„Ab jetzt kochst du danach“ sagte er ruhig, während Anna die blaue Mappe fassungslos entgegennahm

So ein herablassendes Diktat ist absolut unverschämt.
Geschichten

— Nichts Besonderes, sagte Lukas zu schnell. — Mama braucht ein bissl Geld für die Balkonsanierung.

Anna blieb ganz still.

— Was heißt „ein bissl“?

— Nur siebenhundert Euro.

Sie stellte ihr Häferl so heftig auf den Tisch, dass der Tee über den Rand schwappte.

— Siebenhundert? Woher sollen wir das bitte nehmen?

Lukas schaute an ihr vorbei.

— Wir haben doch Erspartes.

— Das war für unseren Urlaub gedacht. Und für den neuen Kühlschrank, weil der alte jeden Tag lauter röchelt.

— Mama zahlt es bis zum Sommer zurück, murmelte er und machte eine wegwerfende Handbewegung. — Ich hab’s schon überwiesen.

Anna sprang auf.

— Du hast was? Ohne mit mir zu reden? Lukas, das ist unser gemeinsames Geld!

— Jetzt schrei nicht gleich. Es ist meine Mutter. Soll ich ihr etwa nein sagen?

In genau diesem Augenblick läutete Annas Handy. Eine unbekannte Nummer leuchtete auf.

— Ja?

— Annalein, hier ist die Tante Claudia, säuselte eine übertrieben freundliche Stimme. — Ich hätt da eine ganz kleine Bitte an dich …

Anna umklammerte das Telefon fester.

— Was für eine Bitte?

— Bei meiner Juchka haben sie was gefunden … na ja, so eine böse Sache halt. Sie muss operiert werden. Tausend Euro. Du wirst der Verwandtschaft doch nicht die Tür vor der Nase zuschlagen, oder?

Langsam sank Anna wieder auf den Sessel.

— Tante Claudia, wir haben dieses Geld nicht.

— Wie, ihr habt es nicht? Die Stimme wurde augenblicklich scharf. — Ihr habt eine Wohnung auf Kredit, ein neues Auto steht auch vor der Tür. Ist ein Hund für dich kein Lebewesen?

— Ich …

— Schon gut, wir reden persönlich weiter! fauchte Claudia und legte auf.

Anna starrte Lukas an. Er saß da und tippte auf seinem Handy herum, als ginge ihn das alles nichts an.

— Hast du das gehört?

— Na ja, hilf ihr halt, sagte er. — Sie gehört doch zur Familie.

— Und woher soll ich tausend Euro nehmen? Soll ich rund um die Uhr hackeln gehen?

— Du könntest einen Kredit aufnehmen, murmelte er. — Ich hab meiner Mama ja auch geholfen.

Da begriff Anna etwas. Ohne nachzudenken riss sie ihm das Handy aus der Hand. In der Überweisungsliste standen regelmäßige Beträge an Barbara: 150 Euro, 200 Euro, 300 Euro. Monat für Monat. Seit einem halben Jahr.

— Du … du hast die ganze Zeit … Ihre Stimme brach ab.

— Das ist meine Mutter! Lukas schnappte sich das Handy zurück. — Sie hat mich großgezogen!

— Und ich? Was bin ich für dich? Eine Melkkuh?

Da klingelte es an der Wohnungstür. Vor der Tür stand Barbara mit einem riesigen Sackerl in der Hand.

— Ich hab euch ein paar Schmankerl mitgebracht! rief sie gut gelaunt, doch als sie ihre Gesichter sah, zog sie die Stirn kraus. — Ist irgendwas passiert?

— Nein, Mama, alles gut, sagte Lukas hastig. — Komm rein.

— Frau Barbara, Anna stellte sich zwischen die beiden. — Ihr Sohn hat Ihnen gerade unser Urlaubsgeld überwiesen. Und jetzt verlangt Tante Claudia tausend Euro für eine Hundeoperation.

Barbara verdrehte die Augen.

— Und? Claudia ist Familie. Oder bist du so geizig? Mein Sohn hat eine Frau verdient, die seine Angehörigen respektiert.

Plötzlich lachte Anna auf. Es war kein fröhliches Lachen, sondern ein dünnes, nervöses Geräusch.

— Jetzt verstehe ich. Ich bin hier offenbar nur die Fremde. Das ist euer privater Familienverein für gegenseitige Hilfe. Nur wird er komischerweise von meinem Geld finanziert.

Sie drehte sich um, nahm ihre Tasche und den Schlüsselbund.

— Wohin gehst du? fragte Lukas erschrocken.

— Zur Bank. Einen Kredit für Juchkas Operation aufnehmen. Wenn ich schon die offizielle Sponsorin eurer Familie bin, dann machen wir es wenigstens ordentlich.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Im Lift merkte Anna erst, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Sie zog das Handy heraus und schrieb ihrer Freundin: „Ich glaub, ich hab nicht einen Mann geheiratet. Sondern seine ganze Familie.“

Noch wusste sie nicht, dass damit erst alles angefangen hatte. Eine Stunde später stellte Claudia ein Foto in den Familienchat: Sie stand in einem neuen Nerzmantel da und lächelte breit. Darunter schrieb sie: „Danke, ihr Lieben, für eure Hilfe! Juchka geht’s schon besser!“

Anna kam mit einem schweren Kuvert in der Tasche von der Bank zurück. Tausend Euro. Ein Kredit, den man ihr mit einem geradezu lächerlich hohen Zinssatz bewilligt hatte. Vor dem Hauseingang blieb sie stehen, das Handy in der Hand, und sah erneut auf das Bild von Claudia in dem frischen Nerzmantel.

Unter dem Foto überschlugen sich die Kommentare der Verwandtschaft.

„Was für ein prächtiger Mantel!“

„Claudia, du schaust aus wie eine Königin!“

„Anna, brav von dir, dass du einer Angehörigen geholfen hast!“

Anna fuhr langsam mit dem Lift hinauf. In ihrem Kopf hämmerte nur ein einziger Gedanke: Wie kommen die dazu? Wie trauen die sich das überhaupt?

Die Wohnungstür war nur angelehnt. Aus der Küche drangen Stimmen.

— Natürlich ist sie von Natur aus geizig, hörte Anna Barbaras Stimme. — Meine Schwiegertochter bringt nicht einmal einen ordentlichen Borschtsch zusammen, aber beim Geldzählen ist sie groß.

— Mama, bitte, so musst du nicht reden, versuchte Lukas unsicher einzuwenden.

Anna trat in die Küche. Schlagartig wurde es still. Am Tisch saßen Barbara, Lukas und Claudia, die tatsächlich genau diesen neuen Mantel trug. Vor ihnen standen eine halb gegessene Torte und eine geöffnete Flasche Sekt.

— Ah, da ist ja unsere Wohltäterin! kreischte Claudia und schwenkte ihr Glas. — Annalein, komm her, wir trinken auf mein neues Mäntelein!

Anna stellte ihre Tasche langsam auf den Tisch.

— Hier sind deine tausend Euro, sagte sie mit völlig ruhiger Stimme und zog das Kuvert heraus. — Das Geld für Juchkas Operation. Obwohl es dem Hund dem Foto nach offenbar schlagartig besser gegangen ist.

Claudia wurde rot, fing sich aber sofort und lachte gekünstelt.

— Geh, Anna, sei doch nicht so ernst! Der Mantel ist uralt, das war nur ein Schmäh!

— Wirklich? Anna nahm ihr Handy, öffnete das Foto und hielt es ihr hin. — Auf dem Ärmel hängt noch das Etikett. „Kollektion 2024“. Ein sehr alter Mantel, da hast du recht.

Barbara schob ihren Sessel zurück und stand ruckartig auf.

— Jetzt reicht’s! Hast du überhaupt keinen Respekt vor Älteren? Claudia gehört zu deiner Familie!

— Zu meiner? Anna lachte bitter. — Meine Familie nimmt keine Kredite für Pelzmäntel auf, während ich zwei Jobs schupfe.

Endlich hob Lukas den Blick.

— Anna, hör auf. Du blamierst mich vor meiner Familie.

— Ich blamiere dich? Ihre Stimme zitterte. — Du überweist unser ganzes Geld an deine Mutter, deine Tante zieht mir mit einer Lüge tausend Euro aus der Tasche, und jetzt feiern sie hier auf meine Rechnung. Und ich bin das Problem?

Barbara trat näher an sie heran.

— Wenn du nicht weißt, wie man sich benimmt, werden wir es dir beibringen. Ab morgen kochst du nach meinem Speiseplan, putzt nach meinem Plan, und dein gesamtes Gehalt kommt ins gemeinsame Haushaltsbudget.

Hedis Stube