„Ich habe die Scheidung eingereicht. Das Haus bleibt bei mir, das Geld auch. Du weißt ja selbst: Es läuft alles auf meinen Namen“ sagte er nebenbei, während Anna zitternd dieselben Häferln polierte

Eine feige, zutiefst ungerechte Entscheidung zerreißt das Herz.
Geschichten

Nach der Einreichung der Scheidung war Lukas überzeugt, Anna ohne Geld und ohne Zuhause zurücklassen zu können – doch damit hat er nicht gerechnet

Anna polierte seit gut zehn Minuten dieselben Häferln, obwohl sie längst sauber gewesen sind. Ihre Gedanken sind durcheinandergeraten, die Finger haben gezittert. In ihren Ohren klang immer noch Lukas’ Stimme nach:

„Ich habe die Scheidung eingereicht. Das Haus bleibt bei mir, das Geld auch. Du weißt ja selbst: Es läuft alles auf meinen Namen.“

Zweiunddreißig Jahre Ehe. Zweiunddreißig! Und dann sollte alles mit einem einzigen Satz vorbei sein. Er hatte es nicht einmal bei einem ernsten Gespräch gesagt, sondern nebenbei, während er Unterlagen in seine Tasche geschoben hat.

Das Handy vibrierte. Ihr Sohn.

„Mama? Wie geht’s dir?“, fragte Tobias, und seine Stimme war voller Sorge.

„Schon gut“, sagte Anna und schluckte den Kloß hinunter, der ihr im Hals steckte. „Alles in Ordnung.“

„Papa hat mich angerufen. Stimmt das wirklich?“

„Ja.“

„Um Himmels willen, Mama, wie kannst du so ruhig bleiben? Er … er will sich von dir scheiden lassen!“

„Was soll ich denn tun, Tobias? Schreien? Zusammenbrechen?“

Anna stellte das Häferl zurück ins Regal. Zweiunddreißig Jahre lang hatte sie alles nach Größe geordnet. Lukas mochte Ordnung.

„Er hat gesagt, das Haus und die Konten gehören ihm“, sagte sie leise.

„Was?! Wie kann er so etwas behaupten! Ihr habt doch alles gemeinsam aufgebaut!“

„Gemeinsam …“ Anna lächelte bitter. „Aber eingetragen ist alles auf ihn, Tobias.“

Es läutete an der Tür. Draußen stand Hannah, die Nachbarin, die einzige Freundin, die ihnen über all die Jahre geblieben war, obwohl Lukas ihr Leben immer mehr abgeschottet hatte.

„Anna, Liebes!“ Hannah schloss sie fest in die Arme. „Es wissen schon alle. Das … das ist ja dein Mann!“

„Woher?“, brachte Anna nur hervor.

„Lea aus dem zweiten Stiegenhaus hat ihn mit einer jüngeren Frau gesehen. Sie haben sich eine Neubauwohnung angeschaut. Dein Mann hat zu ihr gesagt: ‚Nach der Scheidung ziehen wir hier ein.‘“

Anna musste sich an die Wand lehnen. In ihr war etwas gerissen, ganz lautlos.

„Also hat er … eine andere?“

„Du hast das nicht gewusst?“ Hannah schlug erschrocken die Hand vor den Mund. „Ach Gott, ich bin so blöd …“

In dieser Nacht hat Anna kein Auge zugetan. Sie blätterte in alten Fotos. Da war ihre Hochzeit: sie in einem schlichten weißen Kleid, mit einem Gesicht, das vor Glück gestrahlt hat. Dann der erste Urlaub: Meer, Sonne. Tobias als kleiner Bub. Aus den letzten fünf Jahren gab es kaum noch gemeinsame Bilder. Nur Lukas, allein, bei Präsentationen, auf Dienstreisen, irgendwo zwischen Anzug, Lächeln und fremden Menschen.

Am Morgen bemerkte sie, dass der Safe in Lukas’ Arbeitszimmer offen stand. Er hatte sämtliche Unterlagen mitgenommen. Sogar die Papiere zum Haus, das sie zusammen gebaut hatten. Anna erinnerte sich noch genau daran, wie sie Ziegel getragen, Tapeten ausgesucht und Monat für Monat ihr Lehrerinnengehalt hineingesteckt hatte.

„So leicht gebe ich nicht auf“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild.

In der Kanzlei war es kühl, und in der Luft lag der Geruch von Kaffee.

„Mein Name ist Katharina Viktorovna“, stellte sich die Anwältin vor. „Erzählen Sie mir bitte, was passiert ist.“

Anna sprach stockend, machte immer wieder Pausen.

„Ich habe immer gedacht … wir sind doch eine Familie … Ich habe mich nie besonders um die Papiere gekümmert …“

„Das machen viele Frauen so“, sagte Katharina und nickte. „Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Selbst wenn alles auf den Namen Ihres Mannes läuft, wird Vermögen, das während der Ehe erworben wurde, grundsätzlich geteilt.“

„Wirklich?“ Anna hob den Kopf. „Aber er sagt doch …“

„Was soll er sonst sagen?“ Katharina lächelte knapp. „Natürlich behauptet er, alles gehöre ihm. Das ist nicht ungewöhnlich. Haben Sie irgendwelche Unterlagen? Rechnungen? Belege? Schuldscheine?“

Daheim stellte Anna die ganze Wohnung auf den Kopf. In einer alten Schachtel fand sie Rechnungen für Baumaterialien, die sie damals fürs Haus gekauft hatten, und auch jene Bestätigungen, die Lukas unterschrieben hatte, wenn er sich von ihr Geld „fürs Geschäft“ ausgeborgt hatte. Sie hatte alles aufgehoben, ohne selbst genau zu wissen, warum. Eine Gewohnheit aus ihrem Lehrerinnenleben: alles ordentlich dokumentieren.

Wieder klingelte das Handy.

„Was treibst du da?“, fragte Lukas mit eiskalter Stimme. „Bist du gleich zu einer Anwältin gerannt?“

„Woher weißt du …?“

„Das spielt keine Rolle. Hör zu, Anna“, seine Stimme wurde weicher. „Wozu dieser Krieg? Lassen wir uns friedlich scheiden. Ich gebe dir etwas Geld für den Anfang.“

„Etwas Geld?“ Anna umklammerte das Handy fester. „Und was ist mit der Hälfte des Hauses? Und mit unserem gemeinsamen Geschäft?“

Hedis Stube