Die Kälte dieses Zorns ist nicht kleiner geworden; im Gegenteil, sie hat sich in ihr verdichtet, schwer und hart. Wie oft hatte Anna diesen beiläufigen Satz schon gehört? „Anna, Mama braucht Setzlinge für den Garten, schau halt, wie wir das Geld auftreiben.“ Oder: „Anna, ich hab den Wagen angekratzt, der muss sofort lackiert werden, überleg dir, wo wir einsparen können.“ Und jedes Mal hatte Anna eine Lösung gefunden. Sie hatte den Gürtel enger geschnallt, alles neu durchgerechnet und auf die kleinen Freuden verzichtet: einen Lippenstift, ein zweites Paar Strümpfe, irgendetwas, das eben nicht „unbedingt notwendig“ war.
An diesem Tag aber war das Maß voll.
Am Abend tat Lukas, als wäre überhaupt nichts gewesen. Er saß auf dem Sofa, lachte über irgendeine seichte Unterhaltungssendung, zappte von einem Kanal zum nächsten und streckte sich zufrieden aus. Für ihn war die Sache erledigt. Seine Frau würde ein bisserl granteln, dann würde sie sich schon wieder einkriegen. Schließlich hatte Anna noch immer irgendeinen Zaubertrick zustande gebracht: einmal mit dem Kochlöffel gewedelt, und der Kühlschrank war wieder voll.
Am nächsten Tag, dem dreißigsten Dezember, ging Anna in die Arbeit. Im Büro lag schon diese aufgeregte Stimmung vor dem Feiertag in der Luft. Die Kolleginnen erzählten, in welchem Geschäft sie noch einkaufen wollten, tauschten Rezepte aus und diskutierten, wer den Russischen Salat wie machte und ob Sulz wirklich auf den Tisch musste.
„Sag, Anna, machst du die Gans heuer mit Äpfeln oder gibst du Orangen hinein?“, fragte Claudia aus der Buchhaltung und rührte in ihrem Tee.
„Mit Luft“, sagte Anna trocken. Gleich darauf zwang sie sich zu einem Lächeln. „Wir probieren heuer etwas Neues. Ganz puristisch.“
Nach Dienstschluss fuhr sie nicht, wie seit Wochen geplant, zum großen Supermarkt. Stattdessen ging sie in das kleine Geschäft neben ihrem Haus. Sie nahm das billigste Salz, einen Laib Schwarzbrot und eine Dose Sprotten aus dem Regal. Kurz blieb sie stehen, dann legte sie noch drei Erdäpfel dazu. An der Kassa suchte sie Münzen aus der Manteltasche und zählte den Betrag fast beschämt auf den Tresen.
Daheim empfing Lukas sie schon mit einer Frage.
„Na, hat das Einkaufen geklappt? Ach ja, stell dir vor, ich hab mit Mama telefoniert. Sie kommt morgen vorbei. Sie möchte mit uns ins neue Jahr feiern und außerdem … na ja, die neue Waschmaschine einweihen.“
Anna blieb im Vorzimmer stehen, ohne auch nur die Stiefel auszuziehen.
„Deine Mutter kommt?“, fragte sie leise.
„Natürlich. Warum denn nicht? Sie soll doch nicht allein daheim sitzen. Gegen neun ist sie da, dann verabschieden wir gemeinsam das alte Jahr. Mach dir keinen Kopf, sie ist eh nicht heikel. Ihr geht’s wirklich nur darum, dass man an sie denkt.“
„Wunderbar“, sagte Anna und nickte langsam. „Wirklich großartig.“
In ihr klickte etwas endgültig ein. Als wäre das letzte Teil eines Bildes an seinen Platz gerutscht. Also kam Maria auch noch. Dieselbe Maria, die am Vortag von ihnen eine nagelneue Waschmaschine bekommen hatte, bezahlt aus der gemeinsamen Haushaltskassa, für dreißigtausend. Und selbstverständlich würde sie einen gedeckten Tisch erwarten. Denn Anna würde sich ja „schon etwas einfallen lassen“.
Anna legte den Mantel ab, ging in die Küche und begann zu arbeiten. Die drei Erdäpfel kochte sie in der Schale. Dann holte sie die Essiggurkerl hervor, die sie im Sommer eingelegt hatte – wenigstens die waren aus dem eigenen Vorrat und hatten jetzt keinen Cent gekostet. Das Schwarzbrot schnitt sie in dünne, gleichmäßige Scheiben.
Danach nahm sie die schönste Festtagstischdecke aus dem Kasten. Schneeweiß war sie, mit goldenen gestickten Schneeflocken, und normalerweise hob Anna sie nur für wirklich besondere Anlässe auf. Auf den Tisch stellte sie auch das beste Service: Teller mit Goldrand, funkelnde Kristallgläser und das Silberbesteck, das noch von der Großmutter stammte.
In die Mitte kam eine große Platte. Darauf lagen, ganz allein, die drei gekochten Erdäpfel. Daneben drängten sich in einer Kristallschale drei in Scheiben geschnittene Essiggurkerl. Auf einem kleinen Teller lagen die Brotscheiben, daneben die Sprottendose – ungeöffnet. Den Dosenöffner legte sie sorgfältig dazu.
„Das war’s“, flüsterte Anna und betrachtete ihr Werk. „Ganz genau so, wie ihr es wolltet.“
Am einunddreißigsten Dezember wachte Lukas spät auf. Behaglich streckte er sich und freute sich bereits auf den Tag.
„Annerl!“, rief er. „Gibt’s Frühstück?“
„Im Kühlschrank“, kam Annas Stimme aus dem Bad.
Lukas fand einen Topf mit Buchweizenbrei vom Vortag.
„Aha, heute also bescheiden“, murrte er, aß ihn aber trotzdem. „Kochst du schon? Irgendwie riecht’s … komisch.“
„Ich bin mit allem fertig“, antwortete Anna, als sie im Morgenmantel aus dem Bad kam, ein Handtuch um die Haare gewickelt. „Der Tisch ist gedeckt. Geh nicht ins Zimmer hinein, es ist eine Überraschung. Das Ganze soll bis zum Abend wirken.“
Lukas rieb sich begeistert die Hände.
„Eine Überraschung! Das liebe ich. Du bist wirklich Gold wert. Ich hab ja gewusst, dass du das hinkriegst.“
Den Rest des Tages kümmerte Anna sich nur um sich selbst. Sie legte eine Gesichtsmaske auf, lackierte sich die Nägel und föhnte ihr Haar mit großer Sorgfalt. Dann zog sie ihr schönstes Kleid an: ein dunkelblaues Abendkleid aus Samt. Lukas stolzierte inzwischen durch die Wohnung und musterte sie anerkennend.
„Du schaust wunderschön aus“, sagte er immer wieder. „Mama wird ganz hin und weg sein.“ Dann setzte er noch einmal an, als wäre ihm gerade etwas eingefallen.
