Anna hat gerade den Laptop zugeklappt. Wieder ein Projekt erledigt, endlich konnte sie einmal durchatmen. Sie streckte sich, dachte an ein Häferl Tee und an ein paar Minuten Ruhe, da flog die Tür mit einem Ruck auf. Im Türrahmen stand ihr Mann, das Gesicht verkrampft, in den Händen eine dicke blaue Mappe.
— Das hat mir meine Mama für dich mitgegeben, sagte er und hielt sie ihr hin, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Anna nahm die Mappe langsam entgegen. Sie verstand nicht gleich, was das sollte. Als sie sie aufschlug, sah sie sauber ausgedruckte Blätter mit Tabellen. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Für die ganze kommende Woche. Rezepte, Einkaufslisten, sogar genaue Uhrzeiten, wann serviert werden sollte.
— Was soll das sein? fragte sie, leiser, als sie eigentlich gewollt hatte.
— Mama hat einen Speiseplan gemacht. Ab jetzt kochst du danach.

Er sagte es völlig ruhig, als würde er über das Wetter reden. Anna spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.
— Meinst du das ernst? Sie zwang sich, ruhig zu bleiben. — Ich arbeite. Wir haben keine Haushaltshilfe. Und selbst wenn wir eine hätten, deine Mutter hat kein Recht, mir…
— Sie will nur, dass ich mich vernünftig ernähre, fiel er ihr ins Wort. — Du weißt doch, ich hab Gastritis.
Anna drückte die Mappe so fest zusammen, dass das Papier darin knitterte.
— Du hast Gastritis, weil du im Büro ständig Fast Food in dich hineinstopfst. Nicht, weil ich schlecht koche.
— Mach’s nicht komplizierter, als es ist, sagte er und winkte ab. — Tu einfach, was da steht.
Dann drehte er sich um und verschwand im Zimmer. Anna blieb mit der blauen Mappe in den Händen in der Küche stehen. Nach ein paar Sekunden setzte sie sich langsam auf einen Stuhl. In ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: „Sie kommandiert sogar hier, in meiner eigenen Küche.“
Zehn Minuten später wählte sie die Nummer ihrer Freundin.
— Stell dir vor, mir ist gerade eine Gebrauchsanweisung überreicht worden, wie ich meinen Mann zu füttern habe, sagte Anna, und ihre Stimme zitterte.
— Um Gottes willen, kam es lachend aus dem Telefon. — Hast du einen Fünfjährigen geheiratet?
— Schlimmer. Einen Muttersöhnchen.
Anna warf die Mappe auf den Tisch. In ihr brodelte alles. Aber das Schlimmste war nicht einmal diese Mappe. Das Schlimmste war, dass sie genau wusste: Das war erst der Anfang.
Eine Woche war seit dem „Mappen-Vorfall“ vergangen. Anna hatte dieses blaue Ungetüm kein einziges Mal wieder aufgeschlagen. Sie hatte es ganz hinten in einem Küchenkasten verschwinden lassen. Gekocht hat sie wie immer: schnell, schlicht, ohne viel Aufwand, irgendwo zwischen Arbeit, Wäsche und dem restlichen Haushalt.
Am Samstag in der Früh saßen sie und ihr Mann noch verschlafen beim Kaffee, als es plötzlich schrill an der Tür läutete.
— Wer kommt denn um die Zeit? murmelte ihr Mann und ging öffnen.
Anna hörte eine vertraute Stimme und erstarrte.
— Grüß dich, mein Bub! Ich war grad in der Nähe und hab mir gedacht, ich schau einmal vorbei!
Die Schwiegermutter, Barbara, zog im Vorzimmer bereits ihre Stiefel aus. In der Hand hielt sie eine riesige Tasche, offenbar randvoll mit schweren Gläsern.
— Annalein, warum hast du denn keine Schürze an? fragte sie als Erstes, kaum dass sie die Küche betreten hatte.
Anna merkte, wie sich ihre Hände zu Fäusten ballten.
— Guten Morgen, Barbara. Wir haben nicht mit Ihnen gerechnet…
— Genau deshalb hab ich ja nichts gesagt, erwiderte die Schwiegermutter mit einem Lächeln. — Eine Überraschungskontrolle ist immer die ehrlichste.
Sie ging direkt zum Küchentisch und stellte die Tasche mit einem dumpfen Knall ab.
— Ich hab euch Eingemachtes mitgebracht. Obwohl… Sie ließ den Blick durch die Küche wandern. — Wenn man sich hier so umsieht, habt ihr für Vorräte wahrscheinlich eh keinen Kopf.
Anna sah sich um. Das Becken war sauber, der Herd abgewischt, auf dem Tisch stand nur ein einziges Häferl.
— Bei uns ist alles in Ordnung, Mama, mischte sich ihr Mann ein.
— Wirklich? Barbara trat zum Kasten, fuhr mit dem Finger über das oberste Brett und hielt ihm anschließend die staubige Fingerspitze hin. — Das nennst du in Ordnung?
Anna stand abrupt auf.
— Barbara, wenn Ihnen meine Haushaltsführung nicht passt, rufe ich Ihnen gern eine Reinigungsfirma. Auf Ihre Kosten.
Für einen Moment wurde es in der Küche mucksmäuschenstill. Ihr Mann hustete verlegen. Barbara lief rot an.
— Hörst du, mein Bub, wie deine Frau mit deiner Mutter redet?
— Anna… begann ihr Mann.
— Nein, jetzt hörst du mir einmal zu, unterbrach sie ihn. — Ich arbeite genauso viel wie du, ich zahle die Hälfte vom Kredit für die Wohnung, und dann kommt man hier herein und führt eine Inspektion durch?
Barbara lächelte plötzlich wieder, diesmal schmal und überlegen.
— Meine Liebe, zu meiner Zeit haben Ehefrauen ein Zuhause sauber gehalten und ein ordentliches Mittagessen mit drei Gängen auf den Tisch gebracht.
— Zu Ihrer Zeit, Barbara, haben diese Ehefrauen aber nicht den Wohnungskredit mitbezahlt und auch nicht zehn Stunden am Tag gearbeitet, antwortete Anna kühl.
Ihr Mann sprang auf.
— Jetzt reicht’s! Mama ist zu Besuch gekommen, und ihr macht ein Theater daraus. Anna, entschuldige dich.
Anna schaute ihn an. Dann sah sie zu Barbara, die bereits die mitgebrachte Rote-Rüben-Suppe in Teller schöpfte, als wäre überhaupt nichts geschehen.
— Gut, sagte Anna leise. — Entschuldigen Sie, Barbara. Ich geh dann einmal aufräumen.
Sie verließ die Küche. Ihre Hände bebten. Im Schlafzimmer schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Aus der Küche drangen Lachen und das Klirren von Löffeln.
In ihrer Tasche vibrierte das Handy. Eine Nachricht von ihrer Freundin:
„Na, wie ist dein freier Tag?“
Anna tippte langsam zurück:
„Man hat mir gerade erklärt, dass ich eine schlechte Ehefrau bin. Und deiner?“
Sie wusste: Auch das war erst der Anfang. Aber die nächste „Kontrolle“ würde sie nicht mehr einfach über sich ergehen lassen.
Zwei Wochen lang blieb es erstaunlich ruhig. Anna begann beinahe zu glauben, die Sache mit der Mappe und Barbaras unangemeldetem Besuch sei ausgestanden. Bis an einem Mittwochabend das Handy ihres Mannes klingelte. Er ging auf den Balkon hinaus, um zu telefonieren, doch durch die dünne Scheibe hörte Anna einzelne Satzfetzen.
— Ja, Mama, ich überweise es… Nein, sie wird nichts dagegen haben… Natürlich versteh ich das…
Als er zurückkam, war sein Gesicht angespannt.
— Was ist passiert? fragte Anna und legte das Buch zur Seite.
