„Ich hab es genommen. Mama hat es gebraucht“, sagt Lukas, während Anna fassungslos die leere Teedose im Küchenregal anstarrt

Unverzeihliche Gleichgültigkeit macht die Stille unerträglich.
Geschichten

„Und wo ist das Geld, das wir für Silvester zur Seite gelegt haben?“, fragte Anna, während sie in die Blechdose für Tee schaute, die ganz oben im Küchenregal versteckt gewesen ist.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte den Arm so weit aus, wie sie nur konnte, doch ihre Finger berührten bloß den leeren, kühlen Metallboden. Für einen Augenblick blieb ihr fast das Herz stehen. Bis Neujahr waren es nur noch zwei Tage. In dieser Dose hätten dreihundert Euro liegen sollen – Geld, das sie und Lukas über zwei Monate hinweg mühsam zusammengespart hatten. Von jedem Gehalt, von jedem kleinen Vorschuss hatten sie ein bisschen weggelegt. Es war für den Festtagseinkauf gedacht gewesen, für kleine Geschenke füreinander und für ein paar angenehme freie Tage zu Jahresbeginn.

Lukas saß am Küchentisch und wischte konzentriert mit dem Daumen über die Nachrichten auf seinem Handy. Er hob nicht einmal den Kopf, sondern zuckte nur mit den Schultern, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen.

„Lukas, ich rede mit dir“, sagte Anna, und ihre Stimme wurde hart. „Die Dose ist leer. Wo ist das Geld?“

Erst da löste er den Blick vom Display. Sein Gesichtsausdruck erinnerte an einen Schüler, der bei etwas Verbotenem erwischt worden ist: Schuldgefühl, Trotz und der Wunsch, sich irgendwie aus der Sache herauszuwinden, lagen gleichzeitig darin.

„Anna, musst du gleich so ein Theater machen?“, murmelte er und verzog den Mund. „Ich hab es genommen. Mama hat es gebraucht.“

Langsam setzte sich Anna ihm gegenüber hin. Ihre Beine fühlten sich plötzlich weich an, als wären sie aus Watte. In ihrem Kopf begann es dumpf zu rauschen.

„Deine Mutter?“, fragte sie leise. „Was ist denn diesmal mit Maria passiert? Ist das Dach undicht? Ist der Fernseher explodiert? Oder hat ihre Lieblingskatze ganz dringend eine Massage gebraucht?“

„Spar dir den Spott“, fuhr Lukas sie an. Er sperrte das Handy und legte es mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch. „Es ist wirklich ein Problem. Ihre Waschmaschine ist kaputt. Komplett hinüber. Der Installateur beziehungsweise der Techniker hat gesagt, eine Reparatur zahlt sich nimmer aus, eine neue kommt billiger. Was soll sie ohne Waschmaschine machen? Sie ist fünfundsechzig, Anna! Willst du, dass sie die Leintücher in der Badewanne schrubbt? Sie hat doch Rückenweh.“

Anna holte tief Luft und ließ sie langsam wieder entweichen, damit ihre Hände nicht noch stärker zitterten.

„Lukas, ich versuche gerade, ruhig zu bleiben“, begann sie. „Deine Mutter ist fünfundsechzig, ja, aber sie ist nicht hilflos. Und ihre Waschmaschine war völlig in Ordnung. Eine Indesit, die wir ihr vor fünf Jahren gemeinsam gekauft haben. Aber nehmen wir einmal an, sie ist tatsächlich eingegangen … Warum ausgerechnet jetzt? Warum unmittelbar vor den Feiertagen? Und warum musste dafür unser ganzes Erspartes draufgehen?“

„Weil es jetzt Aktionen gibt!“, rief Lukas und breitete die Arme aus, als würde er etwas erklären, das jedem vernünftigen Menschen sofort einleuchten müsste. „Vorweihnachtliche Abverkäufe, Silvesterangebote, alles reduziert. Wir haben ein super Gerät gefunden, mit Trocknerfunktion und unzähligen Programmen. Mama wollte so eine schon ewig. Von ihrer Pension kann sie sich das nie zusammensparen. Was hätte ich ihr sagen sollen? ‚Tut mir leid, Mama, wasch halt mit der Hand, weil wir Kaviar essen wollen‘?“

„Kaviar?“, wiederholte Anna und lachte bitter auf. „Darum ist es doch gar nicht gegangen. Von diesem Geld sollte alles bezahlt werden: Fleisch, Gemüse, Getränke, Geschenke. Wir haben Gäste eingeladen. Auch deine Freunde. Paul mit seiner Frau, Felix. Was genau sollen wir ihnen hinstellen?“

Lukas machte eine wegwerfende Handbewegung, stand auf und ging zum Wasserkocher.

„Jetzt übertreib nicht so maßlos. Du findest doch immer eine Lösung. Wir haben Eingemachtes da, Essiggurkerl und anderes. Dann kochen wir halt Erdäpfel. Ein Hendl kaufen wir, das kostet nicht die Welt. Dir fällt schon was ein. Du machst ein paar Salate aus dem, was noch da ist. Wichtig ist die Gesellschaft, nicht das Essen. Tu nicht so, als wäre das Abendessen eine heilige Angelegenheit.“

„Wir kaufen ein Hendl?“, fragte Anna und starrte auf den breiten Rücken ihres Mannes. „Wovon denn? In meiner Geldbörse sind noch fünfzehn Euro, und der nächste Vorschuss kommt erst am zehnten Jänner. Du hast offenbar auch nichts mehr, sonst hättest du die Dose nicht angerührt.“

„Na ja …“, Lukas wurde unsicher. „Dann borgen wir uns halt von jemandem etwas. Oder du hebst was von der Kreditkarte ab. Wir zahlen es später zurück. Aber Mama war so glücklich! Du hättest sie sehen sollen. Sie hat sofort einen Kuchen gebacken und gesagt, sie bringt ihn vorbei.“

„Großartig“, erwiderte Anna trocken. „Kuchen ersetzt natürlich ganz wunderbar ein Festessen.“

Sie stand auf und verließ die Küche. Diese sinnlose Auseinandersetzung wollte sie nicht länger hören. Lukas begriff es nicht – oder er wollte es nicht begreifen. Für ihn war die gemeinsame Haushaltskassa offenbar ein dehnbarer Begriff, aus dem man jederzeit etwas herausnehmen konnte, sobald seine Mutter nur darum bat. Seine Frau würde es dann schon irgendwie „richten“.

Im Schlafzimmer setzte sich Anna auf die Bettkante und vergrub das Gesicht in den Händen. Ihr Hals zog sich schmerzhaft zusammen. Es war nicht einmal nur das Geld, das sie traf. Viel schlimmer war diese ganze Haltung. Den ganzen Dezember über hatte sie geplant, Rezepte gesucht, Einkaufslisten geschrieben. Sie hatte ein richtiges Fest schaffen wollen: schön, warm, duftend, eines, bei dem die Wohnung nach Tannenzweigen und gebratener Gans riecht. Und jetzt kreiste in ihrem Kopf nur noch dieser eine Satz: „Dir fällt schon was ein.“ Genau dieser Satz weckte in ihr eine eisige Wut, die sich langsam, aber unerbittlich in ihrer Brust ausbreitete.

Hedis Stube