„Genau so müssen Sie an die Sache herangehen“, bestätigte Katharina. „Wir sehen einander morgen.“
Der Gerichtssaal war viel kleiner, als Anna ihn sich vorgestellt hatte. Eigentlich erinnerte er eher an ein schlichtes Büro: Holzbänke, vorne der Richtertisch, an der Wand das Wappen. Nervös fuhr sie mit den Fingern über den Riemen ihrer Handtasche und bemühte sich, nicht zu Lukas hinüberzuschauen, der ihr gegenüber mit demonstrativer Sicherheit Platz genommen hatte.
„Bleiben Sie ruhig“, flüsterte Katharina. „Wir haben alles unter Kontrolle.“
„Und wenn er sich irgendetwas einfallen lässt? Sie kennen ihn nicht …“
„Solche Leute sehe ich jeden Tag zur Genüge“, erwiderte die Anwältin mit einem knappen Lächeln. „Schauen Sie nur, er ist mit Maximilian Markin gekommen, dem Lieblingsverteidiger wohlhabender Klienten. Aber gegen Tatsachen kommt auch er nicht an.“
Die Richterin, eine Frau mittleren Alters mit müdem Gesicht, trat ein und nahm Platz.
„Wir verhandeln die Vermögensaufteilung der Eheleute Sokolov“, sagte sie und überflog die Akten. „Klägerseite?“
Der Anwalt ihres Mannes erhob sich. „Für meinen Mandanten, Lukas Nikolajewitsch Sokolov, beantragen wir, die Ansprüche der Gegenseite abzuweisen. Sämtliches Vermögen wurde aus seinen privaten Mitteln angeschafft und ist auf seinen Namen eingetragen.“
Anna ballte unter dem Tisch die Hände zu Fäusten. Was für eine Frechheit. Vor ihrem inneren Auge tauchten all die Jahre wieder auf, in denen sie jeden Euro zweimal umgedreht hatte, damit das Haus gebaut werden konnte. Die zusätzlichen Stunden an der Fachhochschule, die sie übernommen hatte, um, wie Lukas damals gesagt hatte, „in ihre gemeinsame Zukunft zu investieren“.
„Wie lautet die Stellungnahme der Beklagtenseite?“, fragte die Richterin.
Katharina stand auf. Ihre Stimme war fest. „Anna Sergejewna ist mit den Ausführungen des Klägers nicht einverstanden. Das Vermögen wurde während der Ehe erworben. Meine Mandantin hat sowohl mit eigenen finanziellen Mitteln als auch durch ihre Arbeit wesentlich dazu beigetragen. Die entsprechenden Nachweise liegen vor.“
Lukas schnaubte verächtlich und beugte sich zu seinem Anwalt, dem er etwas zuflüsterte. Dieser nickte nur.
„Welche Nachweise?“, wollte die Richterin wissen.
Katharina öffnete ihre Mappe. „Quittungen von Lukas Nikolajewitsch über Geldbeträge, die er von seiner Ehefrau für den Hausbau erhalten hat. Rechnungen, aus denen hervorgeht, dass Anna Sergejewna Baumaterialien mit ihrer eigenen Bankkarte bezahlt hat. Kontoauszüge, die größere Barbehebungen während der Bauphase belegen. Außerdem Zeugenaussagen.“
„Das ist doch völliger Unsinn!“, fuhr Lukas auf. „Was sollen das für Quittungen sein? Das ist ewig her, ich erinnere mich an nichts!“
„Ruhe im Saal“, sagte die Richterin scharf. „Sie sprechen erst, wenn Sie dazu aufgefordert werden.“
Katharina reichte die Unterlagen nach vorne. Die Richterin nahm sich Zeit und prüfte jedes Blatt sorgfältig.
„Der Zeuge Tobias Sokolov wird aufgerufen.“
Tobias trat ein. Man sah ihm an, wie angespannt er war.
„Tobias, können Sie bestätigen, dass Ihre Mutter Geld in den Bau des Hauses gesteckt hat?“
„Ja“, sagte er und nickte. „Ich war damals noch klein, aber ich erinnere mich gut. Mama ist ständig mit Geld zur Baustelle gefahren. Sie hat gesagt: ‚Das ist mein Gehalt, das geht für die Materialien drauf.‘“
„Alles gelogen!“, sprang Lukas wieder auf. „Er schützt doch nur seine Mutter!“
„Herr Sokolov“, unterbrach ihn die Richterin eisig, „noch eine Bemerkung, und ich lasse Sie aus dem Saal bringen.“
Danach wurden weitere Zeugen gehört. Die Nachbarin Hannah berichtete, dass Anna für die erste Rate des Hauses einen Kredit aufgenommen hatte. Eine Kollegin von der Fachhochschule erzählte, wie Anna zusätzliche Nachhilfestunden gegeben hatte, „damit endlich die Fliesen fürs Bad bezahlt werden konnten“.
Mit jeder Aussage wurde Lukas’ Gesicht finsterer. Sein Anwalt blätterte immer hektischer in seinen Papieren.
Schließlich erhob sich Katharina erneut. „Ich möchte dem Gericht noch ein weiteres Dokument vorlegen.“ Sie zog ein vergilbtes Blatt hervor. „Es handelt sich um eine Vollmacht, die Anna Sergejewna ihrem Mann erteilt hat, damit er in ihrem Namen Angelegenheiten der Firma erledigen konnte. Dazu kommt ein Kontoauszug, aus dem hervorgeht, dass das Startkapital des Unternehmens von ihrem Sparkonto überwiesen wurde.“
Im Saal wurde es totenstill. Lukas verlor sichtbar die Farbe.
„Woher haben Sie das?“, zischte er.
„Aus dem Bankarchiv“, antwortete Katharina gelassen. „Dort werden solche Daten lange aufbewahrt.“
Das Gericht zog sich zur Beratung zurück. Anna blieb reglos sitzen. Sie wagte kaum zu glauben, dass sich alles tatsächlich so gut entwickelte.
„Werden wir gewinnen?“, fragte sie leise.
Katharina zwinkerte ihr zu. „Wir haben praktisch schon gewonnen. Der Richterin bleibt gar nichts anderes übrig. Das Gesetz steht auf unserer Seite.“
