„Übrigens, sie hat auch angerufen“, sagte Lukas. „Sie hat gemeint, sie bringt ein Geschenk mit. Sicher irgendwas Praktisches für die Wohnung.“
Gegen neun Uhr am Abend läutete es. Vor der Tür stand Maria, die Wangen rot von der Kälte, auf dem Kopf eine neue Nerzhaube, in der Hand ein kleines Packerl, das sie fest an sich gedrückt hielt.
„Schon einmal ein gutes neues Jahr, meine Lieben!“, rief sie und trat mit viel Schwung in die Wohnung. „Was für ein Wetter da draußen! Herrlicher Schnee, aber beißend kalt. Bei euch ist es dafür angenehm warm, richtig gemütlich. Was riecht denn da so gut? Tanne? Und wo habt ihr die Mehlspeisen versteckt?“
„Alles steht schon am Tisch, Mama, wirklich alles“, sagte Lukas und half ihr höflich aus dem Mantel. „Anna hat heute gezaubert. Sie hat eine ganz besondere Überraschung vorbereitet.“
Anna kam aus dem Vorzimmer dazu und begrüßte die Besucherin mit einem höflichen, aber etwas angespannten Lächeln.
„Schönen Abend, Maria. Kommen Sie nur herein.“
„Servus, mein Kind, servus“, antwortete Maria und marschierte mit entschlossenen Schritten weiter, als wäre sie nicht zu Besuch, sondern zur Kontrolle erschienen. „Na, dann zeigt einmal her, wie ihr so lebt. Lukas hat erwähnt, dass ihr renovieren wollt. Ach ja, und meine Waschmaschine! Ein wunderbares Gerät, wirklich. Man hört sie kaum, wenn sie läuft, und die Wäsche kommt fast trocken heraus. Ihr seid schon lieb, ihr habt einer alten Frau eine große Freude gemacht. Wobei … wenn man schon aussucht, hätte es vielleicht auch ein etwas teureres Modell sein dürfen, eines mit Dampffunktion. Aber gut, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“
Anna sagte kein Wort. Sie presste nur kurz die Lippen zusammen und ging dann in Richtung Wohnzimmer. Die anderen folgten ihr.
In der Mitte des Raumes stand der festlich gedeckte Tisch. Eine makellose Tischdecke lag darauf, die Gläser funkelten, das Besteck war akkurat ausgerichtet. Und trotzdem wirkte das Bild seltsam: Auf der prächtigen Tafel lagen lediglich drei gekochte Erdäpfel, ein paar Essiggurkerl und ein Laib Brot.
Maria blieb wie angewurzelt an der Schwelle stehen. Lukas, der knapp hinter ihr hereingekommen war, wäre beinahe in sie hineingelaufen.
„Anna?“, fragte er unsicher. „Was … was soll das bitte sein?“
„Unser Festessen“, erklärte Anna ruhig, ging zu ihrem Platz und setzte sich mit ausgesuchter Eleganz. „Bitte, nehmt Platz. Es ist alles da: Salat, Hauptspeise und Delikatessen.“
Maria sah erst auf die Erdäpfel, dann auf ihre Schwiegertochter und schließlich auf ihren Sohn.
„Das ist doch ein Scherz, oder?“, fragte sie und lachte nervös auf. „Ihr wollt mich doch nur ein bissl aufziehen. Gleich kommt die gebratene Gans, nicht wahr?“
„Leider nein“, sagte Anna und breitete die gestärkte Serviette auf ihrem Schoß aus. „Es gibt keine Gans. Keinen Mayonnaisesalat und auch keinen Kaviar. Wissen Sie, Maria, für das Silvesteressen hatten wir genau dreihundert Euro vorgesehen. Nur hat sich dieses Geld vor zwei Tagen auf recht wundersame Weise in Ihre neue, besonders leise Waschmaschine verwandelt.“
Schweigen legte sich über das Zimmer. Man hörte nur die Wanduhr ticken, die unerbittlich die letzten Minuten des Jahres abzählte.
„Aber …“, stammelte Lukas und blinzelte verwirrt. „Du hast doch gesagt … du hast mir versprochen, dass dir schon etwas einfallen wird.“
„Ist mir ja auch“, erwiderte Anna und nickte. „Mir ist eingefallen, dass ich uns nicht verschulde. Mir ist eingefallen, dass ich keinen Kredit mit irrsinnigen Zinsen aufnehme, nur damit wir einen einzigen Abend groß auftischen können. Ich koche mit dem, was übrig geblieben ist. Und übrig geblieben sind genau ein Euro fünfzig. Da steht es nun: Erdäpfel, Brot, eingelegte Gurkerl. Ach ja, Sardinen gibt es auch noch. Lukas, mach sie bitte auf, das Messer liegt gleich daneben.“
Auf Marias Gesicht breiteten sich rote Flecken aus.
„Das … das ist eine Frechheit!“, fuhr sie auf. „Willst du damit sagen, ich hätte euch ausgenommen? Dass ich an allem schuld bin? Mein Sohn hat seiner Mutter von Herzen ein Geschenk gemacht, und du zahlst es ihm mit trockenem Brot heim?“
„Ich zahle gar nichts heim“, entgegnete Anna mit eisiger Gelassenheit. „Ich spreche nur aus, was Sache ist. Lukas hat das Geld hergegeben, das wir für den Feiertag zur Seite gelegt haben. Er hat eine Entscheidung getroffen. Er hat Ihren Komfort über unseren gemeinsamen Abend gestellt. Das nehme ich zur Kenntnis. Aber Wunder gibt es keine. Wenn Geld an einer Stelle ausgegeben wird, fehlt es an einer anderen.“
„Lukas!“, wandte sich Maria empört an ihren Sohn. „Lässt du dir das gefallen? So redet sie mit mir? Wir sind zum Feiern gekommen, ich habe mich hergerichtet, war beim Friseur, und dann setzt sie uns Erdäpfel in der Schale vor?“
Lukas schaute hilflos von seiner Mutter zu seiner Frau und wieder zurück. Sein Gesicht war bis zu den Ohren rot. Scham, Kränkung und Angst kämpften sichtbar in ihm miteinander. Er wusste, dass Anna recht hatte, doch vor seiner Mutter brachte er es nicht über die Lippen.
„Anna, das ist schon ein bissl viel“, murmelte er. „Ein Hendl hättest du doch wenigstens kaufen können …“
„Wovon, Lukas?“, fragte Anna scharf und drehte sich zu ihm um. „Vom Geld für meine Monatskarte? Oder soll ich einen Monat lang zu Fuß gehen? Vielleicht soll ich in der Arbeit auch aufs Mittagessen verzichten? Ich spare ohnehin an allen Ecken. Und du gibst mit einer großzügigen Handbewegung alles her, was wir haben, und erwartest danach ein Festmahl? Nein. Wenn du der großherzige Sohn sein willst, dann bezahl es aus deinem eigenen Verdienst. Arbeite mehr, nimm einen Zusatzjob an. Aber nimm deiner Familie nicht das Letzte weg.“
