„Als Papa?“ — Anna machte einen Schritt auf ihn zu, verletzt und empört

Diese herablassende Überlegenheit ist schmerzhaft und ungerecht.
Geschichten

Anna machte die Tür nur einen Spaltbreit auf; die Sicherheitskette ließ sie eingehängt.

„Was willst du?“

Lukas sah nicht bloß zerknittert aus. Er wirkte erbärmlich.

„Anna, mach auf. Wir müssen reden.“

„Wir haben gestern alles gesagt, was zu sagen war.“

„Gar nichts haben wir gesagt!“, fuhr er auf. „Sophie … die ist eine eiskalte Ziege. Der ist es die ganze Zeit nur ums Geld gegangen. Kaum hat sie gemerkt, dass ich mit meinen Sachen gekommen bin und du mich hinausgeworfen hast, hat sie einen Aufstand gemacht. Sie hat gemeint, sie braucht keinen Mann, der Probleme mitbringt. Kannst du dir das vorstellen?“

„Ja“, sagte Anna ruhig. „Sogar sehr gut.“

„Anna, bitte. Verzeih einem Trottel. Ich war narrisch. Ich hab einen Fehler gemacht, na und? Passiert doch jedem einmal. Ich liebe dich ja. Ich bin doch zurückgekommen. Vergessen wir das alles, ja? Ich kauf dir eine Torte. Oder nein, du bäckst ja eh was … riecht herrlich. Ich hab einen Mordshunger. Lass mich heim. Das ist schließlich auch meine Wohnung.“

Er presste die Schulter gegen die Tür, als wäre es nur eine Frage von Sekunden, bis ihr Widerstand nachgab. So kannte er es. Anna hatte immer nachgegeben. Ihre Güte hatte er für Schwäche gehalten.

Doch er war nicht zurückgekehrt, weil ihm plötzlich sein Fehler bewusst geworden war. Er stand nur deshalb wieder vor ihrer Tür, weil man ihn dort, wo er hinwollte, hinauskomplimentiert hatte. Er kam, um sich satt zu essen, auszuschlafen und weiter von dem zu nehmen, was er längst als sein Eigentum betrachtete.

„Nein, Lukas“, sagte sie. „Das ist nicht deine Wohnung. Und sie ist es nie gewesen.“

Sie sah sofort, wie sich sein Gesicht veränderte. Das Flehende verschwand. Zurück blieb blanke Wut.

„Du elendes Stück! Mach auf, hab ich gesagt! Sonst tret ich die Tür ein! Ich werd dir schon zeigen, was Feiertage sind!“

Mit aller Kraft warf er sich gegen das Türblatt und riss an der Kette. Anna wich erschrocken zurück, aber der Zorn gab ihr eine Kraft, die sie an sich selbst nicht kannte. Eine ungeheure, heiße, klare Kraft. Sie hängte die Kette aus. Lukas, der spürte, dass das Hindernis weg war, stürzte bereits mit dem ganzen Oberkörper nach vorne, bereit, in die Wohnung zu drängen.

In genau diesem Augenblick stemmte Anna die Füße fest auf den Boden. Sie nahm ihr ganzes Gewicht, all die Jahre der Kränkung, die Demütigungen, den Ekel und die aufgestaute Wut zusammen — und schlug die schwere Eichentür mit voller Wucht zu.

Der Aufprall war entsetzlich. Das massive Holz traf Lukas mitten ins Gesicht, gerade als er den Kopf schon halb durch den Spalt geschoben hatte. Ein dumpfes Krachen war zu hören, ein Geräusch wie brechender Knochen.

Dann schrie er. Ein Schrei, in dem Schmerz und blankes Entsetzen lagen.

Anna drehte ohne Zittern beide Schlösser zu.

Draußen heulte jemand, fluchte, stolperte. Irgendwo im Stiegenhaus hasteten Nachbarn davon, Türen wurden hastig geschlossen.

Sie aber ging in die Küche zurück. Sie nahm die Böden aus dem Rohr, ließ sie kurz ausdampfen, bestrich sie sorgfältig mit Creme und setzte sie aufeinander. Oben verteilte sie frische Beeren, eine nach der anderen, als hätte sie alle Zeit der Welt. Dann schenkte sie sich Tee ein.

Was sich draußen im Gang abspielte, war ihr vollkommen gleichgültig.

Erst gegen Abend tauchte Lukas bei seiner Mutter auf. Die Nase war gebrochen und schief zur Seite gedrückt, ein Auge völlig zugeschwollen, über der Braue klaffte eine tiefe, dunkelrote Furche. Sein Anblick war erschreckend.

Seine Mutter, eine strenge, aber gerechte Frau, stand bereits an der Tür. Eine Stunde zuvor hatte sie mit Anna telefoniert. Sie wusste alles. Von Sophie. Von den Lügen. Davon, dass er Anna hatte verbieten wollen, zu ihrer Familie zu fahren.

„Mama … ich brauch Eis … und irgendwas gegen die Schmerzen … diese Wahnsinnige hat mich fast umgebracht …“, nuschelte Lukas durch die aufgeplatzten Lippen.

Seine Mutter machte keinen Schritt zur Seite.

„Du hast dich selber zugrunde gerichtet, Lukaserl“, sagte sie kalt. „Sophie hast du das Leben schwer gemacht, als du sie mit dem Kind sitzen gelassen hast. Anna hast du jetzt auch genug angetan. Der liebe Gott zeichnet die Schurken. Schau dich doch an.“

„Mama, spinnst du? Ich hab morgen Verhandlungen mit den Japanern! Das ist der Auftrag des Jahres! Ich muss irgendwie wieder halbwegs ausschauen!“

„Morgen wirst du keine Verhandlungen führen“, erwiderte sie. „Mit dem Gesicht lässt dich nicht einmal der Sicherheitsdienst hinein. Und wenn deine Vorgesetzten erfahren, dass du dich wegen deiner Weibergeschichten in eine Rauferei verwickelt hast … Ich nehme an, deine Karriere hast du heute selber beendet.“

„Aber ich hab doch nirgends hin!“

„Dann geh ins Kloster, mein Sohn. Büß deine Sünden. Vielleicht richtest du dann wenigstens bei niemandem mehr Schaden an.“

Sie schloss ihm die Tür vor der Nase. Leise und ordentlich, ohne zu knallen.

Lukas blieb im dunklen Stiegenhaus stehen. Der Schmerz in seinem Gesicht pochte im Takt seines Herzens. Er konnte es nicht begreifen. Das durfte nicht wahr sein. Er, erfolgreich, attraktiv, gescheit — stand mit zerschlagenem Gesicht da, abgewiesen von allen, die er bisher als seine sicheren Rückzugsorte betrachtet hatte. Morgen wartete vermutlich die Kündigung auf ihn, vielleicht eine demütigende Degradierung. Die Frau, die er für ein willenloses Nichts gehalten hatte, hatte ihm die Nase gebrochen. Die Geliebte hatte ihn hinausgeworfen wie einen lästigen Hund. Seine Mutter hatte ihm die Tür zugemacht.

Die Welt, die er so geschickt auf Lügen, Bequemlichkeit und der Ausnützung anderer aufgebaut hatte, war mit einem einzigen Türschlag eingestürzt.

Anna saß unterdessen in ihrer Küche, trank Tee und aß ein Stück von der Torte. Durch das Fenster fielen helle Sonnenflecken auf den weißen Gips ihrer neuen Arbeit. Aus dem hellen Stein entfaltete sich eine Farnblüte — ein Zeichen für neues Leben und für jene kleinen Wunder, die geschehen, wenn man an sie glaubt und sich nicht länger verletzen lässt.

Hedis Stube