„Ich habe die Scheidung eingereicht. Das Haus bleibt bei mir, das Geld auch. Du weißt ja selbst: Es läuft alles auf meinen Namen“ sagte er nebenbei, während Anna zitternd dieselben Häferln polierte

Eine feige, zutiefst ungerechte Entscheidung zerreißt das Herz.
Geschichten

„Gemeinsam?“ Lukas stieß ein kurzes, spöttisches Lachen aus. „Wovon redest du überhaupt? Du bist eine pensionierte Lehrerin. Was willst du mit einem Geschäft zu tun haben?“

„Ich habe ebenfalls Geld hineingesteckt. Und ich habe Bestätigungen dafür.“

„Bestätigungen?“ Für einen Augenblick bekam seine Stimme einen Riss. „Geh bitte, Anna. Das waren Geschenke.“

„Dann klären wir das eben vor Gericht“, sagte Anna plötzlich mit einer Festigkeit, die sie selbst überraschte, und legte auf.

Ihr Herz hämmerte so wild, als wäre sie eine Stiege hinaufgerannt. So hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Früher hatte sie nachgegeben, geschwiegen, sich zurückgezogen. Zweiunddreißig Jahre lang hatte sie immer nachgegeben. Und jetzt …

„Hab ich das gerade wirklich gemacht?“, flüsterte sie und lächelte zum ersten Mal seit Tagen.

Die nächsten Wochen verschwammen zu einem einzigen grauen Durcheinander. Anna suchte Unterlagen zusammen, traf sich mit der Anwältin und lernte Begriffe, die ihr bisher fremd gewesen waren. An der Fachhochschule nahm sie sich frei, weil sie sich auf keine einzige Vorlesung mehr konzentrieren konnte.

„Anna, du bist ja ganz schmal geworden“, bemerkte Julia, ihre Kollegin, im Büro. „Iss wenigstens irgendwas.“

„Ich hab keine Zeit“, winkte Anna ab. „Ich muss die Dokumente ordnen.“

„Sag … dieser Mann … bedroht er dich?“

„Bis jetzt nur am Telefon.“ Anna verzog den Mund. „Er ruft ständig an und sagt, ich soll wieder zur Vernunft kommen. Als wäre ich diejenige, die den Verstand verloren hat, verstehst du?“

Am selben Abend meldete sich ihr Sohn.

„Mama, er macht mich fertig“, klang Tobias erschöpft. „Jeden Tag ruft er mich an und verlangt, ich soll auf dich einwirken.“

„Und was sagst du?“

„Was soll ich sagen? Ich hab ihm erklärt, dass das eure Sache ist. Da ist er völlig ausgezuckt.“

Anna atmete schwer aus. Tobias hatte sich immer aus den Problemen zwischen ihr und Lukas herausgehalten. Vielleicht war das sogar besser so.

„Mama, wie hältst du das aus?“

„Ich halte es aus“, sagte sie und schluckte. „Weißt du, ich hab alte Fotos gefunden. Erinnerst du dich noch, wie wir das Haus gebaut haben? Du warst damals noch klein.“

„Natürlich! Ich hab Ziegel geschleppt!“, lachte Tobias. „Und Papa ist nur dagestanden und hat kommandiert.“

„Ja. Und das Geld dafür kam von mir.“

„Wie bitte?“

„Genau so. Mein ganzes Lehrerinnengehalt ist damals in Baustoffe geflossen. Die Rechnungen hab ich sogar noch.“

„Wahnsinn. Und er erzählt, er hätte alles allein aufgebaut …“

Ein Piepsen unterbrach sie. Eingehender Anruf von Lukas. Anna drückte ihn weg.

„Er ruft schon wieder an. Inzwischen täglich.“

„Heb nicht ab.“

„Tu ich eh nicht. Aber er kommt hierher.“

Am Tag davor war Lukas plötzlich vor ihrer Tür gestanden. Mit diesem Blick, mit dem er sie früher jedes Mal zum Schweigen gebracht hatte. Früher hatte es funktioniert. Jetzt nicht mehr.

„Gib mir die Bestätigungen zurück“, forderte er.

„Nein.“

„Anna, du spielst mit dem Feuer.“

„Nein, Lukas. Du spielst. Mit mir. Seit zweiunddreißig Jahren.“

Er knallte die Wohnungstür so heftig zu, dass ein Stück Putz von der Wand rieselte.

Und heute war sie gekommen. Jung, glatt, auf Hochglanz zurechtgemacht, mit einem frechen Funkeln in den Augen.

„Ich bin Lena“, stellte sie sich ohne Umschweife vor. „Wir müssen reden.“

„Worüber?“, fragte Anna und verschränkte die Arme.

„Über Lukas. Er leidet. Sie lassen sich doch sowieso scheiden, wozu also dieses Theater?“

„Welches Theater meinen Sie?“

„Na diese … Forderungen. Das Haus, das Geld.“

„Mein Geld“, stellte Anna ruhig klar.

„Ach bitte, welches Geld denn?“ Lena verdrehte die Augen. „Lukas hat das Geschäft aufgebaut, und Sie waren …“

„Ich war was?“

Das Mädchen stockte.

„Na ja … Hausfrau.“

„Ich unterrichte seit dreißig Jahren an der Fachhochschule.“

„Das ist doch egal!“, fuhr Lena dazwischen. „Lukas und ich lieben einander. Und Sie …“

„Wie alt sind Sie, Lena?“

„Siebenundzwanzig“, antwortete sie trotzig.

„Mit siebenundzwanzig hab ich auch geglaubt, alles wäre einfach.“ Anna seufzte leise. „Richten Sie Lukas aus, dass ich ihn vor Gericht erwarte.“

Nachdem Lena gegangen war, blieb Anna lange vor dem Spiegel stehen. Falten. Graue Strähnen. Nein, mit diesem Mädchen konnte und wollte sie nicht wetteifern. Darum ging es auch gar nicht.

„Ich kämpfe nicht um Jugend“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Ich kämpfe um Gerechtigkeit.“

Gegen Abend rief Katharina an.

„Frau Anna, die Unterlagen sind fertig. Morgen bringen wir die Klage ein.“

„So schnell?“

„Warum sollten wir es hinauszögern? Unsere Position ist sehr stark. Übrigens hat Ihr Noch-Ehemann auch mich angerufen.“

„Und was wollte er?“

„Drohungen aussprechen“, sagte die Anwältin, und in ihrer Stimme lag ein kühles Lächeln. „Aber da ist er bei mir an der falschen Adresse. Sind Sie bereit für die Verhandlung?“

„Nein“, antwortete Anna ehrlich. „Aber ich habe keine Wahl.“

Hedis Stube