um sie.

— Ich mein’s ernst. Danke.

— Das hatten wir schon. Nicht inflationär verwenden. Geh Hände waschen und iss. Es gibt Nudeln und normale Stille. Eine seltene Speise, nur damit du’s weißt.

Eine Woche später war es daheim auf einmal ungewohnt friedlich. Niemand sperrte am Samstag um acht in der Früh mit einem eigenen Schlüssel auf. Niemand stellte Häferl um, weil es „so viel praktischer“ sei. Niemand kam in die Küche und sagte: „Ich hab euch nur ein bisserl Ordnung gemacht“, woraufhin weder Salz noch Knoblauch noch die eigene Laune wiederzufinden waren.

Anna blieb eines Tages sogar mitten im Zimmer stehen und horchte.

— Was ist? — fragte Lukas.

— Ich genieße es. Hörst du das?

— Was?

— Eben. Nichts. Keine fremden Schlüssel. Keine plötzlichen Ratschläge. Kein „also ich an deiner Stelle“. Fast wie Urlaub.

Lukas verzog den Mund zu einem Grinsen.

— Glaubst du, das hält an?

— Keine Ahnung. Aber ab jetzt wenigstens mit Spielregeln.

Er setzte sich neben sie.

— Ich hab dir siebentausend überwiesen.

— Hab ich gesehen. Noch achttausend, dann ist das Thema erledigt.

— Wird erledigt.

— Und Lukas?

— Hm?

— Wenn du auch nur noch ein einziges Mal versuchst, Mamas Eigenmächtigkeiten mit „na du verstehst doch“ zuzudecken, dann schicke ich dich zum Verstehen woandershin. Für länger.

— Verstanden, — sagte er gehorsam.

— Brav. Du lernst schnell, wenn das Leben mit dem Megafon danebensteht.

Er lachte.

Noch zwei Wochen später rief Maria von selbst an.

Anna sah ihren Namen auf Lukas’ Handy aufleuchten, während er gerade den Abwasch machte, und hob fragend die Augenbrauen.

— Heb ab, — sagte sie.

— Zusammen?

— Selbstverständlich. Ich schätze kollektive Kreativität.

Er stellte auf Lautsprecher.

— Ja, Mama?

— Lukas, servus, — Marias Stimme klang sachlich, fast zu sachlich. — Sag, könntest du am Sonntag vorbeikommen? Die Mischbatterie macht wieder Mätzchen. Und im Vorzimmer ist die Glühbirne hin. Und … na ja, lauter Kleinigkeiten.

— Kann ich, — antwortete er ruhig. — Nach dem Mittagessen.

— Gut. Und Anna … — hier stockte sie, als wäre ihr der Name im Hals stecken geblieben, — richte ihr aus … also … ich hab damals die Kekse vergessen mitzunehmen.

Anna musste beinahe losprusten.

— Machen Sie sich keine Sorgen, — sagte sie laut. — Wir haben sie gegessen. Ganz konfliktfrei. Waren gut.

Am anderen Ende blieb es ein paar Sekunden still.

Dann kam Marias trockene Antwort:

— Na dann.

— Maria, — fuhr Anna genauso ruhig fort, — wenn Sie etwas für daheim brauchen, schreiben Sie es bitte als Liste. Das ist für alle einfacher. Ohne Improvisation und ohne Nervenkitzel.

— Ich schreib’s, — sagte die Schwiegermutter nach einer Pause. — Falls ich etwas brauche.

— Abgemacht.

Das Gespräch war beendet.

Lukas atmete langsam aus.

— Was war das jetzt gerade?

— Zivilisation, — sagte Anna. — Langsam, knarrend, aber sie kriecht voran.

— Du bist unmöglich.

— Dafür nützlich.

Er kam zu ihr, umarmte sie und stützte das Kinn auf ihren Scheitel.

— Weißt du, es ist wirklich leichter geworden.

Anna blickte zu den Schlüsseln, die nun in der Lade des Küchentisches lagen — alle ihre, nur ihre, ohne überflüssige Duplikate, ohne Zeichen fremder Macht, ohne familiäre Illusionen von wegen „aber es ist doch Mama“.

— Natürlich ist es leichter geworden, — sagte sie. — Gemütlichkeit daheim besteht eben nicht aus Kerzen und einer Decke. Sondern daraus, dass niemand Liebe mit Zugriff auf dein Geldbörsel verwechselt.

Lukas brummte leise.

— Hart bist du schon.

— Nein, — sagte Anna und lächelte endlich ruhig, ohne Zorn, ohne angespannte Beherrschung. — Ich bin nur nicht mehr bereit, in einem Zuhause zu leben, in dem mein Schweigen als Familienrabatt gilt.

Hedis Stube