„Als Papa?“ — Anna machte einen Schritt auf ihn zu, verletzt und empört

Diese herablassende Überlegenheit ist schmerzhaft und ungerecht.
Geschichten

„Die Schlüssel“, sagte sie.

„Was?“ Lukas blinzelte, als hätte er sie nicht verstanden.

„Die Wohnungsschlüssel. Sofort.“

„Spinnst du jetzt völlig? Fahr heim, wir reden später darüber“, murmelte er und griff nach ihrem Ellbogen.

Anna riss den Arm weg, als hätte er sie verbrannt.

„Ich habe gesagt: Gib mir die Schlüssel zurück. Wenn nicht, rufe ich die Polizei und melde, dass sich Fremde in meiner Wohnung aufhalten. Du bist dort nicht einmal gemeldet.“

Lukas schnaubte wütend, stapfte zu Sophies Vorzimmerkästchen, wo seine kleine Ledertasche lag, wühlte darin herum, zog den Schlüsselbund heraus und schleuderte ihn Anna vor die Füße.

„Da. Verschluck dich dran, du hysterische Ziege.“

Anna bückte sich wortlos, hob die Schlüssel auf, drehte sich um und drückte den Knopf für den Lift. Hinter ihrem Rücken hörte sie Sophies gereiztes Zischen und Lukas’ hastige, rechtfertigende Stimme.

Daheim funktionierte sie wie eine Maschine. Präzise, rasch, ohne eine Bewegung zu viel. Vom Hängeboden holte sie die großen karierten Übersiedlungstaschen herunter, die man sonst nur dann auspackte, wenn ein Leben von einem Ort zum anderen geschafft werden musste. Dann öffnete sie Lukas’ Kasten.

Anzüge, Hemden, Jeans — alles flog ohne Sortieren in die Taschen. Seine teuren Schuhe. Die ganze Krawattensammlung. Auch die Espressomaschine, die er sich eigens gekauft hatte und die niemand außer ihm berühren durfte.

Die Wohnung gehörte Annas Großvater, einem in der Stadt bekannten Architekten. Mittlerweile war der alte Mann gebrechlich und lebte bei Annas Mutter außerhalb der Stadt, wo er gut betreut wurde. Lukas hatte sich hier trotzdem immer wie der Hausherr aufgeführt. Er hatte die Wohnung nach seinem Geschmack renovieren lassen, die alten Möbel hinausgeworfen und irgendwann begonnen, diesen Ort für seine eigene Burg zu halten.

Zwei Stunden später läutete es an der Tür. Mit seinem Schlüssel konnte Lukas nicht mehr aufsperren — den hatte er ja nicht mehr. Also hämmerte er mit der Faust gegen das Holz.

Anna öffnete.

Er stand draußen, inzwischen angezogen, aber noch immer zerzaust. In seinem Gesicht mischten sich Angriffslust und ehrliches Unverständnis, als begreife er tatsächlich nicht, was hier geschah.

„Was war das bitte für eine Nummer dort?“ brüllte er und schob sich über die Schwelle. „Vor Sophie hast du mich lächerlich gemacht! Ist dir überhaupt klar, was du angerichtet hast?“

Mitten im Satz verstummte er. Sein Blick war auf den Berg an Taschen im Vorzimmer gefallen.

„Was soll das sein?“

„Deine Sachen, Lukas. Alles. Nimm sie mit.“

„Du schmeißt mich raus?“ Er lachte auf, kurz, hart, nervös. „Wegen einer kleinen Affäre? Anna, stell dich nicht so dumm an. Ja, es ist passiert. Na und? Ich hab halt einen Ausrutscher gehabt. Männer sind so, verstehst du? Sophie weiß eben, wie man… na ja, du hast es ja selbst gesehen. Aber leben tu ich mit dir. Dich schätze ich für die Ruhe, für das Zuhause, für die Ordnung. Das andere war bloß Druckablassen.“

„Druckablassen?“ Anna wiederholte das Wort so leise, dass es beinahe gefährlicher klang als ein Schrei. „Du hast mir verboten, meine Mutter zu besuchen. Du hast mich über die Feiertage hier festgehalten. Du hast mich wegen Maries angeblicher Krankheit angelogen. Du hast mit deiner Exfrau geschlafen. Und das nennst du Druckablassen?“

Lukas ging ins Zimmer und stieß dabei mit dem Fuß gegen eine der Taschen.

„Jetzt mach kein Theater. Die Wohnung gehört vielleicht deinem Großvater, aber die Renovierung habe ich bezahlt. Ich habe hier Geld hineingesteckt! Wenn du willst, dass ich gehe, schuldest du mir die Hälfte. Und überhaupt: Wer braucht dich denn schon? Eine Frau, die vertrocknete Blätter sammelt? Ohne mich wärst du mit deinem Kräuterzeug längst verhungert. Du bist fad, Anna. Blass. Sophie ist Feuer. Du bist Sumpf. Ich habe das ausgehalten, weil es bequem war. Und jetzt glaubst du, du kannst plötzlich Charakter zeigen?“

Er entschuldigte sich nicht. Nicht einmal ansatzweise. Er klagte sie an. In seiner Stimme lag diese unerschütterliche Überzeugung, im Recht zu sein, und zugleich die Gewissheit, dass ihm ohnehin nichts passieren würde. Seine Dreistigkeit war grenzenlos.

„Geh“, sagte Anna. „Geh einfach.“

„Ich gehe ja.“ Lukas packte zwei Taschen an den Griffen. „Du wirst mich schon anrufen, wenn du kapierst, dass du allein in dieser Welt nicht zurechtkommst. Aber ob ich dich dann zurücknehme, überlege ich mir noch.“

Er schleppte eine Tasche nach der anderen hinaus ins Stiegenhaus. Anna blieb stehen und hörte, wie der Lift summte und ihn nach unten brachte. Danach schob sie den Riegel vor.

Tränen kamen keine.

Da war nur Leere. Und irgendwo ganz tief darunter ein seltsames, hell klingendes Gefühl von Befreiung.

Der Morgen des ersten Mai war sonnig. Anna wachte nicht vom Wecker auf, sondern von einem grellen Lichtstreifen, der ihr direkt ins Gesicht fiel. Sie hatte geschlafen. Wirklich geschlafen. In der Wohnung war es still, doch diese Stille machte ihr keine Angst. Sie war sauber.

Anna beschloss: Der Feiertag fand statt. Niemand würde ihr den Frühling stehlen.

Sie holte Mehl, Eier und Schlagobers hervor und knetete den Teig für ihre Lieblingstorte, einen Honigkuchen, den Lukas immer verächtlich als „bäuerliche Patzerei“ bezeichnet hatte, weil er gekaufte Topfenkuchen lieber mochte. Bald füllte sich die ganze Wohnung mit einem dichten, warmen Duft nach Honig und frischem Gebäck. Aus dem Kasten nahm sie eine Vase, stellte blühende Apfelzweige hinein — dieselben Zweige, die sie schon vorgestern mitgebracht, aber am Balkon versteckt hatte, damit ihr Mann sich nicht über „den Mist“ aufregte.

Dann drehte sie Musik auf. Alten Jazz, wie ihn ihr Großvater geliebt hatte.

Gegen zwei Uhr am Nachmittag läutete es an der Tür. Hartnäckig. Fordernd.

Anna ging zum Türspion.

Lukas. Er stand allein draußen, ohne eine einzige Tasche.

Hedis Stube