Stattdessen hatte er ihre Wohnung an fremde Leute weitervermietet, dafür Geld kassiert und es irgendwo versenkt, wovon sie nicht einmal ahnen wollte.
„Wofür ist das Geld draufgegangen?“, fragte sie.
„Wir haben es gebraucht … ich hab Schulden zurückgezahlt.“
„Welche Schulden?“
„Anna, bitte, nicht am Telefon. Lass uns treffen, dann erklär ich dir alles.“
„Nein“, sagte sie hart. „Du erklärst es mir jetzt.“
Michael schwieg einen Moment. Dann hörte sie, wie sein Atem schwerer wurde, wie er nach Worten suchte, sich verhaspelte, wieder neu ansetzte. Und in diesem Augenblick wusste Anna: Er log. Oder er sagte nur die Hälfte. Vielleicht wollte er auch bloss nicht aussprechen, wofür er das Geld wirklich ausgegeben hatte.
„Du hast drei Tage“, sagte sie schliesslich. „Hol deine Sachen ab. Und danke, dass du wenigstens meine persönlichen Unterlagen und den Schmuck nicht angerührt hast. Die Wohnungsschlüssel wirfst du in den Briefkasten.“
„Du schmeisst mich raus?“ In seiner Stimme lag echtes Erstaunen. Kein gespieltes. Er klang, als hätte er tatsächlich nicht damit gerechnet, dass sein Tun Folgen haben könnte.
„Ja“, antwortete Anna. „Genau das tu ich.“
Sie beendete das Gespräch, stand vom Bett auf und begann zu packen. Nicht ihre eigenen Sachen. Seine.
Zwei Tage später war die Wohnung wieder leer. Die Leute, die dort gewohnt hatten, waren ausgezogen. Lukas hatte ein Zimmer in einem Studentenheim am Stadtrand gefunden, Barbara war mit Felix vorerst ebenfalls dorthin gegangen, bis sie etwas Billigeres auftreiben konnte. Anna gab ihnen sogar fünfzig Euro für den Weg mit. Nicht aus Mitleid. Eher, weil sie nicht als Unmensch dastehen wollte – nicht einmal vor sich selbst.
Michael kam in der Nacht, ohne anzurufen, ohne sich anzukündigen, und nahm seine Sachen mit. Am nächsten Morgen fand Anna die Schlüssel im Briefkasten. Daneben lag ein kurzer Zettel: „Du tust mir unrecht. Ich wollte nur das Beste. Du weisst meine Mühe nicht zu schätzen.“
Sie las die Zeilen zweimal. Dann zerriss sie den Zettel in kleine Stücke und warf ihn in den Müll. Er wollte nur das Beste. Seine Mühe. Er redete sich offenbar ein, seine Frau zu hintergehen und ihre Wohnung ohne ihr Wissen zu vermieten, sei eine Art Fürsorge gewesen. Anna war nicht einmal mehr überrascht. In acht Jahren hatte sie gelernt, dass Michael Schuld nicht eingestehen konnte. Er fand immer Gründe, Ausreden, Umstände – und am Ende trug grundsätzlich jemand anderer die Verantwortung.
Doch jetzt spielte das keine Rolle mehr.
Eine Woche später reichte Anna die Scheidung ein. Den Antrag gab sie beim zuständigen Bezirksgericht ab, dazu legte sie Kopien der Wohnungsunterlagen, die in ihrem Schlafzimmer gefundenen Mietvereinbarungen und Screenshots jener Nachrichten, in denen Michael zugab, die Wohnung ohne ihre Zustimmung vermietet zu haben.
Die Anwältin meinte, die Sache werde sich nicht lange ziehen. Gemeinsame Kinder gab es nicht, und ausser der Wohnung war kaum etwas vorhanden, das man hätte aufteilen können. Das Auto lief ebenfalls auf Anna – samt Kredit, den sie allein bediente.
„Er könnte trotzdem versuchen, etwas anzufechten“, warnte Katharina. „Vielleicht verlangt er eine Aufteilung dessen, was während der Ehe angeschafft wurde. Aber viel gemeinsames Vermögen sehe ich bei Ihnen nicht.“
„Dann soll er es versuchen“, sagte Anna. „Mir ist es gleich.“
Wütend war sie da schon nicht mehr. Die Wut hatte sich nach drei Tagen verflüchtigt und einer seltsamen, ungewohnten Leere Platz gemacht. Acht Jahre waren nicht wenig. Acht Jahre bedeuteten Gewohnheiten, Rituale, gemeinsame Scherze, Erinnerungen an Reisen, an Abende auf dem Sofa, an vertraute Kleinigkeiten. Selbst wenn sich ein Mensch am Ende als jemand entpuppte, der er nie gewesen war, konnte man ihn nicht einfach aus dem Gedächtnis streichen.
Aber im eigenen Leben behalten musste man ihn deshalb noch lange nicht.
Anna liess in der ganzen Wohnung neue Schlösser einbauen, bestellte eine Alarmanlage und montierte im Vorzimmer eine Kamera. Wenn sie nun auf Dienstreise fuhr, öffnete sie am Handy die App und sah mit eigenen Augen, dass niemand in ihrer Wohnung war.
Auch um die Blumen kümmerte sie sich inzwischen selbst. Vor jeder Abreise stellte sie die Töpfe in eine Wanne mit Wasser. Die Geräte kontrollierte sie über das Smart-Home-System. Sogar den Mist brachte sie wieder eigenhändig hinunter. Es stellte sich heraus: So schwierig war das alles gar nicht.
Etwa einen Monat nach der Scheidung läutete ihr Telefon. Eine unbekannte Nummer. Hätte sie gewusst, wer dran war, hätte sie nicht abgehoben.
„Anna, servus“, sagte Michael. Seine Stimme klang schuldbewusst und zugleich unverschämt vertraulich. „Wie geht’s dir?“
„Was willst du?“, fragte sie, ohne zurückzugrüssen.
„Ich wollte nur … ich hab dich vermisst. Vielleicht könnten wir uns sehen?“
„Wozu?“
Am anderen Ende blieb es kurz still. Anna hörte, wie er sich wand, wie er die passenden Worte zusammensuchte.
„Ich möchte mich entschuldigen“, sagte er schliesslich. „Ehrlich. Ich hab Mist gebaut. Ich hab das jetzt verstanden. Vielleicht gibst du mir noch eine Chance?“
„Hast du verstanden, dass du meine Wohnung hinter meinem Rücken vermietet hast? Oder hast du bloss verstanden, dass ich dich hinausgeworfen habe?“
„Na ja … beides irgendwie.“
„Nein“, sagte Anna ruhig. „Du hast gar nichts verstanden. Wenn du es verstanden hättest, würdest du mich nicht um ein Treffen bitten. Dann würdest du mich einfach in Ruhe lassen.“
Sie legte auf und setzte die Nummer sofort auf die Sperrliste.
Am selben Abend sass sie in der Küche, trank Tee mit Ingwer und blickte aus dem Fenster auf den kleinen, stillen Hof. Dort standen alte Linden. Noch waren ihre Äste kahl, doch bald würde der Frühling kommen, und dann würden sie wieder blühen.
Anna dachte darüber nach, wie es weitergehen würde. Arbeit, Wohnung, Freundinnen, Reisen – all das war geblieben. Nur der Mensch, der eigentlich an ihrer Seite hätte stehen sollen, hatte sich als zufälliger Wegbegleiter erwiesen. Tat das weh? Ja. War es bitter? Auch das. Aber es brachte sie nicht um.
Plötzlich fiel ihr die Grossmutter ein, von der sie diese Wohnung geerbt hatte. Sie hatte oft gesagt: „Besitz ist nicht das Wichtigste, Anna. Wichtig ist, dass ein Zuhause wirklich deins ist. Nicht nur am Papier, sondern im Herzen. Sobald fremde Leute darin sind, ist es kein Zuhause mehr.“
Damals hatte Anna diesen Satz nicht begriffen. Jetzt verstand sie ihn.
Sie trank den Tee aus, wusch ihr Häferl ab und ging ins Schlafzimmer. Auf dem Nachtkästchen lag ein Stapel neuer Unterlagen. Die Scheidung war bereits eingereicht, der Termin bei Gericht stand bevor. Anna öffnete die Mappe, las die letzte Seite noch einmal durch und legte alles wieder zurück.
Es wird gut werden, dachte sie. Nicht sofort, aber irgendwann. Und Michael … Michael würde in der Vergangenheit bleiben. Genau dort, wo er hingehörte.
Die Schlüssel zu dieser Wohnung brauchte niemand mehr. Nur sie.
