„Als Papa?“ — Anna machte einen Schritt auf ihn zu, verletzt und empört

Diese herablassende Überlegenheit ist schmerzhaft und ungerecht.
Geschichten

— Lukas, willst du mir wirklich sagen, dass ich die ganzen Mai-Feiertage allein daheim sitze und die Wand anstarre? — Anna sprach leise und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten, ohne diesen schrillen Unterton, der ihren Mann in letzter Zeit so rasch auf die Palme brachte. Sie stand beim Fenster, doch hinaus schaute sie nicht. Ihr Blick hing an seinem breiten Rücken.

— Anna, fang bitte nicht schon wieder an, — sagte Lukas, ohne sich umzudrehen. Er sortierte weiter Unterlagen in seine Ledermappe. — Marie hat wieder einen Allergieschub. Sie braucht frische Luft, Natur und ihren Vater in der Nähe. Sophie hat ein Haus draußen gemietet. Ich bin einfach dort. Als Papa.

— Als Papa? — Anna machte einen Schritt auf ihn zu. — Und weshalb darf ich dann nicht mitfahren? Ich störe euch ja nicht. Ich kann im Wald spazieren gehen, während ihr Zeit miteinander verbringt. Wir sind doch immerhin … wir sind verheiratet.

Mit einer scharfen Bewegung klappte Lukas die Mappe zu. Das Geräusch war trocken und unangenehm. Erst jetzt drehte er sich zu ihr um. Auf seinem Gesicht lag dieser Ausdruck müder Nachsicht, bei dem sich in Anna jedes Mal innerlich etwas zusammenzog. Er sah sie an wie ein unvernünftiges Kind, das vor dem Essen unbedingt eine Süßigkeit haben will.

— Sophie ist dagegen. Sie meint, deine Anwesenheit könnte das Kind seelisch belasten. Allergie ist psychosomatisch, Anna. Ein bissl Stress reicht, und Marie ist wieder voller Ausschlag. Willst du die Verantwortung für die Gesundheit meiner Tochter übernehmen?

— Nein, natürlich nicht, aber … — Anna verlor den Faden. Die Erpressung war plump, doch sie traf. — Lukas, es sind aber zehn Tage. Ich hab gedacht, wir fahren zu meinen Eltern raus. Opa hat schon gefragt …

— Opa wird es überleben, — schnitt Lukas ihr das Wort ab. — Und zu deiner Mutter fährst du nicht.

— Warum nicht? — fragte sie ehrlich verblüfft.

— Weil ich es so gesagt habe. Ich brauche nicht, dass du dort sitzt und dich von den Klagen deiner Mutter noch mehr hineinsteigerst. Bleib daheim, beschäftige dich mit deinen Herbarien. Ruh dich von allem aus. Wenn die Feiertage vorbei sind, komme ich zurück. Sieh es als mein Geschenk an dich: vollständige Freiheit vom Haushalt.

Er trat zu ihr, drückte ihr ungeschickt einen Kuss auf die Wange — als hätte er auf ein fehlerhaftes Formular den Stempel „genehmigt“ gesetzt — und ging Richtung Vorzimmer. Anna blieb mitten im Wohnzimmer stehen. In der Luft hing noch schwach der Duft seines Rasierwassers, vermischt mit dem Geruch des teuren Leders seiner Schuhe. Lukas arbeitete als Verhandler in einer großen Logistikfirma und kümmerte sich um Lieferungen seltener Holzarten für luxuriöse Yachten. Sein Äußeres war für ihn ein Werkzeug, genauso wichtig wie seine geschliffene Rede.

Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Anna ließ sich auf das Sofa sinken. In ihrem Kopf kreiste immer derselbe Satz: Er ist einfach ein fürsorglicher Vater. Er liebt seine Tochter. Ich muss vernünftig sein. Ich muss das verstehen. Sie redete sich ein, dass nichts Schlimmes passierte, dass ihre Zweifel nur aus kranker Fantasie und Egoismus entstanden. Sophie gehörte schließlich zur Vergangenheit, sie selbst, Anna, war die Gegenwart. Lukas hatte sich für sie entschieden. Er hatte sie geheiratet. Also musste sie nur Geduld haben. Nur abwarten.

Drei Tage vergingen wie in einem klebrigen Nebel. Anna versuchte zu arbeiten. Ihre Werkstatt — eines der Zimmer in der großzügigen Wohnung — war vollgeräumt mit Formen, Gips und getrockneten Pflanzen. Sie fertigte botanische Reliefs an: große, detailreiche Abdrücke lebender Blüten und Gräser, festgehalten in weißem Stein. Diese Arbeit verlangte Genauigkeit, beinahe meditative Ruhe. Doch jetzt gehorchten ihr die Hände nicht. Der Ton wirkte zu hart, der Gips wurde viel zu schnell fest oder rann im Gegenteil als trübe Brühe davon.

Laura, eine Freundin, die auf einen Kaffee vorbeischaute, hörte Annas Bericht mit weit aufgerissenen Augen an.

— Anna, meinst du das jetzt ernst? Er hat dir verboten, zu deiner Mutter zu fahren?

— Er hat gesagt, ich würde mich dort nur hineinsteigern …

— Und daheim sitzt du also und findest deine innere Mitte, oder wie? — Laura tippte sich vielsagend an die Schläfe. — Wach auf, bitte. Der Mann verschwindet für die ganzen Feiertage zu seiner Exfrau, und dich stellt er unter Hausarrest. Marie hat Allergie? Gegen was denn? Gegen deine Existenz?

— Sag das doch nicht so … Sophie ist immerhin die Mutter seines Kindes.

— Sophie ist ein Raubtier, das ihn vor zwei Jahren mit einem einzigen Koffer hinausgeworfen hat, weil sie jemanden gefunden hatte, der ihr vielversprechender vorkam. Und jetzt, wo dieser „Vielversprechende“ weg ist und Lukas beruflich aufgestiegen ist, sich ein Auto gekauft hat und dank dir überhaupt wieder ordentlich ausschaut, fällt ihr plötzlich ein, dass das Kind ja einen Vater hat. Anna, er fährt doch schon seit einem Monat ständig zu ihr, angeblich um Medikamente vorbeizubringen.

Hedis Stube