„Ich hab es genommen. Mama hat es gebraucht“, sagt Lukas, während Anna fassungslos die leere Teedose im Küchenregal anstarrt

Unverzeihliche Gleichgültigkeit macht die Stille unerträglich.
Geschichten

„Familie?!“, fuhr Maria auf und schlug die Hände zusammen. „Was seid ihr denn für eine Familie? In einer Familie hält man zusammen, da teilt man notfalls sogar das letzte Hemd! Und du… du denkst nur an dich! Ich hab immer gesagt, dass du nicht zu meinem Sohn passt. Kleinlich bist du, geizig und hartherzig!“

„Gut“, sagte Anna und stand langsam auf. „Wenn ich euch den Abend so gründlich verderbe, dann störe ich nicht länger. Esst in Ruhe eure Erdäpfel, sie sind eh schön weich geworden. Die Sardinen sind auch nicht schlecht. Einen guten Rutsch schon einmal.“

Sie verließ das Zimmer, ging ins Schlafzimmer und sperrte hinter sich ab. Ihr Herz hämmerte, als wollte es ihr die Rippen sprengen. Sie setzte sich auf die Bettkante, zog mit zitternden Fingern aus dem Nachtkastl die versteckte Schokolade und die kleine Flasche Sekt hervor, die sie von ihrem eigenen zurückgelegten Geld gekauft hatte.

Im Wohnzimmer brach unterdessen der nächste Aufruhr los. Marias schrille, empörte Stimme drang durch die Tür; sie wurde immer lauter und verlangte, sofort aufzubrechen und sich für diesen Abend irgendwo anders unterbringen zu lassen.

„Mama, bitte, wart doch…“, hörte Anna Lukas dumpf und flehend aus dem Wohnzimmer murmeln. „Jetzt im Ernst, wohin sollen wir um zehn am Abend noch gehen? Beruhig dich doch ein bissl…“

„Das schluck ich nicht hinunter!“, keifte Maria. „Bist du ein Mann oder ein Stofffetzen? Sie hat dich erniedrigt und mich gleich dazu! Stell dir vor, ihr ist die Waschmaschine leid! Na, der werd ich’s zeigen, ich hol sie mir zurück! Soll sie ihre Sachen halt mit der Hand waschen!“

Die Wohnungstür fiel mit einem wütenden Knall ins Schloss, und auf einmal legte sich Stille über die Wohnung. Anna atmete langsam aus und öffnete vorsichtig den Sekt. Der Korken sprang nicht laut heraus, sondern landete nur weich in ihrer Handfläche. Sie goss das prickelnde Getränk in ein schlichtes Häferl, legte ein paar Stücke Schokolade daneben und setzte sich wieder aufs Bett. Zum ersten Mal an diesem Abend erlaubte sie sich, langsam zu kauen und in kleinen Schlucken zu trinken.

Ungefähr zehn Minuten später klopfte es leise an der Schlafzimmertür.

„Ann…“, Lukas’ Stimme klang heiser und erschöpft. „Mach bitte auf. Sie sind weg.“

Anna schwieg.

„Anna, es reicht. Ich hab’s verstanden. Ich war ein Trottel. Bitte sperr auf… ich hab Hunger.“

Sie stand auf, ging zur Tür und drehte den Schlüssel um. Lukas stand davor, die Schultern hingen ihm nach vorn, sein Blick war gebrochen. So sah sie ihn selten.

„Deine Mutter ist wirklich gegangen?“, fragte Anna leise.

„Mit dem Taxi. Bis zum Lift hat sie durchgehend geschrien. Sie hat gesagt, morgen schickt sie Leute vorbei und lässt die Waschmaschine abholen.“

„Soll sie nicht“, seufzte Anna. „Sie soll sie behalten. Darum ist es nie gegangen, Lukas.“

„Ich weiß“, sagte er, trat ein und setzte sich auf die Bettkante. „Es ist um mich gegangen. Darum, dass ich alles auf dir ablade. Dass du immer eine Lösung findest, immer irgendwie Geld auftreibst, immer alles auffängst. Ich hab nicht nachgedacht. Es tut mir wirklich leid.“

„Dann denk beim nächsten Mal vorher nach“, sagte Anna und setzte sich neben ihn. „Denn ich weiß nicht, ob es noch ein nächstes Mal gibt. Ich bin müde davon, ständig das Überleben zu organisieren. Manchmal wär’s schön, wenn auch einmal jemand auf mich aufpasst.“

„Verzeih mir“, sagte Lukas und drückte ihre Hand. Dann hob er vorsichtig den Blick. „Sag… gibt’s wirklich nur Erdäpfel?“

„Ja“, antwortete Anna, und zum ersten Mal huschte wieder ein Lächeln über ihr Gesicht. „Aber wenn du ganz unten im Tiefkühler suchst, müsste noch ein Packerl Tascherln sein. Die hab ich für Notfälle aufgehoben.“

Lukas’ Augen leuchteten auf.

„Tascherln? Wirklich? Du bist ein Engel. Die kochen wir jetzt. Ich hab seit in der Früh nur Buchweizen gegessen.“

In der Küche wirkte die sorgfältig gedeckte Tafel mit den glänzenden Gläsern und dem kümmerlichen Abendessen so widersinnig, als wäre sie Teil einer modernen Ausstellung. Lukas zog die gekochten Erdäpfel mit einer raschen Bewegung auf einen Teller.

„Die rösten wir morgen mit Zwiebel und Butter an“, erklärte er mit neu gewonnener Sicherheit. „Daraus kann man auch ein Festessen machen.“

Während das Wasser zu kochen begann, trat er hinter Anna und legte die Arme um sie.

„Ich versprech dir“, flüsterte er in ihr Haar, „ab meinem nächsten Gehalt fangen wir wieder an zu sparen. Niemand bekommt auch nur einen Cent. Und einkaufen geh ab jetzt ich. Im Ernst.“

„Das werden wir sehen“, erwiderte Anna, doch die Schärfe war aus ihrer Stimme verschwunden.

Das neue Jahr begrüßten sie beim Klang der Glocken, während sie an dem festlich gedeckten Tisch Sauerrahm-Tascherln löffelten. Die Fischkonserve blieb unberührt; die hoben sie für Weihnachten auf. Lukas fand im Barschrank noch eine Flasche Wodka, und Anna trank ihren Sekt fertig.

Es war seltsam, still – und vielleicht der ehrlichste Silvesterabend, den sie je miteinander verbracht hatten.

Maria ließ die Waschmaschine am Ende nie zurückholen. Dafür rief sie wochenlang nicht an. Sie war beleidigt. Für Anna waren diese zwei Wochen Funkstille mehr wert als jedes Geschenk: Endlich konnte sie durchatmen.

Einen Monat später kam Lukas mit einem prall gefüllten Sackerl nach Hause. Guter Fisch, Käse und Obst landeten auf dem Tisch.

„Das ist für uns“, sagte er. „Für Mama hab ich eine Torte gekauft. Eine kleine. Ich bin kurz bei ihr vorbeigefahren und hab ihr nachträglich gratuliert.“

Anna lächelte. Offenbar war die Erdäpfel-Lektion angekommen. Vielleicht war sie schmerzhaft gewesen, vielleicht laut – aber manchmal sagt ein leerer Teller mehr als jede Erklärung.

Hedis Stube