„Ich habe die Scheidung eingereicht. Das Haus bleibt bei mir, das Geld auch. Du weißt ja selbst: Es läuft alles auf meinen Namen“ sagte er nebenbei, während Anna zitternd dieselben Häferln polierte

Eine feige, zutiefst ungerechte Entscheidung zerreißt das Herz.
Geschichten

Eine halbe Stunde später ist die Richterin wieder in den Saal gekommen und hat das Urteil verlesen:

„Das Gericht erkennt Anna Sokolovas Anspruch auf die Hälfte des während der Ehe erworbenen Vermögens an, einschließlich des Wohnhauses, der Bankguthaben sowie des Anteils am Unternehmen …“

Lukas ist aufgesprungen, als hätte ihn jemand gestochen.

„Das kann doch nicht wahr sein! Ich lege Berufung ein!“

„Das steht Ihnen frei“, erwiderte die Richterin ruhig. „Die Entscheidung bleibt jedoch vorerst wirksam.“

Ein halbes Jahr ist vergangen.

Anna saß in ihrer eigenen Haushälfte in der Küche und knetete Teig für eine Torte. Nach der Vermögensaufteilung war das Haus offiziell in zwei getrennte Wohneinheiten umgewandelt worden, jede mit eigenem Eingang. Anfangs hatte sich das merkwürdig angefühlt, fast unwirklich. Doch mit der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt. Lukas ließ sich ohnehin kaum noch blicken; er wohnte bei Lena.

Ihr Handy gab einen kurzen Ton von sich. Eine neue Bestellung war eingegangen, diesmal aus dem kleinen Café ums Eck. Noch eine Torte für morgen. Anna musste lächeln. Wer hätte je gedacht, dass aus ihrem Backen einmal ein kleines Geschäft werden würde?

Da läutete es an der Tür. Draußen stand Tobias mit einem riesigen Blumenstrauß in den Armen.

„Alles Gute zum Geburtstag, Mama!“

„Ach, Tobias!“ Sie fiel ihm um den Hals. „Danke, mein Schatz!“

„Wie geht’s dir? Ich seh schon, du bist wieder mitten in der Arbeit.“ Er deutete lachend auf ihre bemehlten Hände.

„Ich komm kaum nach mit den Bestellungen! Stell dir vor, die nächsten zwei Wochen sind schon komplett voll.“

„Wahnsinn. Ich bin echt stolz auf dich.“ Tobias setzte sich an den Küchentisch. „Und Papa? Lässt er dich wenigstens in Ruhe?“

Anna rührte die Creme in der Schüssel glatt.

„Letzte Woche ist er herübergekommen. Angeblich hat er sich mit Lena zerstritten.“

„Und was wollte er?“

„Zurückkommen. Kannst du dir das vorstellen?“ Sie schnaubte leise. „Er hat gesagt: ‚Anna, warum haben wir uns eigentlich wie zwei Narren getrennt? Fangen wir noch einmal von vorn an.‘“

„Und du?“

„Ich hab ihm gesagt: ‚Lukas, dafür ist es zu spät. Ich hab gerade erst mich selbst gefunden.‘“

Tobias lachte zufrieden und stibitzte ein Stück vom Teig.

„Mama, wirklich. Ich hätte nie gedacht, dass du so stark wieder auf die Beine kommst.“

„Ich auch nicht“, sagte Anna und schaute zum Fenster hinaus. „Manchmal passiert etwas Schlimmes, und erst viel später begreift man, dass es einen eigentlich gerettet hat.“

Am Abend kamen die Gäste: Kolleginnen von der Fachhochschule, neue Freundinnen aus dem Backclub und die Nachbarin Hannah. Anna hatte im frisch hergerichteten Wohnzimmer den Tisch gedeckt. Nach der Scheidung hatte sie die Wohnung renoviert: helle Tapeten statt der düsteren, neue Möbel, mehr Luft, mehr Licht. Lukas hatte immer schwere Vorhänge und wuchtige Kästen gemocht. Anna hingegen wollte Weite, Helligkeit und Platz zum Atmen.

„Auf unser Geburtstagskind!“ Hannah hob ihr Glas. „Auf unsere Heldin!“

„Ach geh, was für eine Heldin soll ich denn sein …“ Anna wurde rot.

„Aber selbstverständlich bist du eine“, warf Julia von der Fachhochschule ein. „So viele Frauen halten jahrelang aus, weil sie Angst vor Veränderung haben. Du hast es wirklich durchgezogen.“

Als später alle gegangen waren, ließ sich Anna mit einem Häferl Tee auf das Sofa sinken. Da läutete es noch einmal. Vor der Tür stand Lukas, in der Hand eine Schachtel Pralinen.

„Alles Gute“, brummte er.

„Danke.“ Sie trat nicht zur Seite.

„Können wir reden?“

„Worüber?“

„Du fehlst mir, Anna.“

Sie betrachtete ihn aufmerksam. Er sah älter aus, eingefallener. Nur seine Augen waren unverändert geblieben: wachsam, listig, berechnend.

„Und Lena?“

„Aus. Wir sind nicht mehr zusammen. Sie ist … nicht die Richtige.“

„Aber ich bin es?“ Anna lächelte beinahe mitleidig. „Lukas, es ist vorbei. Ich hab jetzt mein eigenes Leben.“

„Was für ein Leben soll das sein? Torten backen?“ Er verzog den Mund.

„Auch Torten, ja. Außerdem hab ich neue Freunde. Ich singe im Chor. Und überhaupt … mir geht es gut.“

„Ohne mich?“

„Stell dir vor“, sagte sie ruhig. „Zweiunddreißig Jahre lang hab ich für dich gelebt. Jetzt möchte ich für mich leben.“

Lukas hielt ihr wortlos die Pralinenschachtel hin. Dann drehte er sich um und ging.

Anna schloss die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und atmete tief aus.

„Ich hab’s geschafft“, flüsterte sie. „Ich hab’s wirklich geschafft.“

Am nächsten Morgen weckte sie das Läuten des Telefons. Eine neue Bestellung: eine Hochzeitstorte für dreißig Personen.

„Wäre sie bis Samstag fertig?“, fragte eine junge Frau am anderen Ende.

„Sie wird fertig“, antwortete Anna ohne Zögern. „Ab jetzt schaffe ich alles.“

Sie öffnete das Fenster. Frühlingssonne strömte ins Zimmer und legte sich warm über die Möbel. So vieles wartete noch auf sie: ein Konditorkurs, eine Reise ans Meer mit ihren Freundinnen – und bald würde sie ihr Enkelkind kennenlernen, das Tobias erwartete.

„Wer hätte das gedacht“, sagte sie lächelnd zum Himmel hinauf, „dass mit fünfundfünfzig das Leben erst richtig anfängt.“

Hedis Stube