„Als Papa?“ — Anna machte einen Schritt auf ihn zu, verletzt und empört

Diese herablassende Überlegenheit ist schmerzhaft und ungerecht.
Geschichten

Hast du dir die Belege überhaupt angeschaut? Das war keine Apotheke. Das war ein Juwelier.

Anna hatte die Bankmitteilung auf Lukas’ Tablet gesehen, das er vor ein paar Wochen offen liegen gelassen hatte. Die Summe war nicht klein gewesen, ganz im Gegenteil. Damals hatte Lukas ihr erklärt, das sei eine Anzahlung für die Abwicklung einer Versicherung für eine neue Warenlieferung gewesen.

— Ich will nicht die eifersüchtige Furie spielen, — sagte Anna leise.

— Dann wirst du halt anfangen müssen, die Wirklichkeit zu sehen, — erwiderte Laura hart. — Wenn du das jetzt einfach schluckst, bringt er sie als Nächstes hierher und lässt sie bei euch einziehen. Und dich legt er dann auf die Fußmatte im Vorzimmer.

Nachdem ihre Freundin gegangen war, ist Anna lange durch die Wohnung gegangen. Hin und her, von einem Zimmer ins andere, ohne Ziel. Alles, was sie in den vergangenen Wochen mit Gewalt in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins geschoben hatte, ist plötzlich hervorgebrochen und hat den ganzen Raum eingenommen. Ihr fiel wieder ein, wie Lukas sein Handy immer mit dem Display nach unten hingelegt hatte. Wie gereizt er auf jede harmlose Frage reagiert hatte, wenn sie wissen wollte, wie es mit seiner Tochter gewesen sei. Und wie seine Kleidung gerochen hatte, wenn er zurückkam: nicht nach Kinderpuder oder Medikamenten, sondern nach einem schweren, herben Parfum, das ganz sicher nicht zu einem kranken Kind passte.

In ihrer Brust stieg etwas Dunkles, Schweres auf. Keine grelle Wut, bei der man schreien und Dinge an die Wand werfen will. Es war zäher, kälter. Die Kränkung darüber, dass man sie für dumm hielt. Für bequem. Für gefügig. Für eine Frau, die alles hinnimmt, solange man ihr nur irgendeine Erklärung hinwirft.

Sie nahm das Handy in die Hand. Lukas anzurufen kam ihr nicht in den Sinn. Sie wusste, wo sich das Büro seiner Firma befand. Sie wusste auch, dass er heute angeblich nur eine kurze Besprechung haben sollte, bevor er morgen früh aufs Land fahren wollte. Zumindest hatte er ihr das so erzählt. Tatsächlich aber musste er, wenn Laura recht hatte, schon gestern weggefahren sein, unter dem Vorwand, es müssten dringend Unterlagen vorbereitet werden.

Anna zog sich um. Nicht wie sonst, nicht in die bequeme Jeans und den weichen Pullover, in denen sie stundenlang Ton kneten konnte. Sie nahm ein strenges Kleid aus dem Kasten, eines, das ihre Figur klar betonte und ihr eine Haltung gab, die sie in diesem Moment dringend brauchte. Dann bestellte sie ein Taxi.

Im Büro empfing sie eine junge Sekretärin mit erschrockenen Augen. Auf Annas Frage hin erklärte sie hastig, Herr Lukas sei bereits zu Mittag weggefahren.

— Nach Hause? — fragte Anna ruhig nach.

— Nein … er hat gesagt, er hat einen Termin. Einen wichtigen. Privaten.

Anna kannte Sophies Adresse. Lukas hatte sie nie geheim gehalten, im Gegenteil, er hatte mit seiner Offenheit fast geprahlt. „Ich hab nichts zu verbergen, ich fahr zu meinem Kind“, hatte er jedes Mal gesagt. Die Wohnung lag in einer teuren Wohnanlage am anderen Ende der Stadt. Während das Taxi durch den Verkehr fuhr, ertappte Anna sich bei einem klaren Gedanken: Sie fuhr nicht dorthin, um einen Skandal zu machen. Sie fuhr hin, um die Wahrheit zu sehen. Ganz gleich, wie hässlich sie sein würde.

Die Tür ging nicht sofort auf. In der Stunde, die Anna bis zu dem Neubau gebraucht hatte, war ihre Entschlossenheit nicht schwächer geworden. Sie hatte sich im Gegenteil verhärtet, zu etwas Kaltem und Scharfem. Noch einmal drückte sie auf die Glocke, diesmal länger, unerbittlich.

Drinnen klickte das Schloss. Die Tür wurde aufgerissen. Auf der Schwelle stand Sophie.

Nicht in einem Hausanzug. Nicht mit Schürze, nicht wie eine aufopfernde Mutter, die sich gerade um ein krankes Kind kümmerte. Sie trug einen kurzen seidenen Morgenmantel in dunklem Bordeaux, achtlos über den nackten Körper geworfen. Ihr Haar war zerzaust, ihre Lippen glänzten feucht.

— Oh, — sagte Sophie. In ihrer Stimme lag keine Spur von Verlegenheit. Nur ein leichtes Staunen, vermischt mit unverhohlener Genugtuung. — Anna? Mit Besuch haben wir gar nicht gerechnet. Marie schläft.

— Ich bin nicht wegen Marie hier, — sagte Anna. Ihre Stimme klang dumpf, als käme sie aus einem tiefen Fass.

In genau diesem Augenblick trat Lukas aus dem hinteren Teil des Ganges, aus dem Bad. Um seine Hüften hatte er ein Handtuch geschlungen. Die Haare waren nass, über seiner Brust zog sich ein frischer Kratzer. Mit einem zweiten Handtuch rieb er sich gerade das Gesicht ab und summte irgendetwas Vor-sich-hin.

Als er seine Frau sah, erstarrte er. Das Handtuch sank langsam von seinem Gesicht.

— Anna? — Er blinzelte, als könne er seinen eigenen Augen nicht trauen. — Was machst du denn hier? Ich hab dir doch verboten …

Sophie lehnte sich mit der Schulter an den Türstock und zupfte demonstrativ an ihrem Morgenmantel, sodass er noch ein Stück weiter aufklaffte und ein schlankes Bein freigab.

— Lukas, regel das bitte mit deiner … Ehefrau. Wir waren noch nicht fertig damit, die Behandlung unserer Tochter zu besprechen.

Der Zynismus dieses Satzes war so grenzenlos, dass Anna für einen Moment tatsächlich die Sprache verlor. Sie sah den Mann an, den sie für ihren Halt gehalten hatte. Den Menschen, der sie immer wieder von seiner Anständigkeit überzeugt hatte. Und vor ihr stand nur noch ein fremder, erbärmlicher Kerl, auf frischer Tat ertappt und trotzdem verzweifelt bemüht, den Schein zu wahren.

Lukas fing sich als Erster. Er machte einen Schritt nach vorne und versuchte, bedrohlich zu wirken.

— Hast du mir nachspioniert? Bist du jetzt komplett übergeschnappt? Ich hab dir klar und deutlich gesagt, du sollst daheim bleiben!

Anna schrie nicht. Sie machte keine Szene. Sie stürzte sich nicht auf Sophie und riss ihr nicht an den Haaren. Stattdessen sah sie die beiden lange an, ruhig und genau, als wollte sie sich jede Einzelheit dieses armseligen Schauspiels einprägen: den nassen Boden vor dem Bad, Sophies glänzende Lippen, Lukas’ Handtuch, seinen ertappten Blick.

Und in ihr klickte etwas. Etwas brach ab, sank zu Boden und starb.

Für immer.

Hedis Stube