Anna ordnete jedes einzelne Blatt, steckte die Belege, Auszüge und Ausdrucke sorgfältig in eine Mappe und brachte alles zu Julia.
Die Freundin blätterte die Unterlagen durch, erst rasch, dann langsamer. Schließlich hob sie den Blick.
„Sehr gut“, sagte sie. „Das reicht. Ab jetzt gehen wir nicht mehr in die Defensive.“
Genau eine Woche später, so wie Lukas es angekündigt hatte, kam er wieder auf das Thema zurück.
„Na? Hast du es dir überlegt?“
Anna saß auf dem Sofa. Ihre Hände lagen ruhig in ihrem Schoß.
„Ja“, antwortete sie. „Lassen wir uns scheiden.“
Damit hatte Lukas nicht gerechnet. Für einen Moment blieb er wie erstarrt stehen.
„Das meinst du ernst?“
„Vollkommen. Bring den Antrag ein. Ich stelle mich nicht quer.“
„Dir ist schon klar, dass du dann mit leeren Händen dastehst?“
Anna lächelte nur leicht.
„Das werden wir sehen.“
Etwas an diesem Lächeln machte Lukas misstrauisch. Doch er ließ sich nichts anmerken.
„Gut“, sagte er knapp. „Wie du willst. Morgen kümmere ich mich darum.“
Am nächsten Tag reichte er die Scheidung ein. Einen Monat später war alles erledigt.
Lukas fühlte sich als Sieger. Endlich frei. Endlich konnte er offen mit Lena zusammen sein, der jungen Filialleiterin aus einem seiner Geschäfte, mit der er seit zwei Jahren ein Verhältnis hatte.
Anna zog aus der Wohnung aus und mietete sich ein kleines Studio. Lukas war überzeugt, die Sache sei damit abgeschlossen.
Eine Woche danach lag jedoch eine gerichtliche Ladung in seiner Post. Klage auf Aufteilung des ehelichen Vermögens. Klägerin: Anna Sergejewna Wolkowa, vormals Gromowa.
Als Lukas die Klageschrift gelesen hatte, wurde ihm eiskalt.
Anna verlangte die Hälfte von allem. Von der Wohnung im Wert von 60.000 Euro. Vom Haus im Wert von 100.000 Euro. Von den beiden Autos, zusammen 30.000 Euro. Und vor allem: vom Unternehmen. Sieben Geschäfte, bewertet mit 400.000 Euro.
Unterm Strich forderte sie 295.000 Euro.
„Die ist ja völlig durchgedreht“, murmelte Lukas.
Er rief sofort seinen Anwalt an.
„Michael Petrowitsch, meine Ex-Frau hat eine Vermögensaufteilung beantragt. Sie will fast 300.000 Euro. Das ist doch ein schlechter Witz.“
Der Anwalt ließ sich die Unterlagen schicken und prüfte sie.
„Lukas Viktorowitsch“, sagte er schließlich, „ich fürchte, das ist kein Witz. Ihre ehemalige Frau hat durchaus eine Grundlage. Sie hat Nachweise für ihren Beitrag zum Unternehmen vorgelegt. Verträge, Schriftverkehr, Überweisungen. Es ist gut möglich, dass das Gericht ihr folgt.“
„Aber alles läuft auf meinen Namen!“
„Ja. Nur wurde es während der Ehe erworben. Nach dem Gesetz ist das aufzuteilen. Ich habe Ihnen damals nicht umsonst geraten, einen Ehevertrag abzuschließen.“
Vor Wut schleuderte Lukas das Handy aufs Sofa.
Dann begann das Verfahren. Julia vertrat Annas Interessen – und sie tat es hervorragend.
Sie legte sämtliche Dokumente vor. Sie zeigte, dass Anna Geld in den Aufbau der Geschäfte gesteckt, die Buchhaltung geführt und Verträge vorbereitet hatte. Sie machte deutlich, dass Anna ihre eigene berufliche Laufbahn aufgegeben hatte, um die Familie zu tragen, und dass sie auf Drängen ihres Mannes ihre Arbeit aufgegeben hatte.
Zusätzlich brachte Julia die Beweise für Lukas’ Untreue ein: Kreditkartenabrechnungen, Fotos aus sozialen Netzwerken, Aufnahmen von ihm und Lena in Restaurants und Hotels.
„Meine Mandantin hat diese Ehe loyal geführt, ihren Mann unterstützt und ihre ganze Kraft in die Familie investiert“, sagte Julia vor Gericht. „Er hingegen hat gemeinsames Geld für seine Geliebte ausgegeben. Das muss berücksichtigt werden.“
Die Richterin hörte aufmerksam zu.
Lukas saß bleich da. Sein Anwalt versuchte zwar, Einwände vorzubringen, doch die Beweislage war erdrückend.
Nach zwei Monaten erging das Urteil.
Anna wurden sechzig Prozent des gemeinsam erworbenen Vermögens zugesprochen. Das entsprach 354.000 Euro.
Lukas hatte diesen Betrag innerhalb von sechs Monaten an sie zu bezahlen.
